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„Ultras“ unter den Fußballfans Das Leben in der Gegenwelt

17.11.2009 ·  Die „Ultra“-Szene im Fußball stellt Vereine, Verbände, Polizei und Justiz vor Aufgaben, die sie bisher nicht kannten. Die Staatsanwaltschaft sieht „erhebliches Gefahrenpotential“. Ein Zwischenbericht.

Von Hans-Joachim Leyenberg
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Unmittelbar war die Provokation wieder präsent. ACAB – vier Großbuchstaben als Graffito im Volksbankstadion am Bornheimer Hang. An der Stirnseite des Notausgangs der Haupttribüne. Unscheinbar, doch für Polizisten aller Coleur ein Fanal: All cops are bastards, also alle Bullen sind Bastarde. Nicht zu übersehen für eine Gruppe, die gekommen war, um die Arena zu besichtigen – unter sicherheitsrelevanten Aspekten. In der Mehrzahl Polizisten mit Einsätzen in Fußballstadien, aber auch Fanbetreuer. Die zuckten mit den Achseln. ACAB, nun gut, Jugendkultur, also nicht zu hoch hängen. Wegsehen, weghören, wenn’s nicht ärger kommt – so der Ratschlag schon an den Vortagen. Während der Tagung der Evangelischen Akademie in Arnoldshain mit dem Thema „Fußballfans. Herausforderung für Vereine, Verbände, Polizei, Justiz und Politik.“ Wer auch immer zu Wort kam, ob Soziologe, Richter, Staatsanwalt oder Polizeipräsident, registrierte die Eskalation der Gewalt in den Zentren und den Nebenschauplätzen des Fußballs.

Seit der Hooligan Ende der achtziger Jahre zum Auslaufmodell geworden ist, sind die Ultras ein Jahrzehnt danach in Mode gekommen. Per se keine Gewalttäter, deren harter Kern allerdings ein „erhebliches Gefahrenpotential“ in sich birgt, wie Peter Köhler, früherer Frankfurter Staatsanwalt, weiß. Frankfurt liegt, wenn es um die größte Problemfanszene hierzulande geht, weit vor allen anderen Bundesliga-Standorten. „1050 Personen sind interessant für uns“, rechnete Lutz Wiese, Direktor der Polizeidirektion Frankfurt Süd, zu dem das Stadionareal samt Umfeld zählt, hoch.

„Angesagteste Form der jugendlichen Subkultur“

Die Fronten zwischen den Ultras, die Michael Gabriel von der Koordinierungsstelle Fan-Projekte momentan für die „angesagteste Form der jugendlichen Subkultur“ hält, und der Polizei sind verhärtet. „Die Ultras sind geschlossen, wenn es gegen uns geht“, sagt Wiese mit einem Anflug von Resignation nach endlos vielen gescheiterten Versuchen, mit dieser Gruppierung ins Gespräch zu kommen. Mit neuen Themen (Freiheit für die Kurve), neuen Unterstützungsformen (Choreographie, Pyrotechnik) und neuen Kommunikationsmitteln (Handy, Laptop). „Die Ultras“, sagt Andreas Klose, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fachhochschule Potsdam, haben sich dem Kampf wider die Kommerzialisierung und für die Demokratisierung verschrieben. Allerdings unter einer ultimativen Vorgabe: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Verbote werden grundsätzlich als Schikane angesehen. Die Präsenz der Polizei wird selbst im Urteil der „Normalos“ als repressiv, ja Provokation empfunden.

Der Soziologe Professor Gunter A. Pilz, Berater von Theo Zwanziger, dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes, wenn es um Fan-Verhalten geht, hat die Wortschöpfung „Hooltras“ geprägt, die Kombination von Hooligans und Ultras. Pilz, der sich als Gewaltforscher einen Namen gemacht hat, sagt, dass der „Modernisierungsprozess der Werte und Verhaltensmodelle des Zeitgeistes“ neben dem neuen Spielertyp auch den neuen Fan hervorgebracht hat. Aus der Sicht des Fußball-Staatsanwalts Köhler hat sich der Fußball zu einem sehr gut bezahlten Kampfsport entwickelt. Wie im Geschäftsleben sei „die Kohle vorrangig“, Vereinsbindung von gestern, auch Kollegialität. Auf den Rängen steige die Zahl derer, die nicht in der Lage seien, Regeln zu erkennen und zu akzeptieren. Das sei weder mit Polizei noch Sozialarbeit zu lösen.

