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Darmstadt 98 : Der schönstmögliche Abstieg

  • -Aktualisiert am

Abschied: Lilien-Kapital Sulu in der Münchener Arena Bild: dpa

Raus mit Applaus – so zeigten sich Darmstadt 98 und ihr Anhang in München. Viel stilvoller und im gelebten Schulterschluss kann eine Mannschaft kaum absteigen.

          Scheiden tut weh. Eigentlich. Beim SV Darmstadt 98 hielt sich der akute Abschiedsschmerz erwartungsgemäß in Grenzen, zu lange schon war allen Beteiligten bewusst: Tag X wird kommen. Doch diese „Lilien“ vermochten selbst die Stunde, in der ihre Rückstufung in Liga zwei besiegelt wurde, sportlich und atmosphärisch auszuschmücken. Der Darmstädter Auftritt bei der 0:1-Niederlage beim FC Bayern München am Samstag fügte sich nahtlos in die vielen starken Leistungen der Vorwochen ein. Eigenlob der Marke „Wir können stolz auf uns sein“ (Marcel Heller) oder „Hut ab vor dieser Mannschaft“ (Torsten Frings) war durchaus angebracht. Und so standen die Südhessen am Samstag im Stadion des neuen, alten deutschen Meisters als erster Absteiger des Jahrgangs 2016/17 fest.

          Das hinderte die vielen mitgereisten Anhänger nicht daran, die Mannschaft nochmal lautstark aus den Katakomben der Münchner Arena zu bitten. Da beklatschten sich Fans und Team schließlich gegenseitig für eine Saison mit vielen Tiefen in der Hinrunde und vielen schönen Momenten in der Rückserie. Raus mit Applaus – viel stilvoller und im gelebten Schulterschluss mit dem Anhang kann man kaum absteigen. Es sei das Ende eines „schleichenden Prozesses“ gewesen, bilanzierte Kapitän Aytac Sulu, den „wir gefasst zur Kenntnis nehmen“. Die Darmstädter hatten sich zum Ende der Hinrunde auf dem letzten Tabellenplatz eingenistet, standen mit ihren mageren acht Punkten in der Winterpause quasi schon auf verlorenem Posten.

          Zuversichtlich in die zweite Liga

          Trainer Frings konnte zwar in wenigen Monaten den Trend nicht mehr nachhaltig umkehren, doch lieferten er und seine Profis zuletzt genug Gründe dafür, dass der SV 98 zuversichtlich in die zweite Liga gehen kann. Nicht nur, weil die „Lilien“ zuletzt wie die Untoten der Liga mit einem Dauergrinsen im Gesicht den Abstieg immer weiter aufschoben. „Wichtig war, dass wir die komplette Zeit unter Torsten Frings unser wahres Gesicht gezeigt haben. Dass wir Spaß am Fußball hatten, der Teamgedanke an erster Stelle stand und ein Weg geebnet wurde, den der Verein weitergehen kann“, sagte Sulu, dessen persönlicher Verbleib am Böllenfalltor noch nicht sicher ist. „Wir sind wirtschaftlich und sportlich stabil“, sagte Präsident Rüdiger Fritsch. „Wir werden das verkraften.“

          Auf der Basis des Fringsschen Aufbauwerks ist den Südhessen eine Etage tiefer einiges zuzutrauen. Mit einem Lizenzspielerbudget von zwölf Millionen Euro sind zwar keine riesigen Sprünge drin, aber die Rolle des ewigen Underdogs, in der sich die „Lilien“ seit Jahren gefallen, wird abzustreifen sein. Wie dies gelingt und wie zuvor die anstehenden Vertragsentscheidungen von einigen Stützen der Mannschaft ausgehen, hat richtungweisenden Charakter. Der wiedererstarkte Jérôme Gondorf, schon zu Drittligazeiten für die Darmstädter am Ball, ist so eine Personalie von großem Wert für den Klub. „Es waren zwei wundervolle Jahre, in denen wir uns mit allem gewehrt haben und auf die wir mit viel Stolz zurückschauen können“, sagte der Mittelfeldspieler, dessen Vertrag bis 30. Juni 2018 ihm gegen eine gewisse Ablösesumme den Abgang im Sommer ermöglicht. „Es klingt dumm“, so Gondorf, „aber mit so einer Leistung in München abzusteigen, das ist vielleicht der schönste Abstieg, den es für uns geben konnte.“

          Vor 75.000 Zuschauern erzielte der Münchner Juan Bernat (18. Minute) das Tor des Tages. Die vor allem in der zweiten Halbzeit starken „Lilien“ hatten durch Felix Platte (31.), Patrick Banggaard (64.) und Sandro Sirigu (84.) gute Einschussgelegenheiten. Und natürlich durch Hamit Altintop, der in der 87. Minute per Elfmeter die große Chance auf ein unerwartetes Remis vergab. Trainer Frings störte sich an den der Ausführung vorangegangenen Diskussionen mit dem Kollegen Sidney Sam, nahm aber den Star im Team ausdrücklich in Schutz. „Wenn einer verschießen darf, ist es Hamit nach seinen starken Leistungen in den vergangenen Wochen“, sagte Frings und stellte letztlich das positive große Ganze in den Vordergrund seiner Nachbetrachtung. Natürlich sei der Abstieg „bitter“, sagte der 40-Jährige. „Aber ich bin wahnsinnig stolz auf die vergangene Wochen. Wir haben uns gewehrt bis zum Gehtnichtmehr.“

          Diesem Team ist es zuzutrauen, dass es auch in den verbleibenden beiden Aufgaben gegen Hertha und in Gladbach mit vollem Einsatz agiert. „Wir haben bewiesen, dass wir nicht zu Unrecht Bundesliga gespielt haben“, sagte Kapitän Sulu. Den Abstieg gelte es erst mal zu verdauen. „Und dann heißt es Mund abputzen und in die zweite Liga. Für Darmstadt ist die zweite Liga eine gute Liga.“

          Quelle: F.A.Z.

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