Michael Allendorf stand strahlend auf dem Parkett der Ballsporthalle. Um ihn herum ein paar Freunde, in der Hand ein Mobiltelefon, in das er stolz sprach: "Ja, zwei Stück." Zwei Tore hatte der 18 Jahre alte A-Jugend- und Regionalligaspieler der SG Wallau/Massenheim gerade geworfen. Aber nicht im "Regioteam", sondern als Linksaußen der "Panther" im erstklassigen Spiel gegen die SG Flensburg/Handewitt. Allendorf hatte viel dazu beigetragen, daß die 32:35-Niederlage gegen den deutschen Meister ein Glanzstück geworden war. Keck hatten sie gespielt, die in vielerlei Hinsicht angeschlagenen Profis aus dem "Ländche", und vor allem der Nachwuchs hatte seine Chance genutzt.
Allendorf war nur einer von vieren, die sich auszeichnen konnten, weil so viele Spieler verletzt sind. Fabian Bohnert, auch einer aus der zweiten Wallauer Mannschaft, stand seinen Mann in der Abwehr - und Trainer Martin Schwalb hatte nicht zuviel versprochen, als er am Tag zuvor gesagt hatte, der aus Bayern stammende Abwehrspezialist spiele wie ein "alter Hase". Der 20 Jahre alte Bohnert stand nach der Partie ein paar Meter neben Allendorf, ebenfalls umringt von Freunden und begeisterten Kollegen aus der zweiten Mannschaft, und sprach: "Es war unglaublich, es war total geil." Irgendwann im Spiel habe er "realisiert, wer das da eigentlich ist, gegen den ich da spiele". Die Topstars des Handballs aus dem deutschen Norden, Männer wie Sören Stryger, Andrej Klimovets oder Blazenko Lackovic, das Wurfgenie aus Kroatien, der acht Tore zum Flensburger Sieg beigesteuert hatte. "Da stehen dir Leute gegenüber, von denen ich mir vorher selbst noch ein Autogramm geholt hätte."
Die vier jungen Wallauer Allendorf, Bohnert, Marcus Roßmeier und Sebastian Linder haben sich Respekt verschafft am Dienstag abend. Lohn war das Lob des Trainers. "Wir haben es geschafft, spielerische Akzente zu setzen, und das war nicht unbedingt zu erwarten." Besonders zu schaffen gemacht hatte den Flensburgern einer, der normalerweise auch eine Klasse tiefer als in der Bundesliga angesiedelt ist. Linder, der für Wallau mit einem Zweitspielrecht des Tuspo Obernburg ausgestattet ist, warf sieben Tore gegen den Meister. Dessen Trainer Kent-Harry Andersson war beeindruckt. "Wallau hat tolle junge Leute. Und sieben Tore von Linder, das war schon klasse." Schön spielen und trotzdem verlieren - das will eigentlich fast niemand im Leistungssport. So können sich die Wallauer tatsächlich nichts kaufen von dem respektablen Auftritt. 2600 Zuschauer, vermeldete Gesellschafter Marc Gramm, seien in der Ballsporthalle gewesen. Das ist wenig, wenn man die Qualität des Gegners betrachtet. Sportlich ließ die Partie hoffen auf eine junge SG voller Talente, die die Mannschaft theoretisch auch in wirtschaftlich mageren Zeiten in der ersten Liga konkurrenzfähig halten könnten. Bis auf Jens Tiedtke, der zum TV Großwallstadt wechselt, und Jan Hendrik Behrends (nach Wilhelmshaven) könnten jene, die gegen Flensburg auf dem Feld standen, auch in der kommenden Saison noch dabeisein. Die meisten derer, die verletzt auf der Bank saßen, werden den Verein ohnehin alle verlassen: Heiko Grimm und Jan Olaf Immel gehen ebenfalls nach Großwallstadt, Igor Lawrow wechselt zum HSV Hamburg. Nur Benjamin Hundt, zur Zeit ebenfalls nicht spielfähig, ist noch zu haben.
Schwalb warnte natürlich davor, immer wieder solche Heldentaten von seinen jungen Recken zu erwarten. "Aber da waren schon Szenen dabei, da ist einem das Herz aufgegangen." Nun können die Wallauer zuerst einmal durchatmen. Erst am 11. Mai steht das Spiel beim THW Kiel bevor. Bis dahin sollte der eine oder andere Verletzte wieder einsatzfähig sein. Ob er dann wieder auf die etablierten Kräfte zurückgreife und die Talente auf der Bank lasse, wurde Schwalb gefragt. Der Trainer schüttelte den Kopf. "Klar, die werden spielen. Das ist die Zukunft." Wenn alles so vielversprechend wäre wie der Nachwuchs, stünde es um den Verein besser. Leider ist dem nicht so. Die Spieler warten weiter auf ihr Geld, bald werden es vier Monate sein. Das Gerücht, daß die Mannschaft ein Ultimatum gestellt habe, wollte Torhüter Marcus Rominger, der Sprecher der Mannschaft, nicht bestätigen. Er sagte nur: "Kein Kommentar dazu. Wir spielen so lange, wie es uns Spaß macht." Auch zu dem Gerücht, eine andere Gesellschaft als die SG Wallau/Massenheim Spielbetriebs- und Vermarktungs-GmbH habe bei der Liga die Lizenz beantragt, wollte sich niemand äußern. So stellt sich weiter die Frage, wie lange der Spaßfaktor den Frust überwiegt. Das Spiel gegen Flensburg jedenfalls war beachtlich - Spaßhandball in schweren Zeiten.