„Feind meines Freundes ist mein Feind“

Vielfach entwurzelt, ohne Arbeit und Halt in der Familie, zugleich Konsum- und erlebnisorientiert, ist die Fußball-Szene ein Auffangbecken für jene, die sich dorthin gezogen fühlen, „wo die beste Action abgeht“. Körperliche Gewalt zählt dazu. Laut einer Studie in Karlsruhe outeten sich 90 Prozent des harten Kerns derer, die ihren Stammplatz in der Fankurve haben, als gewaltfasziniert. 30 Prozent bekannten sich dazu, Gewalt auszuüben. Die Hooltras, so Pilz, hätten sich eine Gegenwelt geschaffen, in der sie selbst die Regeln bestimmen. Vereine, Verbände und Polizei sind willkommene Feindbilder.

Bei gegnerischen Fans wird unterschieden zwischen befreundeten und verfeindeten Lagern. Im Vorfeld ist dann zwischen Spielen mit wenig Brisanz, erhöhter Brisanz und Risikospielen zu unterscheiden. Ein Dogma ist den Ultras mit familienähnlichen Strukturen heilig: Der Feind meines Freundes ist mein Feind. Im Umkehrschluss gilt das auch für den Freund. „Der Sport“, so die These von Pilz, „ist nicht Spiegel der Gesellschaft, sondern ihr Brennglas.“ Es spiegele Fehlentwicklungen, in diesem Fall eine neue Dimension der Gewalt, die in der Ultra-Szene durchaus kontrovers diskutiert werde. Dort gebe es Kreise, die sich von körperlicher Gewalt distanzieren, aber nie so weit gehen würden, beim Rechtsbruch Ross und Reiter zu nennen.

Häufige „Drittortauseinandersetzungen“

Weil die Kontrolle in den modernen Arenen so umfassend geworden ist, haben sich Übergriffe verlagert. Sogenannte „Drittortauseinandersetzungen“ sind an der Tagesordnung – oder Randale auf den Verkehrswegen, vorzugsweise Züge, oder bei Tankstellen oder Raststätten. Dort werden in der Gruppe Aggressionen ausgelebt, so der Frankfurter Richter Justus Koch, die sich die Täter als Einzelpersonen nicht trauen würden. Die Justiz scheitere jedoch oft am Nachweisproblem, weil Straftaten aus der Anonymität der Menge heraus begangen werden. „Die Polizeitaktik beißt sich mit dem Strafrecht“, sagte Koch. Die Gefahrenabwehr rangiere halt vor der Strafverfolgung. „Auch die Polizei macht Fehler.“ Offenbar überfordert die Unterscheidung zwischen Fans, die sich auf verbale Provokation beschränken, und jenen, die etwas im Schilde führen. Antje Hagel vom Fanprojekt Offenbach beklagte „die Überkontrolle und Überüberwachung“, erntete aber nur Achselzucken aus dem Lager der Polizei und Justiz.

In der Saison 2008/2009 kamen vor dem Landgericht Frankfurt 79 fußballtypische Strafanzeigen zur Verhandlung. Eine abschreckende Wirkung auf die Ultras mit Gewaltpotential vermochte Koch nicht zu erkennen. In diesen Kreisen gelte eine Verurteilung, und sei es ein Stadionverbot, als Ansehenssteigerung. Was also kann die Strafverfolgung leisten? „Recht wenig“, sagte Koch. Offensichtlich ist ein Räuber-und-Gendarm-Spiel in Gang, dessen Ausgangslage komplizierter und unübersichtlicher geworden ist, als sie je war.

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