Die vier jungen Frauen in den knappen Shorts, zudem barfuß, passten auf den ersten Blick nicht zu all den Anzugträgern in guten Schuhen. Und doch hatte es eine tiefere Bedeutung, dass Steffi Lehmann, Barbara Wezorke, Martina Novotna und Rebecca Schäperklaus am Freitag im Volleyball-Outfit am Wiesbadener Platz der deutschen Einheit auftauchten. Die vier Bundesliga-Profis des VC Wiesbaden spielten ein paar Bälle Beachvolleyball zwischen den Baggern auf der großen Baustelle, die einmal ihr sportliches Wohnzimmer werden soll. Sie bildeten das bessere Bild neben den üblichen Spatenstich-Posen, die solche Anlässe gewöhnlich bieten.
Eine lange Jahre währende Hängepartie geht mit dem offiziellen Baubeginn des 48-Millionen-Euro-Projekts in die letzte Runde. Gleichwohl wird es noch 20 Monate dauern, bis das Bauwerk, das auch Unterrichtsstätte für die benachbarte Elly-Heuss-Schule sein wird und zudem Büros, Tiefgarage, Läden und Restaurants beherbergen soll, tatsächlich schlüsselfertig übergeben wird. „Ich bin sehr glücklich, dass die Halle kommt“, sagt der VCW-Vorsitzende Georg Kleinekathöfer. Sie gebe seinem Verein die nötige Planungssicherheit, langfristig in der Bundesliga mitwirken zu dürfen. Seit Jahren schon hing die Spielberechtigung an immer wieder neu erteilten Ausnahmegenehmigungen durch die Deutsche Volleyball-Liga. Die alte Halle am zweiten Ring ist für den Profibetrieb schlicht zwei Meter zu niedrig.
Während die Konkurrenten in Hamburg, Köpenick, Potsdam, Schwerin, Stuttgart und Vilsbiburg in den vergangenen Jahren neue Hallen bekamen und sich als Volleyball-Standort besser positionierten, hangelte sich der VCW seit 2004 von Jahr zu Jahr - stets den Charme seiner alten Schulturnhalle vorschiebend und auf einen Neubau hoffend.
Für die kommende Spielzeit hat die Liga nun nur noch ein Auge und nicht mehr beide zugedrückt: Die regulären Saisonspiele darf der VCW noch an gewohnter Stelle bestreiten, doch für Pokalspiele und Playoffs muss ein Ausweichspielort gesucht werden. Da der Ligamodus kräftig durchgewirbelt wurde, könnten bis zu 14 Spiele in den Playoffs stattfinden, davon etwa die Hälfte zu Hause. „Zum Glück haben wir in der ersten Pokal-Runde ein Auswärtsspiel“, sagt Geschäftsführer Günter Higelin, der Ausweichquartiere in Rüsselsheim und Frankfurt sondiert.
Unabhängig vom Playoff-Modus, der zehn von zwölf Mannschaften nach der regulären Saison noch die Chance auf den Titel lässt, strebt der VC Wiesbaden nach Platz sieben 2012 eine Verbesserung an, um sich dauerhaft im Kreise der Spitzenklubs zu etablieren. Die Vorzeichen stehen nicht schlecht, denn der harte Kern des Teams - acht von zwölf Spielerinnen - ist geblieben. Als Letzte hat Angreiferin Ksenija Ivanovic ihren Verbleib zugesagt. Die Nationalspielerin aus Montenegro wird allerdings ebenso wie Regina Burchardt und Zuspielerin Martina Viestova, die für die Slowakei in der Europameisterschafts-Qualifikation gefragt ist, erst im September in Wiesbaden eintreffen, wenn alle internationalen Verpflichtungen absolviert sind.
Für alle anderen startet Trainer Andreas Vollmer im Juli in die Saisonvorbereitung. Dann werden auch die beiden amerikanischen Neuzugänge Heather Meyers und Meredith Schamun zum Team stoßen. Schon jetzt ist die frühere Junioren-Nationalspielerin Rebecca Schäperklaus in Wiesbaden angekommen. Die 19-Jährige, zuvor in Münster und Sinsheim am Ball, hat ihren ersten Einsatz - das Beachvolleyball-Spiel beim Spatenstich - „sogar ohne Navigationsgerät“ gefunden. Und auch Steffi Lehmann hat um ein Jahr verlängert. Nach acht Jahren Wiesbaden sah sie keinen Grund, Stadt und Verein zu verlassen. Der Bau der 2000 Zuschauer fassenden neuen Halle habe bei ihrer Entscheidung allerdings keine Rolle gespielt. „Ich denke nur noch von Jahr zu Jahr.“

