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Sportwetten Warten auf den großen Wurf

 ·  Von privaten Internet-Anbietern gebotene Sportwetten sollen raus aus der Illegalität. Allerdings dauert es, die Lizenzen zu vergeben. Derweil herrscht in der Grauzone viel Betrieb.

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© Zimmermann, Julia Im rechtsfreien Raum

Wer im Frankfurter Bahnhofsviertel auf Sport wettet, zieht seine Jacke nicht aus. Draußen klirrt der Dezember, drinnen ist es zwar warm, aber der mäßig beleuchtete Raum mit den Tischen, die wie in einer Kantine aufgestellt sind, ist zu ungemütlich, um seine Garderobe abzulegen. Ein Italiener mit dünnem, aber sorgfältig frisiertem Haar trägt zum schwarzen Mantel einen roten Schal. Er passt nicht so richtig hier her, an diesen Ort, an dem ein gebrechlicher Mann an der Wand entlang humpelt und die Augen zusammenkneift, um von den LCD-Bildschirmen die Wettquoten ablesen zu können.

Der Italiener, der in Sachsenhausen wohnt und Spirituosen vertreibt, ist oft hier, eigentlich immer, wenn er frei hat, so wie heute. Es ist zehn Uhr morgens, er wird warten, bis die Spiele, auf die er getippt hat, gespielt sind. Um eins tritt Singapur im Fußball gegen die Philippinen an, um halb drei spielt Genclerbirligi im türkischen Pokal gegen Mersin Idman Yurdu.

Der Italiener weiß nichts von diesen Namen, er weiß nur um die Quoten. Bei einem Sieg von Genclerbirligi gibt es das 1,7-fache des Einsatzes, bei einem Erfolg von Singapur das 1,65-fache. Beides ist wahrscheinlich, die Quoten sind also niedrig, aber nicht zu niedrig. 1,7, 1,8 - das, sagt der Italiener, sind die Gewinnchancen, bei denen er setze. Für einen Sieg von Bayern München am vergangenen Freitagabend gegen Mönchengladbach, ein zuvor wahrscheinliches Ergebnis, lag die Quote bei 1,17. Das, sagt der Italiener, lohnt sich nicht.

Der Unmut könnte groß werden

Er bewegt sich im rechtsfreien Raum und weiß es vermutlich nicht. Die Sportwetten, über das Internet von „privaten“ Anbietern beherrscht, sollten mit einem großen Wurf aus der Illegalität herausgeholt werden. Inzwischen holt man schon fast ein halbes Jahr dazu aus, die entsprechenden Lizenzen zu verteilen. Der neue Glücksspielstaatsvertrag ist seit Sommer in Kraft. Mit ihm muss auf dem glatten Parkett einer europaweiten, sozialen Marktwirtschaft der Spagat gelingen, ansonsten gibt es kein Halten mehr.

Auf der einen Seite die Suchtgefahren insbesondere für Jugendliche zu limitieren und Hürden für kriminelle Manipulationen zu schaffen, andererseits dem Gebot der möglichst liberalen Austauschs von Dienstleistungen zu genügen, wie es der Europäische Gerichtshof schon mehrfach angemahnt hat. Außerdem wollten die Ministerpräsidenten nicht weiterhin den Vorwurf auf sich sitzen lassen, sie verteidigten das staatliche Monopol vor allem, um mit den Einnahmen aus den Sportwetten die leeren Landeskassen aufzufüllen.

Im hessischen Innenministerium, bundesweit für die Lizenzvergabe zuständig, rechnet man damit, Anfang des zweiten Quartals 2013 könnten die Entscheidungen fallen, welche Anbieter als vertrauenswürdig einzustufen sind. Allerdings zeichnet sich schon jetzt ab, dass der Unmut dann groß sein wird. Nur 20 Mal soll die Erlaubnis erteilt werden, zu Lande und im weltweiten Netz um Kunden aus Deutschland zu buhlen und dabei die strengen Auflagen einzuhalten - fast 100 Wettbewerber wollen jedoch angeblich bis zum 21. Januar Anträge einreichen.

Durch den kahlen Raum des Wettbüros im Frankfurter Bahnhofsviertel weht Zigarettenrauch und manchmal die Legende von einem, der hier das große Geld gemacht hat. Vor zwei Wochen hat jemand zwei Euro gesetzt und 12.000 gewonnen, erzählt der Italiener. Der habe nur die hohen Quoten angekreuzt - pures Glück. So spielt der Spirituosenhändler nicht, er setzt auf das Wahrscheinliche. Jetzt stehen auf seinem frisch an der Kasse ausgedruckten Tippschein acht Spiele, fünf Euro hat er gesetzt, 492,45 kann er gewinnen. Wenn alles gut läuft, jeder Tipp stimmt. Das, sagt er, ist eigentlich nie der Fall. Normalerweise gewinnt die Bank.

