24.07.2008 · Das deutsche Tischtennis-As Timo Boll bereitet sich in Frankfurt mit europäischen Spitzenspielern auf die Olympischen Spiele vor. Das harte Training sieht er als Chance: „Wir müssen das Risiko eingehen, um den Abstand zu den Asiaten zu verringern.“
Von Jörg Daniels„Genug?“ Timo Boll, der Weltranglistensechste im Tischtennis, beantwortet die Frage des Kroaten Zoran Primorac mit einem Kopfnicken. Zum Abklatschen seines ebenfalls mitgenommenen Trainingspartners reicht die Kraft noch. Dann stützt sich Boll vornübergebeugt auf die Platte – und atmet tief durch. Spuren der Anstrengung: Wieder ist der mehrmalige Europameister wenige Wochen vor dem Start der Olympischen Spiele in Peking an seine Grenzen gegangen. An den Nachbartischen ist die harte Arbeit in der schmucklosen Halle der Landessportschule in Frankfurt am Dienstag längst eingestellt worden. Der Weißrusse Wladimir Samsonow und der deutsche Auswahlspieler Dimitrij Owtcharow schauen interessiert zu, wie sich Boll und Primorac – gewissermaßen in der Nachspielzeit – beim dritten europäischen Vorbereitungslehrgang einen umkämpften Schlagabtausch liefern.
Immerhin: Nationalspieler Christian Süß übt sich in einer Hallenecke unterdessen im Seilspringen. Er sei „extrem müde. Bei jeder Einheit sind wir am Anschlag“, sagt Boll später nach kurzer Erholungspause. Aber die Schinderei müsse sein, findet Richard Prause. „Die Trainingsarbeit ein bisschen länger, die Konzentration einen Tick nach oben zu ziehen“, auch das gehöre bei der deutschen Medaillenhoffnung dazu, um in China erfolgreich zu sein, so der Herren-Bundestrainer.
Ein Jahr ohne Alkohol
Dem Traum von der Olympia-Medaille im Mutterland des Tischtennis hat Boll in den zurückliegenden Wochen alles untergeordnet. Interviewanfragen werden abgelehnt – auch wenn sie von der New York Times, dem Wall Street Journal oder aus China kommen, wie sein Manager kundtut. Seit fast einem Jahr hat der 27 Jahre alte Tischtennisprofi keinen Alkohol getrunken. Um vier Kilogramm ist er leichter geworden. An Muskelmasse hat Boll hingegen „einiges aufgebaut“. Prause spricht davon, beim Spitzenspieler „ganz massiv am Körperlichen gearbeitet“ zu haben. Selbst beim letzten, neuntägigen Urlaub von Boll vor der Olympiade war Owtcharow in Ägypten an seiner Seite.
Aus gutem Grund: Jeden Morgen liefen beide zusammen. Um „die Form und das Gefühl nicht zu verlieren“, griff das prominente Tischtennisgespann zudem einige Male zum Schläger. Über die Belastung zu klagen käme Boll nicht in den Sinn. Er weiß, dass er vor seinem erhofften Karrierehöhepunkt Nachholbedarf hat. Immer wieder warfen ihn Verletzungen zurück. „In den ersten zwei, drei Monaten dieses Jahres habe ich ja Urlaub gemacht“, sagt der Bundesliga-Spieler von Borussia Düsseldorf und nimmt seine Zwangspause heute mit Humor.
Dass er es vor seiner dritten Teilnahme an Olympischen Spielen mit seiner anspruchsvollen Aufbauarbeit übertreiben könnte, glaubt Boll nicht. Ständig horcht er in seinen Körper hinein. Würde es irgendwo besorgniserregend zwicken, würde der Nationalspieler sofort eine Pause einlegen. „Ich habe es gut im Griff gehabt“, hebt Boll hervor. Ohnehin würden die Trainingsumfänge rechtzeitig „deutlich reduziert, um in Peking die nötige Frische zu haben“, so der Linkshänder. Vom 13. August an möchte er sowohl den Einzel- als auch den Mannschaftswettbewerb mit „hundert Prozent“ angehen. „Ich habe genug Kondition gebolzt, um beide Wettbewerbe voll durchspielen zu können.“ Im Viertelfinale könnte Boll, der in Peking an Position fünf gesetzt ist, auf den ersten Weltklassespieler aus China treffen. Doch Bundestrainer Prause warnt. Denn schon zuvor warten Gegner auf Boll, die nicht zu unterschätzen seien.
Zeigen, was er kann
Sich mit den besten europäischen Spielern und potentiellen Widersachern gemeinsam auf die Olympischen Spiele wie in dieser Woche vorzubereiten, betrachtet der mehrmalige Europe-Top-12-Gewinner jedoch als Chance. „Wir müssen das Risiko eingehen, um den Abstand zu den Asiaten zu verringern“, erklärt Boll. Im Trainingsspiel gegen den Weltranglistenfünften Samsonow hält er sich aus taktischen Gründen nicht etwa bedeckt. Was der Deutsche in seinem Repertoire hat, will er zeigen. Alles andere wäre „Blödsinn“, so Boll. Dafür sollen es die Chinesen im August mit der einen oder anderen Überraschung im Spiel des Deutschen zu tun bekommen. Das kann eine neue Variante beim Aufschlag sein. Umgekehrt wird Boll auf die Stärken der Chinesen besser vorbereitet sein, das verspricht zumindest Prause. Am meisten profitiert Boll von den Erinnerungen an die Aufeinandertreffen. Das Bild, das er in Peking abgeben möchte, soll an seine beste Zeit im Wettkampf mit den Chinesen erinnern.
Dafür unternahm der Weltranglistensechste am Dienstag in einer schlichten Sporthalle ohne Fenster einige Kraftanstrengungen. Als sein Trainingspartner Primorac den Ball verschlug, sagte der Kroate, dass er unter Windbedingungen spielen müsse. Der 32. der Weltrangliste sprach die Belüftungsanlage auf seiner Seite an.