16.12.2006 · „Das 3-3-3-1-System habe man nie zuvor gespielt, hat Eintracht-Torhüter Pröll letzte Woche nach dem 2:6 gegen Bremen geklagt. Trainer Funkel sah das anders, das System spiele die Mannschaft immer mal wieder. Kann es sein, daß Pröll nichts von Fußball-Taktik versteht?“ Die Antwort steht in der Frankfurter Sportberatung.
Von Michael Eder„Das 3-3-3-1-System habe man nie zuvor gespielt, hat Eintracht-Torhüter Pröll letzte Woche nach dem 2:6 gegen Bremen geklagt. Trainer Funkel sah das anders, das System spiele die Mannschaft immer mal wieder. Kann es sein, daß Pröll nichts von Fußball-Taktik versteht?“
Ja, lieber Leser, besten Dank, das ist wirklich einmal ein Problem, das viele bewegt, nicht nur den jungen Mann im Eintracht-Tor. Wenn Sie es nicht weitererzählen, dann wollen wir an dieser Stelle mal ein bißchen aus dem Nähkästchen plaudern. Das mit der Taktik ist nämlich eine ganz spezielle Sache.
Sie müssen sich das so vorstellen: Vor dem Spiel der Mannschaft X gegen die Mannschaft Y gibt es eine Pressekonferenz. Dann erlaubt der Trainer manchmal einen winzigen Einblick in seine großartigen Planungen. Vielleicht, sagt er dann mit dem Tonfall eines Mannes, der bereit ist, die Schatzkiste des Fußballs für einen Moment einen klitzekleinen Spalt aufzumachen, vielleicht könnte es einen Systemwechsel geben. Alle erschaudern: Einen Systemwechsel! Um Gottes willen! Sensationell! Und welchen?
Raute oder Tannenbaum?
Na ja, sagt der Trainer: Vielleicht spielt der Spieler Z diesmal hinter den Spitzen. Aha! Damit würde sich das System von einem flachen 4-4-2 zu einem 4-4-2 mit Raute verändern. „Raute“ - dieses Wort sollten Sie sich merken, es macht richtig Eindruck in jeder Diskussion und bedeutet, daß der mittlere Spieler im Mittelfeld ein wenig vorgezogen agiert - „hinter den Spitzen“, wie wir Experten sagen. Da könnte er also spielen, der vielseitig einsetzbare Profi Z, der in Fragen der Taktik seit Jahren aufs genaueste geschult ist (nur leider den Ball sehr selten trifft).
Es gibt auch Trainer, die auf der Pressekonferenz falsche Fährten legen. Ausgesprochen schlau ist es zum Beispiel, ein 4-4-2 mit Raute anzukündigen und dann einen Tannenbaum spielen zu lassen.
Tannenbaum? Bedeutet erstens die Zahlenkombination 4-3-2-1 und paßt zweitens ganz prima in die Vorweihnachtszeit. Den Tannenbaum, das sollten Sie beachten, kann man nur mit einem Sechser spielen. Der Sechser, das ist der zentrale defensive Mittelfeldspieler, ein wahrer Meister in der Kunst des Verschiebens und Pressings (beide Begriffe bitte merken!), man nennt ihn wahlweise Abräumer oder Staubsauger. Im Abstiegskampf allerdings reicht ein Sechser nicht, da braucht man eine Doppel-Sechs, also zwei Staubsauger zum Großreinemachen und Absaugen allen Fußballs im Mittelfeld. Das macht dann ein flaches 4-4-2 oder ein verflachtes 3-4-2-1, das geht auch. Oder ein 4-4-1-1. Was haben wir noch im Angebot? Ein 4-3-3 und ein 3-4-3, ja das wär's dann schon im großen und ganzen.
Die versöhnliche Botschaft
Wenn die Taktik-Zahlenkolonne mit der Ziffer 3 beginnt, was den Kollegen Pröll so arg verwirrte, bedeutet dies: Die Mannschaft spielt mit einem zentralen Abwehrspieler zwischen den Innenverteidigern. Jetzt sagen Sie um Gottes willen nicht: Kenne ich, das ist ein Ausputzer, ein Libero. Das nicht. Auf gar keinen Fall. Ist verpönt. Gibt es schon lange nicht mehr. Heißt jetzt: Dreierkette. Und ist - auf gar keinen Fall weitersagen - exakt das gleiche, fast schon dasselbe.
Kein Wunder also bei diesem Taktik-Gewusel, daß der Sportkamerad Pröll mal den Überblick verliert. Ihm - und Ihnen - eine versöhnliche Botschaft zum Trost: Das alles macht - nicht den geringsten Unterschied. Sieht alles gleich aus auf dem Platz. Es ist nämlich ziemlich egal, in welchem System die Spieler in die Zweikämpfe gehen und versuchen, im Erfolgsfall den Ball unfallfrei zum Nächststehenden zu passen. In der Defensivbewegung wird jedes System zu einem 5-5-0, und nach vorn hilft im deutschen Durchschnittsfußball sowieso nur der liebe Gott.
Wenn Sie uns jetzt noch nach unserem Lieblingssystem fragen sollten, dann ist dies ganz eindeutig eines, das wir selbst entwickelt haben. Wir haben es vor Jahren in einem feurigen Artikel einem Trainer empfohlen, damit seine Mannschaft endlich mal wieder ein Spiel gewinnt. Weil die Trainer manchmal etwas begriffsstutzig sind, haben wir ihm die Aufstellung der Feldspieler Namen für Namen hingeschrieben, und am nächsten Tag hat der Trainer angerufen und sich bedankt. Ein 4-4-3-System sei das, lobte er, sehr erfolgversprechend, wenn auch ein wenig problematisch, weil - den Torwart eingerechnet - man dann zwölf Spieler auf dem Platz habe. Seien aber nur elf erlaubt. Schade eigentlich.