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Sportverletzungen Gebrauchsspuren am Körper

21.10.2006 ·  „Wirklich Sport treibe ich seit Monaten nicht mehr. Merkwürdigerweise bin ich trotzdem ständig verletzt. Gibt es dafür Gründe?“

Von Steffen Gerth
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„Wirklich Sport treibe ich seit Monaten nicht mehr. Merkwürdigerweise bin ich trotzdem ständig verletzt. Gibt es dafür Gründe?“

Ja, das ist dann der Zeitpunkt, an dem man eine neue persönliche Ebene erreicht hat. Wenn der Sprint die S-Bahn-Treppe hinauf mit einer Zerrung im Oberschenkelbeuger bestraft wird, dann sind das nämlich gute Zeichen. Früher war dafür noch ein intensives Fußballspiel notwendig. Längst überflüssig.

Für Sportler sind ja Verletzungen wie Narben bei Indianern - Beweise von Mut und Kriegslust. Ein guter Fußballspieler muß mindestens einmal in seiner Karriere seriös verletzt sein, um als echter Haudegen zu gelten. Denn nur die Weicheier tun sich nichts. Also ran an die flotten Zerrungen, dramatischen Kreuzbandrisse - oder sagenumwobenen Schultereckgelenkssprengungen. Das ist heldenhaft.

Eine Verletzung kann auch cool sein

Und wie werden die Rekonvaleszenten dann verehrt. Besorgt wie nie zuvor wird man nach seinem Befinden gefragt, steht man als Sportler im Mittelpunkt. Und dann darf der Geschundene von seiner Reha erzählen, von mörderischen Stunden zwischen Eisen und Seilen, vorangepeitscht von semi-sadistischen Physiotherapeuten. Zeitungen schreiben auch gerne von solchen Geschichten. Doch muß man für diese Momente des Ruhms unbedingt jahrelang auf irgendwelchen Sportplätzen oder in dunklen Wäldern rumrennen? Ach wo!

Der gereifte Athlet hat seinen Körper dahin gehend sensibilisiert, daß dieser sich auf Kommando (oder nicht einmal das) selber verletzt. Kein Tritt eines dämlichen Gegners stört, man muß nicht sonntags früh aufstehen, riecht nicht unangenehm nach Schweiß. Der schlaue Körper weiß aber, daß Verletzungen gewisse Coolness ausstrahlen und - zur richtigen Gelegenheit präsentiert - auch für Mitleid, Aufmerksamkeit und Heiterkeit sorgen. Also kopiert er einfach das System der Materialermüdung, nachdem noch vor nicht allzu langer Zeit italienische Autos gebaut worden sind. Es geht halt einfach kaputt, ohne daß man es intensiver benutzt hat.

Leistenzerrung aus dem Nichts

Und so funktioniert ein derartiger Superkörper: Er speichert alle Koordinaten von sportlicher Betätigung. Löscht aber nach und nach Überflüssiges, es ist die kluge Auslese, ein Abspecken, ein Ablegen von allem Unsinnigen. Übrig bleibt nur die Verletzung. Das Destillat. So wie ein Huhn sich auch das Fliegen abgewöhnt hat. Denn es weiß, daß es seine Bestimmung ist, im Kochtopf zu landen. Warum also vor der Schlachtung groß herumfliegen, das macht die Sache für alle nur kompliziert. Verbraucht Patronen, sorgt für Fehlschüsse, verursacht Gebrauchsspuren am Körper. Also hat sich das Huhn gefügt und hopst nur noch herum. Bis seine Stunde geschlagen hat. Vorbildlich.

Der schlaue Sportlerkörper funktioniert nach dem Prinzip Huhn. Denn er weiß, daß die Bestimmung des Sportlers ist, heldenhafte Verletzungen als Zeugnis seiner Einsatzfreude nachzuweisen. Also knallen die Zerrungen bei der kleinsten Treppe. Hinauf, hinab - völlig egal. Wenn einer für veritable Wadenschmerzen zwanzig Kilometer durch die Wälder laufen mußte, reicht heute die normale Autofahrt ins Büro, denn der Tritt aufs Gaspedal ist eine Mörderschinderei.

Der Gipfel von allem ist dann die Leistenzerrung aus dem Nichts. Im Stehen. Bei null Bewegung. Phantastisch. Fühle wie ein Sportler - aber vermeide Sport. Das ist es. Aber was machen wir, wenn die Hosen immer mehr spannen an der Taille? Dafür gibt's im Frankfurter Gallusviertel erstklassige und preiswerte Änderungsschneidereien.

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