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Turnfest eröffnet Muskelspiele und weise Worte

30.05.2009 ·  Das Internationale Deutsche Turnfest hat begonnen, und Frankfurt zeigt sich wieder von seiner fröhlichen Seite. Bis zum 5. Juni sind Zehntausende Sportler zu Gast am Main. Tobias Rösmann hat sich am Eröffnungstag umgeschaut - und einiges entdeckt.

Von Tobias Rösmann
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Die Turngemeinde Burg ist extrem spät dran. Es ist schon Viertel nach fünf, und die vier Damen und Herren aus dem Bergischen Land haben ihre drei Fahnen noch immer nicht an die richtige Position des Festumzugs gebracht. „Hier lang“, ruft einer, dann hasten alle vier die Braubachstraße hoch. Zu spät dran, beim Internationalen Deutschen Turnfest, das geht doch nun wirklich zu weit.

Gut zwei Stunden früher hat das Offizielle längst begonnen. Die Paulskirche, sie liegt an diesem Auftaktsamstag in herrlichstem Sonnenlicht, ist passabel gefüllt. Hier geht es darum, sich der Wichtigkeit eigenen Tuns zu versichern, aber das stellt beim Thema Sport heute sowieso keiner in Frage. Der hessische Sport- und Innenminister Volker Bouffier (CDU) erinnert an die Anfänge des Turnens und sagt: „Damals hielt die Obrigkeit die Turner günstigenfalls für Spinner, meistens für gefährlich.“ Heute hingegen sei der Sport und damit das Turnen „die wichtigste gesellschaftliche Grundlage für ein friedliches Miteinander“.

Die Jungs vom Turngau Rhein/Westerwald sind Schränke. Und sie haben ziemlich stramme Waden. Wenig weiter steht der Chef der Turnabteilung von Eintracht Frankfurt, Martin Schönhoff, auf der Braubachstraße und sortiert seinen Bollerwagen. Kekse, Wasserflaschen – die Vorräte für seine Schützlinge. Die warten gegen 17 Uhr ungeduldig auf den Beginn des Festumzugs. Die Eintrachtler stehen weit vorne. „Klar, Frankfurt ist Gastgeber“, sagt Schönhoff und beugt sich über seinen Wagen.

„Sport in Vereinen stärkt die soziale Kompetenz“

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble ist auch in die Paulskirche gekommen. Der CDU-Politiker kümmert sich auf Bundesebene um den Sport. Schäuble redet für die meisten Zuhörer ein bisschen zu viel in Substantiven, aber was er sagt, ist zweifelsohne wahr und richtig. „Sport in Vereinen stärkt die soziale Kompetenz schon bei Kindern und Jugendlichen“, sagt er. Und dass Sport zu Leistungen motiviere und lehre, wie wichtig Regeln seien. Den Deutschen Turner-Bund, Veranstalter des Turnfests, lobt er für dessen Arbeit. Fünf Millionen Mitglieder in 20.000 Vereinen – größer ist in Deutschland nur der Deutsche Fußball-Bund.

Noch 20 Minuten bis zum Start des Festumzugs. Die Polizeipferde am Museum für Moderne Kunst zucken immer kurz zusammen, wenn eine Blaskapelle losschmettert. Dann tätscheln die Reiter die Flanke, und die Rosse stehen wieder ruhig. Eben läuft ein junger Mann aus dem Turngau Coburg vorbei, den schweren Flaggenmast aus Holz trägt er spielend. Kein Wunder: Sein Oberarm ist praller als eine Fußballerwade. Turnerinnen stehen die ärmelfreien Shirts übrigens auch hervorragend.

In Namibia ist Ballonseide noch in. Zehn Jungs und Mädels in blauen Trainingsanzügen hocken am Straßenrand. Daneben posieren 30 schwarzgekleidete Schweizer für einen Fotografen. Die Österreicher sind in fescher Tracht und mit Säbel gekommen, zwei Riesen-Slowenen stemmen ein Kind in die Luft. Die Bolivianer sehen nicht nach Turnen aus, aber vielleicht machen sie Folkloretanzen.

„Eine souveräne Ignoranz von Grenzen und Unterschieden“

In der Paulskirche spricht „Turnbruder Brechtken“. Der Präsident des Deutschen Turner-Bunds, Rainer Brechtken, macht ein bisschen Werbung für seinen Verband und sagt dann, dass die Kultuspolitiker endlich begreifen müssten, dass Schulsport nur von qualifizierten Lehrern zu erteilen sei. Außerdem findet Brechtken: „Wenn Sport in der Schule ausfällt, ist das genauso schlimm, als wenn Mathe ausfällt.“ Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) hat kurz vorher in ihrer Rede eine der Gemeinsamkeiten von Turnern und Frankfurtern so beschrieben: Beide verbinde „eine souveräne Ignoranz von Grenzen und Unterschieden“.

Das Zentrum der Banner ist an der Ecke Domstraße/Braubachstraße. Mehr als 100 Flaggenspitzen ragen in die Luft. Die Mädels vom TUS 1860 Neunkirchen schlagen noch schnell ein paar Räder, ein Herr vom Jahnvolk Eckenheim schaut verständig zu. Kein Wunder: Auf seinem T-Shirt steht ja auch „Frauenversteher“. Als sich der Zug in Bewegung setzt, sagt ein Schwabe: „Ich bin gespannt, wie's wird.“ Und ein Schweizer hinter ihm antwortet: „Ajoh, es wird immer irgendwie.“

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Jahrgang 1977, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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