06.11.2007 · Wer dem Ultimate Frisbee nachgeht, wurde früher schnell als Sonderling verspottet. Dabei gibt es für den Sport, der aus Amerika kommt, längst Weltmeisterschaften und eine Champions League.
Von Michael WittershagenNassgeschwitzt und atemlos sitzt sie auf einer Holzbank. Sie streicht sich die Haare aus dem Gesicht und schaut mit großen Augen auf das Spielfeld, sie verfolgt das weiße Frisbee bei seinem Flug durch die Halle, hört die Schreie der Mädchen und das Klatschen der Hände. „Es ist einfach wie eine Sucht“, sagt Bärbel Debold. Sie wiederholt diesen Satz noch einmal und lächelt. Die Siebenunddreißigjährige ist so etwas wie die Pionierin einer Sportart, die sie ihre „große Leidenschaft“ nennt: Ultimate Frisbee, was ein bisschen martialisch klingt, nach Kampf und Verletzungen. „Es ist hart, aber immer fair“, meint Bärbel Debold. Dann schaut sie glücklich.
An diesem Morgen ist sie mit den „Mainzelmädchen“ in eine Sporthalle nach Nieder-Eschbach gekommen, um den Wintercup auszuspielen. Hinter dem Eingang haben sie Stühle und Tische aufgebaut, es riecht nach Kaffee und Schnittchen, Gitarrenmusik flirrt durch die Räume. Einige Mädchen tragen Röcke und Kniestrümpfe, die jungen Männer Kapuzenpullover und weite Hosen. Diejenigen, die dort zusammensitzen, sind nicht nur Gegner. Es sind auch Enthusiasten einer Sportart, die sie gegen viele Widerstände betreiben und für deren Akzeptanz sie deshalb miteinander kämpfen.
Weltmeisterschaften werden ausgetragen
Bärbel Debold erinnert sich noch gut an die Anfänge. Zu Beginn der neunziger Jahre waren sie an der Universität Mainz die verrückten Außenseiter, eine Gruppe von zehn jungen Sportlern, die sich zusammenschlossen, um Ultimate Frisbee zu spielen. „Scheibenschmeißer“ haben die anderen sie genannt und gemeint, dass sie doch im Freibad mit dem Frisbee werfen könnten, um keine kostbaren Hallenzeiten zu blockieren. Die meisten, die sich dort beschwerten, wussten indes überhaupt nicht, was Bärbel Debold und die anderen dort machten.
Dabei werden bereits seit 1983 Weltmeisterschaften im Ultimate Frisbee ausgetragen. Wie so vieles kommt auch diese Sportart aus den Vereinigten Staaten. Mittlerweile gibt es in Europa eine Champions League, in der sich Mannschaften aus Basel, London oder Helsinki messen. In der Halle spielen fünf gegen fünf, draußen sieben gegen sieben. Es geht darum, in der Endzone des Gegners die runde Plastikscheibe zu fangen, was dann mit einem Punkt belohnt wird. Wer das Frisbee in der Hand hält, darf sich nur mit einem Sternschritt bewegen. All das erinnert ein bisschen an American Football und Basketball. Aber wer Ultimate Frisbee spielt, der hält nicht viel von derartigen Vergleichen. Die Sportler wollen durch ihre eigene Sache bekannt werden. Und sie wollen nicht immer nur als Bewegungsromantiker gelten, sondern als Leistungssportler anerkannt werden.
Auch Bärbel Debold hat es bis zur Nationalspielerin gebracht, 1994 war sie bei den Weltmeisterschaften in Colchester in England dabei, sie hat damals im Eröffnungsspiel gegen Japan gespielt und trug dabei die deutsche Flagge auf dem Trikot. „Das hat mich unglaublich stolz gemacht, und gleichzeitig konnte ich das, was passiert ist, überhaupt nicht begreifen.“ Sie spricht gern über solche Momente ihrer Karriere, die sie nie als eine solche bezeichnen würde. Es sei einfach nur eine große Faszination, ein Hobby. Bärbel Debold ist mittlerweile in einem Alter, in dem man nicht mehr an die Nationalmannschaft denkt. Vor acht Monaten hat sie einen Sohn zur Welt gebracht, sie hat nur einmal trainiert seitdem, heute spielt sie ihr zweites Turnier in diesem Jahr. Sie ist froh, überhaupt wieder dabei zu sein, das Plastik in der Hand zu spüren. Weil sie dieses Gefühl in den vergangenen Monaten so sehr vermisst hat.
