Der Mittwoch war ein Tag fern aller Routine für Lars Nieberg. Wie sonst auch war er in aller Frühe joggen, saß um 8 Uhr im Sattel – doch am Nachmittag besiegelte seine Unterschrift ein neues Kapitel in seinem Berufsleben: Der Sprung in die Selbstständigkeit war vollzogen. Vom 1. April an ist der Leiter des Gestüts Wäldershausen in Homberg/Ohm auch der Pächter des vierzig Hektar großen Anwesens im Vogelsberg. Der Vertrag mit der Eigentümerin Katarina Geller-Herr verlängert sich jeweils nach drei Jahren. Die Zeiten, als das Gehalt unabhängig von Erfolg oder Misserfolg im Springsattel überwiesen wurde, sind vorbei. „Die Rechnungen wurden bezahlt, auch wenn es nicht gut lief“. Fortan wird für Nieberg monatlich eine „ziemlich hohe, gute fünfstellige Summe“ an Fixkosten fällig. Der Springreiter „weiß, wie schwer es ist, Geld reinzuholen“. Künftig ist der Team-Olympiasieger von 1996 und 2000 darauf angewiesen, „zu gewinnen oder zu verkaufen.“
Es ist ein nicht ganz freiwilliger Neustart, den Nieberg wagt. Aber jetzt, nach Monaten der Ungewissheit, der Entscheidungsfindung, freut er sich auf die Herausforderung. Im vergangenen Jahr, „am Montag nach dem Turnier in Hannover“, sei er kalt erwischt worden, als ihm seine Chefin eröffnete, den Gestütsbetrieb aufzugeben. Nieberg war, seit er vor gut zwanzig Jahren hier angefangen hatte, „von einem sicheren Job ausgegangen“. Fortan begann er zu rechnen, hatte „nur noch Zahlen vor Augen“, sobald es um die Überlegung ging, den Betrieb zu übernehmen. Das kalkulierte Wagnis sollte schon am 1. Januar über die Bühne gehen, doch angesichts vieler damals noch offener Fragen ist der 1. April zum Stichtag geworden. Die Zahl der Mitarbeiter ist von 13 auf acht geschrumpft. „Wir haben eine gute Truppe zusammen“, sagt Nieberg über jene, die noch da sind.
Zahlreiche Turniere gewonnen
Tendenz heiter. Auch die Stimmung am ersten Frühlingstag nach dem extrem langen Winter ist sonnig. Die letzten Monate erinnern endlich wieder an jene Jahre, als der Chef mit Siegerschleifen im Turniergepäck heimkehrte: Er hat den Großen Preis von Braunschweig gewonnen, wurde Zweiter in Zürich, Abu Dhabi und vergangenes Wochenende im Großen Preis der Bundesrepublik in Dortmund. Nach Jahren, in denen es still um den Niedersachsen geworden war, sieht er wieder Land. Drei Sommer und Winter Aufbauarbeit zahlen sich aus. Die neue Generation im Stall ist soweit. „Es wäre schade gewesen, gerade jetzt aufzuhören, wenn die Arbeit Früchte trägt“, begründet der Sechsundvierzigjährige noch einmal vor sich selbst, da zu bleiben, wo er ist.
Nieberg folgt dem Prinzip, Talente behutsam aufzubauen, sie reifen zu lassen. Wer sich als Besitzer darauf einläßt, ihm sein bestes Pferd zu überlassen, sollte sich in Geduld üben. So wie Katarina Geller-Herr, „die nie Druck gemacht“ habe. Nieberg sagt das voller Anerkennung. Er hätte, ohne es auszusprechen, liebend gern Investoren oder Sponsoren von ihrem Schlag. Die gesamtwirtschaftliche Situation ist anders als noch vor Jahren. „Früher hatten wir weniger gute Reiter, aber mehr Sponsoren.“ Im Idealfall zahl sich Niebergs Weg mit Zins und Zinseszins aus. So, wie im Fall des Wallachs Lord Luis. Sein Reiter Alois Pollmann-Schweckhorst hatte sich das Bein gebrochen, gesucht wurde einer, „der das Pferd in Schuss hält.“ Aus der Übergangslösung ist eine Dauerlösung geworden: Der Hannoveraner bleibt bei Nieberg „bis er verkauft wird – oder auch nicht.“
„Galippo ist nichts zu schwer“
Sein bestes Pferd im Stall? Der Neunjährige Galippo, von Nieberg gezogen. „Ihm ist nichts zu schwer“, schwärmt der Reiter, „ein Pferd für große Aufgaben“, und sattelt noch ein Lob obendrauf: „Vom Gefühl her der Beste, den ich je hatte, ich bin total von ihm überzeugt.“ Der Hannoveraner soll „in Ruhe aufgebaut werden, nur kein falscher Ehrgeiz.“ Er hätte ihn schon „sehr, sehr teuer verkaufen können“, aber es ist sein Kapital für die Zukunft. Die Olympischen Spiele 2012 in London sind ein Ziel, das Lars Nieberg anpeilt. Jenseits der fünfzig sieht er sich nicht mehr als Jäger oder Gejagter im Parcours. Aber als Wegbereiter für Reiter und Pferde, vielleicht sogar für seine heute 15 und 16 Jahre alten Söhne.
Doch in diesen Tagen ist die Gegenwart zu fordernd, um in die ferne Zukunft zu schweifen. Am Wochenende heißt das Reiseziel ’sHertogenbosch. Der Chef in spe braucht noch ein paar Punkte, um sich für das Weltcup-Finale in Genf zu qualifizieren. Jeder Franken, jeder Euro, jeder Dollar ist zudem Startkapital für den Reiter, der zum Unternehmer geworden ist. „Ich werde wieder angreifen“, versichert er. Lars Nieberg hat längst damit begonnen. Eigentlich mit dem Tag, an dem er und seine Familie sich für Homberg/Ohm entschieden. „Ich bin sehr gerne hier“, sagt er zum Abschied und ist schon wieder auf dem Sprung, um auf Dauer bleiben zu können.

