Home
http://www.faz.net/-gzn-pw9h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Volleyball Ein erlösender Sieg für den VC Wiesbaden

 ·  So locker und gelöst hatte man Elizaweta Tischchenko in Wiesbaden selten gesehen. Fröhlich plaudernd stand die Russin nach der Partie zwischen dem VC Wiesbaden und dem SCU Emlichheim am Spielfeldrand.

Artikel Lesermeinungen (0)

So locker und gelöst hatte man Elizaweta Tischchenko in Wiesbaden selten gesehen. Fröhlich plaudernd stand die Russin nach der Partie zwischen dem VC Wiesbaden und dem SCU Emlichheim am Spielfeldrand. 3:0 hatten die erstklassigen Volleyballfrauen aus der hessischen Hauptstadt am Samstag abend den SCU geschlagen - der Sieg war wie eine Erlösung für die Mannschaft von Trainer Luis Ferradas, die zuvor fünf Spiele in Folge verloren hatte. In den Wochen zuvor war Elizaweta Tischenko, der Star aus Rußland, noch deutlich wortkarger gewesen, wenn Reporter ihre Meinung zum Spiel hatten hören wollen. Sicherlich war es nun auch das lange ersehnte Erfolgserlebnis, das für die nötige Lockerheit bei "Lisa", wie die 29 Jahre alte Mittelblockerin von ihren Kolleginnen gerufen wird, sorgte.

Dabei hatte der Sieg über den Tabellenletzten aus dem nahe der holländischen Grenze gelegenen Ort Emlichheim gezeigt, daß der VC Wiesbaden noch hart an sich arbeiten muß, um in der ersten Bundesliga zu bleiben. Der SCU stand schon vor der Partie in der Sporthalle am Zweiten Ring mit elf Niederlagen abgeschlagen auf dem letzten Platz der Tabelle. Daß es Spannungen in der Mannschaft gab, ist weiter nicht verwunderlich. Kürzlich hat Pierre Mathieu, der holländische Trainer des SCU, seine Sachen gepackt und sich aus Emlichheim verabschiedet. In Wiesbaden saß die ehemalige Spielerin Danuta Brinkmann, deren Tochter Anita gegen den VC im Kader stand, auf der Bank und versuchte ihre Mannschaft vor dem allzuschnellen Untergang gegen die technisch deutlich überlegenen Wiesbadenerinnen zu bewahren. Was im ersten Satz noch halbwegs funktionierte. Das 25:23 war ein erstes, erlösendes Erfolgserlebnis für die zuweilen verkrampft wirkenden Spielerinnen des VC. Danach ging manches, wenn auch lange nicht alles, deutlich leichter. 25:14 und 25:16 endeten die beiden folgenden Sätze - und dann hatten die knapp tausend Fans und die Mannschaft von Trainer Ferradas endlich wieder einmal Grund zum Jubeln.

"Ein sehr wichtiger Sieg", sagte Ferradas, sei das 3:0 gewesen. Wohtuend war das Erfolgserlebnis in mehrfacher Hinsicht. Psychologisch auf der einen Seite - denn es stellte viel von dem nach fünf Niederlagen angeknacksten Selbstbewußtsein der Hessinnen wieder her. Und mathematisch auf der anderen - denn der VC Wiesbaden liegt damit vier Punkte vor dem Vorletzten der Bundesliga, dem BVC 68 Berlin, auf Rang zehn. Entlastung brachte der umjubelte Sieg zudem noch aus anderer Hinsicht. Im November hatte der VC den wohl spektakulärsten Neuzugang der ersten Liga vermeldet: Elizawata Tischchenko. Bislang war der Nachweis, daß sich die Verpflichtung des russischen Stars, der mit der Erfahrung von 480 Länderspielen zum Aufsteiger kam, sportlich auch wirklich auszahlt, noch nicht erbracht worden. Die 1,90 Meter große Silbermedaillengewinnerin saß meist in modischer Alltagskleidung auf der Bank, und so mancher Zweifel kam auf, ob "Lisa" denn wegen ihrer Knieprobleme überhaupt spielen können würde. Am Samstag gab es endlich die Antwort: Sie konnte. Trainer Ferradas ließ den Neuzugang das komplette Spiel absolvieren, und die Russin bedankte sich für das Vertrauen mit etlichen schönen Szenen. Zwei "Aufsteiger" - kurz gestellte, in der ansteigenden Flugphase geschlagene Schmetterbälle - waren die Höhepunkte. Dazu brachte Elizaweta Tischchenko spürbar Übersicht und Ruhe ins Spiel. "Sie ist derzeit bei rund dreißig Prozent ihres alten Leistungsvermögens", sagt Ferradas, "ich denke, fünfzig Prozent sind möglich. Und das wäre für uns schon gut genug." Zur Zeit trainiert die Russin dreimal pro Woche mit der Mannschaft, zweimal geht sie ins Fitneßstudio, um gegen ihre Problemzonen, die lädierten Knie, anzukämpfen. Am Donnerstag hatte ihr Einsatz gegen Emlichheim noch auf Messers Schneide gestanden, denn eine Injektion hatte das rechte Kniegelenk stark anschwellen lassen. Die Probleme drückten sich in fehlender Sprungkraft aus, aber 1,90 Meter Körpergröße und die Erfahrung, die "Lisa" mit ins Spiel bringt, machten den Mangel an Dynamik wett.

Seit Dezember ist Elizaweta Tischchenko, die in Frankfurt eine Sportmarketingfirma aufbauen soll, Vorstandsmitglied im russischen Volleyballverband. "Sie ist die erste Spielerin, die im Verbandspräsidium sitzt", sagt Jürgen Bracht, Lebensgefährte und künftiger Ehemann der Russin. Die Hochzeit soll in vierzehn Tagen im Biebricher Schloß gefeiert werden. Lauter erfreuliche Dinge also für Elizaweta Tischchenko. Und auch ihr Deutsch macht Fortschritte. Auffällig sind die glasklare Aussprache und der Sinn für Humor: "Deutsch ist eine sehr schöne und melodische Sprache."

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1956, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Zwischen Zuckeln und Rasen

Von Mechthild Harting

Der FDP-Verkehrsminister Florian Rentsch will kein Tempo-30-Limit nachts auf Frankfurter Hauptverkehrsstraßen. Das ist nun offensichtlich und nicht per se verwerflich. Seine Begründung hingegen klingt kurios. Mehr 2

Ergebnisse, Tabellen und Statistik