„Mainzelmädchen“ gegen „Frau Rauscher“
Es ist kurz nach zwölf, in zwanzig Minuten wird das dritte Spiel der „Mainzelmädchen“ an diesem Tag angepfiffen. Es geht gegen „Frau Rauscher“, eine Mannschaft aus Frankfurt, die noch nicht sehr lange zusammen spielt. Die „Mainzelmädchen“ hocken in einem Halbkreis, und auf einer kleinen Taktiktafel schiebt Bärbel Debold rote und gelbe Punkte hin und her. Sie sagt: „Und dann musst du entgegenkommen und kreuzen.“ In einem Spiel, das bestimmt ist von Manndeckung und dem Zustellen von Passwegen, kommt es auf Laufwege und schnelle Kombinationen an.
Ein paar Meter weiter in einer Ecke des Raums steht ein Mann und beobachtet die Taktikbesprechung der „Mainzelmädchen“. Er schmunzelt. Axel Baier hat das heutige Turnier, das von der Frankfurter Eintracht ausgerichtet wird, organisiert. Seit zwei Jahren sind die Ultimate-Frisbee-Spieler in der Mainmetropole im bedeutsamsten Verein der Stadt untergebracht – ausgerechnet in der Rugby-Abteilung. „Das sind ganz nette Kerle dort. Die spielen eben nur ein wenig härter als wir“, sagt Axel Baier. Anders als die Rugby-Freunde verzichten die Spieler beim Ultimate Frisbee sogar auf einen Schiedsrichter. Wenn doch mal jemand den anderen foult, zeigt er das selbst an. „Spirit of the game“ sagen sie dazu.
Wie viele andere auch hat Baier Ultimate Frisbee vor sechs Jahren an der Universität für sich entdeckt. Er ist groß und schlank, die anderen in der Mannschaft sagen über ihn, dass er „krass athletisch“ ist. Der Siebenundzwanzigjährige spielt in einem gemischten Team. Frauen und Männer Seite an Seite. Im Gegensatz zu anderen Mannschaftssportarten ist das beim Ultimate Frisbee kein Problem. Es ist eines der Dinge, die Baier so sehr an diesem Sport liebt. Volleyball, Tischtennis und Hockey hatte er schon ausprobiert, beim Ultimate Frisbee will er noch ein paar Jahre bleiben. Er ist auf die Tribüne gegangen, in der rechten Hand hält er einen Plastikbecher mit Kaffee. Eine ältere Zuschauerin stellt sich neben ihn, sie schaut ratlos auf das Feld. Baier erklärt ihr die Feinheiten des Spiels und sagt: „Das ist eine richtig tolle Sache.“
70 bis 80 Mannschaften in Deutschland
Unten laufen die „Mainzelmädchen“ auf das Spielfeld. Die meisten von ihnen sind um die zwanzig. Mit kleinen, schnellen Schritten bewegt sich Bärbel Debold über den Hallenboden, ihre Augen fixieren die Gegnerin, sie breitet die Arme aus, stellt die Grundlinie zu – und erobert das Frisbee. Sie blickt auf, knickt den Arm über dem Kopf ab, wirft die Plastikscheibe zwanzig Meter nach vorn. Punkt für die „Mainzelmädchen“. Es gibt viele solcher Situationen an diesem Tag, in denen ihre Erfahrung sichtbar wird.
Es gibt nur wenige Mannschaften, die in Deutschland Ultimate Frisbee spielen, Schätzungen gehen von 70 bis 80 aus. Das macht die Organisation von Meisterschaften so schwer, weil die Begegnungen immer mit einem langen Anfahrtsweg und hohen Kosten verbunden sind. Ligaspiele werden deshalb immer an einem Wochenende ausgetragen. An einem Sonntagabend im Frühjahr steht so stets der Meister einer Hallensaison fest. Die „Mainzelmädchen“ haben lange in der ersten Liga gespielt, sie wurden sogar zweimal deutscher Meister. Bis viele von ihnen schwanger wurden. In dieser Saison müssen sie sich erst wieder für die höchste Spielklasse bei den Damen qualifizieren.
Bärbel Debold wird dabei sein. Sie wird sich wieder kompromisslos auf den Hallenboden schmeißen. Und vielleicht wird sie sich wieder verletzten. Zweimal hat sie sich bislang einen Finger gebrochen, dreimal die Nase, auch vom Zahn ist schon mal ein Stück abgesplittert. „Das gehört dazu“, sagt sie und klingt dabei zufrieden. Irgendwann sollen auch die anderen merken, wie schön der Sport Ultimate Frisbee sein kann.