31.08.2010 · Hundert Runden in sieben Wochen: Boxer Wladimir Klitschko bereitet sich in Tirol auf den WM-Kampf am 11. September in Frankfurt vor.
Von Hartmut Scherzer, GoingEin schwarzer Typ mit Brille und Knopf eines iPods im Ohr tänzelt herein. Die Tennishalle, in der ein Boxring steht und vier Sandsäcke hängen, ist noch leer. Trevor Bryan lässt seine massigen 124 Kilo auf einen Stuhl plumpsen. Er wiegt den Kopf zum Rhythmus in seinem Ohr. Auf seinem roten T-Shirt steht die Losung: „Failure is no option.“ Scheitern ist keine Lösung. Der Schwergewichtsboxer weiß da noch nicht, dass von den fünf Sparringspartnern er allein an diesem Nachmittag die Fäuste von Wladimir Klitschko zu spüren bekommen wird.
Der Weltmeister trainiert in einem Tiroler Nobelhotel am Wilden Kaiser für die Titelverteidigung am 11. September in der Frankfurter Fußball-Arena gegen den in Las Vegas lebenden Nigerianer Samuel Peter. Neben all den Annehmlichkeiten der Luxusherberge wird den Gästen auch Boxen eines Champions geboten. Die Stuhlreihen füllen sich. Einige Neugierige schauen in weißen Frotteebademänteln herein. Auch die anderen vier Trainingsgehilfen trudeln ein und machen sich für die Arbeit fertig. Es ist – gemessen an den sonstigen Bedingungen in ihrem Job – kein schlechter Job. Sie wohnen in Fünf-Sterne-Luxus und werden dafür auch noch bezahlt. Nur Jonathan Banks, ein Ranglistenfighter mit eigenen Ambitionen und seit fünf Jahren Trainingspartner der Klitschkos, sparrt ohne Bezahlung. Dafür bestreitet er den gut bezahlten zweiten Hauptkampf in Frankfurt.
Namen vertauscht
Die Klitschko-Brüder, Trainer Emanuel Steward und Manager Bernd Bönte betreten die Halle. Vitali begrüßt Reporter, Fotografen und Zuschauer per Handschlag. Wladimir ist schon voll konzentriert, ordnet auf dem Rand des blauen Ringbelags seine Utensilien. Ein Paar 18-Unzen-Handschuhe, Bandagen, Tief- und Kopfschutz. Die Binden wickelt Wladimir noch selbst um seine großen Hände. Das Einpacken der Fäuste in Klebeband (Tape) aber ist eine Kunst für sich – und ein Ritual. Wladimirs mächtige Arme ruhen auf einer eigens gepolsterten Stuhllehne. Steward, 66 Jahre alt und einer der Gurus der Branche, sitzt ihm gegenüber und wickelt die beiden Fäuste so behutsam wie Mütter Babypopos. Auf zwei Videoschirmen laufen die letzten Kämpfe Peters gegen Eddie Chambers (Punktniederlage) und der K.o.-Sieg zuletzt gegen Nagy Aguilera. Wladimir Klitschko schaut hin und wieder auf den Monitor. „Ich habe die Kämpfe schon hundertmal gesehen und entdecke stets etwas Neues.“
Wladimir und Vitali haben sich einen Gag einfallen lassen. Auf ihren grauen T-Shirts steht der Name des anderen. Die Schriftzüge Vitali und Dr. Eisenfaust auf dem Hemd müssen die Fotografen ablichten, als Wladimir mit Lockerungs- und Dehnübungen das Training beginnt. Klitschko und Bryan sind mit dicken Lederhelmen und breiten Suspensorien gepanzert. Klitschkos Linke diktiert das Geschehen. Bryan klammert viel. „Break“, brüllt Stewards Assistent James Baschir aus der Ecke. Steward bewegt sich wie ein Referee durch den Ring, gibt aber keine Kommandos, sondern korrigiert nur hin und wieder Klitschkos Beinstellung.
„Ich fühle mich wohl in meiner Haut“
Es klingelt. Die Zuschauer applaudieren. Steward lehnt sich über die Seile und spricht zum Publikum. Den Kampf gegen Peter könnten sie „live and free on RTL, September Eleven“ sehen. Klitschko trifft mit einer vollen Rechten. Baschir schlägt bestürzt die Hände vors Gesicht. Aber Bryan wackelt nur. Vier Runden. Das war‘s. Am Ende der siebenwöchigen Vorbereitung in Tirol werden es rund hundert sein.
Wladimir Klitschko habe schon am Vormittag zwei Stunden trainiert, begründet Steward die Kürze des Boxens. Der Weltmeister lässt noch den Speedball mit blanken Fäusten gegen die Plattform rattern. Dann dreht, dehnt und verrenkt Physiotherapeut Matthias Braunger Arme, Beine, Hüften und Schultern des Zwei-Meter-Mannes. Er sei jetzt schlauer, wie man seinen Körper schonen und in bestem Zustand halten kann, erklärt Klitschko das bei Boxern ungewöhnliche Zusatzprogramm. „Ich fühle mich wohl in meiner Haut.“ Derweil wird Bryan von den Reportern umringt. Altklug plappert der Bursche drauflos. Er sei der Jüngste im Team, gerade 21 Jahre alt geworden. Es sei eine Ehre für ihn, mit dem Weltmeister zu trainieren. Aber der müsse aufpassen: „Peter ist ein Bulle.“ Es stellt sich schließlich heraus, das der Junge gar kein Profi ist, sondern noch Amateur aus Upstate New York, der 2012 Olympiasieger werden will. Steward hatte beim Trainer des amerikanischen Olympiakaders angerufen, ob er ihm ein Schwergewicht nach Österreich schicken wolle. Kollege Banks nimmt den keuchenden Bryan beiseite: „Junge, du musst deine Deckung verbessern. Du nimmst zu viele Schläge.“
Ein neu motivierter Herausforderer
Am nächsten Nachmittag hat Klitschko frei. Plauderstunde in der Bibliothek. Sein Blick geht während Stewards Redeschwall ins Leere. Er sei „sehr fokussiert“. Aber der Ukrainer beantwortet ausgiebig alle Fragen. Hauptsächlich geht es um den ersten Kampf gegen Peter vor fünf Jahren in Atlantic City, um den Punktsieg trotz dreier Niederschläge. Nach den K.o.-Debakeln gegen Sanders und Brewster war dieser Kampf der Wendepunkt in seiner Karriere. „Das war ein Meilenstein für mich“, sagt Klitschko nachdenklich. „Denn für die Amerikaner hatte ich keinen Mut, keine Kondition, kein Kinn. Peter aber sollte über mich als der neue Mike Tyson aufgebaut werden.“
Nicht den Peter, der gegen seinen Bruder vor zwei Jahren eine klägliche Figur abgab, erwartet Wladimir Klitschko, sondern einen neu motivierten Herausforderer. Peter ist Don King losgeworden, hat mit Bob Arum einen neuen Promoter, mit Abel Sanchez einen neuen Trainer gefunden und wog bei seinem letzten Kampf zehn Pfund weniger als gegen Vitali. „Peter atmet jetzt frische Luft“, sagt Klitschko. Er erzählt, das Trainingscamp sei wie Urlaub. In seinem Blockhaus gibt es keinen Handyempfang. Er boxe nicht, um in die Geschichte einzugehen wie Ali, sondern für sein Ego und die Begeisterung der Menschen: „Meine Kämpfe sind ein Dialog mit dem Publikum. Jetzt will ich die Frankfurter als meine Fans gewinnen. Darauf freue ich mich riesig.“