Laut Heinz-Georg Sundermann, Geschäftsführer der staatlichen Hessen-Lotto GmbH, ist sehr viel Geld zu verteilen. Staatliche Stellen schätzen, in Deutschland könne inzwischen mit Sportwetten pro Jahr drei Milliarden Euro umgesetzt werden; die auf den Markt drängenden Bwin, Bet-at-home und Anverwandten handeln angeblich Zahlen, die dreimal so hoch sind. Sie haben keine Eile. Die vergangenen Jahre haben ihnen, allen Verboten zum Trotz, vor allem über das schier unangreifbare Internet die Kunden scharenweise ins Portefeuille gespült. Sundermann spricht von bis zu 99 Prozent, die die Privaten, ausgestattet mit Lizenzen in Gibraltar und Malta, inzwischen abwickelten.

Stillstand heiße Rückstand, diese Devise gilt in Anbetracht der zähen Neuordnung des Marktes daher nur für Oddset, das Sportwetten-Angebot der staatlichen Lotterien. Unter dem neuen Kürzel ODS bewerben sie sich gleichfalls um eine Lizenz für den neu regulierten Markt. Ihr Anteil ist seit der Jahrhundertwende dramatisch zurückgegangen. Für die Sportverbände und -vereine in Hessen bedeutet dies, dass die ihnen aus den Lotterieeinnahmen gewährten Zuschüsse, bisher rund 19 Millionen Euro pro Jahr weiter bröckeln.

Auf die Quote kommt es an

Der Präsident des Landessportbundes Hessen, Rolf Müller, ein entschiedener Befürworter einer Regulierung, hat in diesen Tagen daher mit Sport- und Finanzminister besprochen, wie die finanzielle Grundlage der Verbände und Vereine langfristig gesichert werden könne, wenn dieser Trend anhalte. Die Quote „15,0“ auf dem Bildschirm an der Kasse erschrickt den Italiener, obwohl sie gar nicht zu seinem Wettschein gehört.

Das würde ihm nicht passieren: auf einen Auswärtssieg von Mönchengladbach gegen Bayern zu setzen. Zwar können mit den vier Tipps auf dem Wettschein mit der 15,0 maximal 252,57 Euro gewonnen werden. Durch das komplizierte Tippsystem können aber alle richtigen Tipps unwichtig sein, wenn der mit der höchsten Quote falsch ist. Der Italiener ist ehrlich besorgt um die eingesetzten fünf Euro und sagt fast ein bisschen streng: „Einen Fehler gemacht“.

Er wird die Sache mit sich selbst ausmachen müssen, kein Ordnungshüter wird ihn an diesem Ort behelligen. Auffällig still ist es in den vergangenen Monaten in den Rathäusern der Region geworden, wenn die Sprache auf die mitunter schmuddeligen Lokale, ihre schrillen Plakate und ihre Klientel kommt. Aus dem Dezernat in Frankfurt, das 2007 reihenweise Schließungsverfügungen erlassen hat, heißt es, es nütze ja nichts mehr, jetzt noch Verwaltungsfälle zu schaffen, dabei aber kein einziges Wettlokal wirklich schließen zu können.

Viele der Etablissements, die wegen des nach wie vor geltenden staatlichen Wettmonopols verboten worden waren, sind wieder geöffnet. Spätestens seit Beginn des Konzessionsverfahrens gibt es kaum noch Gerichte, die solche Verbote bestätigen, weil, etwas vereinfacht ausgedrückt, der formell illegale Status ja demnächst behoben sein könnte. Und spätestens seitdem Uli Hoeneß und die übrigen Granden von Bayern München in einem Fernsehspot für den ebenfalls noch lizenzlosen Marktführer Reklame machen, ist auch das Werbeverbot praktisch perdú.

Der Italiener hat schon wieder einen Tippschein ausgefüllt, wieder alles Fußballspiele, wieder setzt er fünf Euro. An manchen Tagen gehen in diesen Fünfer-Schritten schnell 70 oder 100 Euro weg. „Wir müssen heute gewinnen“, sagt er und lächelt scheu. Bald ist Weihnachten. Ob er dann seine Familie in Italien besuchen kann, darüber entscheiden Fußballspieler aus der Türkei oder Singapur.

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Jahrgang 1956, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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