So also sieht das aus, wenn man „bescheiden“ aus dem Wasser kommt, wie Sebastian Dehmer findet. Am Tag der Tage, als die Sonne von einem stahlblauen Himmel brennt und die Luft auf dreißig Grad erwärmt, reißt sich der Darmstädter seinen Neoprenanzug vom Leib, besser: Er versucht es. Denn es dauert länger als sonst, sich der Gummiwulst zu entledigen, die ihm zuvor beim weltmeisterlichen Schwimmen im Genfer See kräftesparende Auftriebsdienste geleistet hat. „Schon da war klar, daß ich den Anschluß an die erste Gruppe verloren hatte“, sagt der Triathlet der TuS Griesheim. „Der erste Zug ist weg, da hast du keine Chance mehr.“ Die Chance, sich beim Weltmeisterschaftsrennen von Lausanne in den Blickpunkt zu schwimmen, zu fahren und zu laufen.
Sebastian Dehmer, der 24 Jahre alte Triathlet mit dem gewinnenden Lächeln, hat am Genfer See eine Lehrstunde erhalten. Die versammelte Kurzstreckenelite war ihm um Längen überlegen. Und doch hätte der talentierte Hesse, der schon 2001 als Juniorenweltmeister überraschte und drei Jahre später bei der U 23 abermals Weltmeister wurde, bei dem wichtigsten Rennen des Jahres 2006 mehr erreichen können. „Schon am ersten Anstieg wollte ich die Lücke zufahren.“ Doch der Mann mit der Startnummer 28, der später als 46. nach 1:58:44 Stunden den Zielstrich am malerischen Chateau d'Ouchy überquerte, konnte nicht. Und wollte nicht. Dehmer gibt zu, daß er aus taktischen Erwägungen heraus auf dem siebenmal zu fahrenden Radkurs durch Lausanne nicht bis an die Schmerzgrenze gegangen ist.
„Mit Simon Whitfield, dem Olympiasieger von 2000, ist beispielsweise einer der Topleute in meiner Gruppe gewesen. Da hatte ich doch kein Interesse, sie in meinem Sog nach vorn zu fahren.“ Der Kanadier Whitfield übrigens gehörte zu jenen 18 Startern, die der Härte des Kurses Tribut zollten - und aufgaben. Aufgabe bei einer Weltmeisterschaft? Kommt für einen wie Sebastian Dehmer nicht in Frage. Der wieder zur Mainzer Sportförderkompanie zurückgekehrte Polizist auf Zeit beendete den Wettkampf mit Stil. „Mehr ging heute eben nicht“, sagt auch sein Heimtrainer Ralf Ebli.
Vor dem Weltcup in Hamburg
Der in Griesheim lebende ehemalige Bundestrainer der Deutschen Triathlon-Union (DTU) hatte als aufmerksamer Beobachter und Antreiber vor Ort schon früh erkannt, daß für Dehmer nach dem nicht erfolgten Radanschluß „die Messe gesungen war. Nach dem Wechsel vom Schwimmen aufs Rad hat Sebastian überzogen. Zudem hatte er Schaltungsprobleme.“ Alles keine guten Voraussetzungen, um den in jeder Beziehung einer Weltmeisterschaft würdigen Triathlonkurs in der olympischen Hauptstadt Lausanne gemäß Plan zu bestehen.
Denn einen Plan, den hatten Ebli und Dehmer sich schon zurechtgelegt, bestärkt auch durch das gute Resultat vom Weltcup in Tiszaujvaros. Fünfter war der Darmstädter dort in Ungarn geworden, was als Referenz für den Dienstausflug an den Genfer See durchaus für Beachtung in DTU-Kreisen gesorgt hatte. Doch anders als seine Nationalmannschaftskollegen Daniel Unger und Maik Petzold, die mit den Rängen acht und dreizehn für den lange Jahre darbenden und nicht gerade erfolgverwöhnten Verband ein beachtenswertes Ergebnis lieferten, hielt Dehmer dem Druck der WM nicht stand. Sieben Minuten und zwölf Sekunden hinter dem neuen Weltmeister Tim Don im Ziel - im olympischen Kurzstreckentriathlon sind derartige Abstände Welten. „Ich habe miterlebt, wie das ist, wenn man ruckzuck durchgereicht wird“, sagt Dehmer, der auf dem abschließenden Laufkurs zu retten versuchte, was nicht mehr zu retten war. 32:54 Minuten benötigte er für die zehn Kilometer lange Strecke, immer am Ufer des Genfer Sees entlang und angefeuert von Tausenden Triathlonfreunden.
Lausanne? Eine Erfahrung für Sebastian Dehmer, von der er profitieren will. Schon am kommenden Wochenende, beim Weltcup in Hamburg, kann er zeigen, daß er mehr als nur „bescheidene“ Wettkämpfe abliefert.

