In dem fensterlosen Kellerraum riecht es nach Schweiß. Ohne Unterbrechung hört man Kugeln rollen und Kegel purzeln. Jeden Dienstagabend lassen die Kegler des TSV Schott Mainz ihre fast drei Kilogramm schweren Sportgeräte über die vier Bahnen rotieren. Was sich auf ihrer Hausanlage im Stadtteil Gonsenheim abspielt, hat wenig mit der bisweilen bierseligen Freizeit-Variante der Sportart zu tun, die in den Hinterzimmern mancher Gaststätten betrieben wird. „Ein Kegelwettkampf entspricht konditionell einem 8000- bis 10000-Meter-Lauf“, sagt der Mainzer Coach Giano Beraldo.
„200 Wurf kombiniert“ - so heißt der kräftezehrende Modus, in dem die vier Herren-Mannschaften des TSV Schott ihre Wettkämpfe absolvieren: Dabei hat jeder Spieler 50 Wurf pro Bahn: eine Hälfte „in die Vollen“ (gewertet werden die umgefallenen Kegel), die andere auf „Abräumen“ (es wird so lange geworfen, bis kein Kegel mehr steht). Am Ende werden die Spielergebnisse der sechs Spieler addiert. Gewonnen hat jene Mannschaft, die mehr „Holz“ erzielt hat.
Auf die Technik kommt es an
Dass sich ohne körperliche Fitness solch ein Spiel nicht durchstehen lässt, weiß Frank Schuster aus jahrelanger Erfahrung. Seit 2004 ist er Technik-Trainer im Deutschen Keglerbund Classic (DKBC) und begleitet die Nationalmannschaft auf ihren Reisen. Zwar komme es beim Kegeln nicht so sehr auf den Body-Mass-Index an, sagt er augenzwinkernd, und man könne auch mit 35 Jahren immer noch spitze sein. Gewissen Mindestanforderungen müssten die Sportler aber doch genügen. Spitzenkegler sollten in der Lage sein, einen einstündigen Dauerlauf problemlos durchzustehen. Das könnten auch „Nicht-Modellathleten“, wodurch der Sport offen sei für „Spät- und Quereinsteiger“. So liegt in der Kegelabteilung des TSV Schott der Altersdurchschnitt der Sportler bei fast 50 Jahren.
Die eigentliche Herausforderung beim Kegeln liegt in der Technik. „Von der Bewegung her sind wir mit den Speerwerfern artverwandt“, sagt Schuster. „Der Speerwerfer macht es oben, der Kegler unten.“ Das Prinzip der Energiegewinnung, die präzise Abstimmung von Anlauf und Abwurf, sei dasselbe. Kraft allein bringe gar nichts. Vielmehr sei eine „sehr hohe Wiederholungsgenauigkeit“ beim Bewegungsablauf gefragt. „Wir müssen den Kegelstand auf den Zentimeter genau treffen.“
Vordergründig ähneln sich die zwei Disziplinen
Mario Beraldo hat das viele Jahre versucht - mit Erfolg. Der heute 43-Jährige kam durch seinen Vater, den Mainzer Coach, zum Kegeln. 1991 war er Weltmeister - mit gerade mal 22 Jahren. Er weiß, dass Sportkegeln nicht nur technisch und körperlich anspruchsvoll ist, sondern auch psychisch: Insofern ähnele man einem Sportschützen. Treffe die Kugel nicht da, wo sie soll, gebe es keine Möglichkeit, sich abzureagieren. Zusätzliche Anspannung bringt in den obersten deutschen Kegel-Ligen seit einigen Jahren auch ein weiterer Spielmodus. Bei den „120 Wurf kombiniert“, die sich international durchgesetzt haben, stehen sich zwei Spieler im direkten Vergleich gegenüber und kämpfen um einen Punkt für ihre Mannschaft. Abgerechnet wird nach jedem Satz (30 Wurf). Trotz aller Spannung ist Kegeln manchmal eine buchstäblich langweilige Angelegenheit. Ein Wettkampf kann bis zu fünf Stunden dauern. „Das ist für viele verständlicherweise zu lange“, sagt selbst Erich Duben, der die Kegelabteilung des TSV leitet. So kämen einige Zuschauer erst spät zum Wettkampf, oder sie schauten sich gleich bloß das Ende an. Eine Bowling-Partie ist schneller entschieden.
Vordergründig ähneln sich die zwei Disziplinen. Bowling ging sogar aus dem Kegeln hervor: Es ist eine Reaktion auf das Kegelverbot 1837 in Connecticut. Das Verbot des Spiels auf Lattenbahnen mit neun Kegeln war erfolgt, da oft Geld eingesetzt und auch betrogen wurde. Um das Verbot zu umgehen, fügte man den neun Kegeln einen zehnten hinzu, stellte sie im Dreieck statt im Viereck auf, nannte sie „Pins“ und das neue Spiel „Bowling“. Die auf diese Weise geborene Sportart verbreitete sich rasch und ist heute weiter verbreitet als das herkömmliche Kegeln. Tatsächlich, meint DKBC-Trainer Schuster, lägen in vielerlei Hinsicht aber „Welten“ zwischen beiden. Bowling sei eine „Materialschlacht“. So koste die billigste Bowling-Kugel (eigentlich wird sie „Ball“ genannt) 200 Euro. Ein Spieler, der etwas auf sich hält, spielt nur mit eigenen, maßangefertigten Bällen. Das Material kann hier über Sieg oder Niederlage entscheiden. Bowling-Bälle haben außerdem einen Kern, der eine Unwucht erzeugt. Die braucht es, damit der Effet, den die Bowler ihren Bällen mitgeben, Früchte trägt. Kegler kennen weder die Unwucht noch spielen sie mit Effet. Die Bowler, so Schuster, bezeichneten die Kegler deswegen gerne auch als „Geradeaus-Spieler“. Gemeinsam teilen sie das Schicksal, nicht olympisch zu sein. „Damit fallen wir hinten runter“, sagt Schuster. Darunter leide gerade der Spitzenbereich. Das mache Kegeln zu einer „Sportart zweiter Klasse“. Großanlagen wie in Frankfurt oder Mörfelden gibt es im Rhein-Main-Gebiet nur wenige. Bis 2008 stand eine mit insgesamt zehn Bahnen in Mainz-Weisenau. Das Geschäft habe sich für den Betreiber aber nicht mehr ausgezahlt, erzählt Duben. So kommt es, dass gleich drei andere Vereine die Hausbahn der Schott-Kegler mitnutzen. Auch die große Anlage im nahe gelegenen Ingelheim ist Geschichte. Auf zwölf Bahnen ging es dort „in die Vollen“. „Eine der schönsten Anlagen in Deutschland“ sei das gewesen, erinnert sich der Abteilungsleiter: „hoch gebaut, mit Gastronomie.“ Sie sei dann jedoch aufgekauft und fürs Bowling umgebaut worden.