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Radsport Der Einzelkämpfer

24.06.2004 ·  Patrik Sinkewitz, der Sieger der Deutschland-Tour, darf erst im nächsten Jahr zur Tour de France

Von Michael Eder
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Vor dem Haus der Athleten in der Otto-Fleck-Schneise stehen ein paar Einkaufsräder. Der junge Mann, der im Trikot des Quick-Step-Teams angeradelt kommt, stellt sein Maschine lieber drinnen ab. Das kann man verstehen, denn sein Rennrad ist sein Arbeitsgerät, und allein die SRM-Kurbeln kosten ein kleines Vermögen. Der junge Mann heißt Patrik Sinkewitz und hat gerade eine kleine Trainingsfahrt von Fulda nach Frankfurt unternommen, um sich am Olympiastützpunkt vom Masseur seines Vertrauens ordentlich durchkneten zu lassen. Freundin Conny, die in Frankfurt arbeitet, wird ihn später per Auto mit nach Hause nehmen - 140 Kilometer auf dem Radcomputer reichen für heute.

Sinkewitz nippt an einer Flasche Apfelschorle Marke Förstina. Seit Januar ist der Abfüller aus der Rhön sein Sponsor, womit er einen guten Riecher bewiesen hat. Der beste Radler, den Fulda jemals hatte, hat sich in den vergangenen Wochen nämlich mächtig ins Gespräch gebracht. Er hat die Deutschland-Tour nach einem fulminanten Angriff im Anstieg des Arlbergpasses gewonnen und mit seiner unverstellten Freude über seinen bislang größten Erfolg viele Sympathien geerntet. Plötzlich war aus dem erst 23 Jahre alten Hessen, der einst für den RV Sossenheim fuhr und dann in Italien beim Mapei-Team und später in Belgien bei Quick-Step zum Profi wurde, die große deutsche Radhoffnung geworden. Der nächste Ullrich, hieß es, der kommende große deutsche Rundfahrer.

Da sitzt er nun, der neue Ullrich, und ärgert sich erst einmal. Trotz seines Sieges bei der Deutschland-Tour, trotz des siebten Platzes bei der Tour de Suisse hat ihn Quick-Step-Chef Patrick Lefevre nicht für die Tour de France nominiert. Das nagt, noch immer. Auch wenn Sinkewitz nach drei Tagen Zeit des Nachdenkens nicht mehr ganz so harsch urteilt wie in der ersten Enttäuschung. "Erst war alles Scheiße", sagt er. Jetzt ist es immer noch Mist, aber irgendwie kann er die Argumentation seines Arbeitgebers doch ein Stück weit nachvollziehen. Wenn sie ihn mitgenommen hätten, wäre für ihn an der Seite von Richard Virenque, Michael Rogers und Sprinter Tom Boonen nicht mehr als eine Helferrolle geblieben. Und zum Wasserholen, hatte Lefevre gesagt, sei er ganz einfach "zu schade". Diese Rolle übernimmt jetzt Davide Bramati, ein 36 Jahre alter italienischer Routinier. Vielleicht, sagt Sinkewitz, sei es tatsächlich besser, die Tour de France nächstes Jahr zu fahren, "mit Ambitionen", als jetzt einfach nur dabeizusein. "Schließlich will ich etwas erreichen, wenn ich die Tour fahre." Der Vermutung, daß Quick-Step auf seinen talentiertesten Fahrer verzichtet habe aus Angst, der ehrgeizige Novize könne sich nicht an die Teamorder halten, kann Sinkewitz nicht folgen: "Ich habe immer getan, was die Kapitäne von mir verlangt haben."

Je länger man redet, desto klarer wird: Sinkewitz ist hin- und hergerissen. Irgendwie ist Lefevres Entscheidung verständlich, der erfahrene Teamchef will sein größtes Talent behutsam aufbauen, er weiß um die Schwere der Tour. Andererseits ist da der Traum des Hessen, der nicht warten will, weil er weiß, daß er in Frankreich starten müßte, wenn es allein nach Leistung ginge. "Ich habe gedacht, daß bei der Tour die besten Fahrer starten", sagt er. "Das ist leider nicht so." Und das empfindet er als ungerecht.

Sein Vertrag bei Quick-Step läuft noch ein Jahr, danach werden die Karten neu gemischt. Gedanken an einen Wechsel? Die deutschen Spitzenmannschaften T-Mobile und Gerolsteiner wären mögliche Adressen, doch Sinkewitz ist nicht auf heimatliche Adressen fixiert. "Wenn man gut fährt, ist es egal, in welchem Team man ist." Und der Heimvorteil? "Ich sehe keinen Grund, warum ich unbedingt in einem deutschen Rennstall fahren sollte", sagt er. "Bei T-Mobile gibt es kaum weniger Ausländer als bei Quick- Step. Ullrich hat bei der Tour de Suisse mit seinen Leuten auch nicht deutsch sprechen können."

Patrik Sinkewitz ist ein Mann für die Berge, ein Kletterer, leicht und angriffslustig. Er fährt frei nach dem Motto "Frechheit siegt", und die nächste Chance bietet sich am kommenden Sonntag. Da finden in Freiburg die deutschen Straßenmeisterschaften statt - eine schöne Gelegenheit, sich zu zeigen. Sinkewitz wird dabei ganz allein sein, ohne Helfer, ohne Team. Die Gegner T-Mobile und Gerolsteiner kommen in Mannschaftsstärke. "Wenn Ullrich in der letzten Runde einen Angriff fährt", sagt Sinkewitz, "dann ist das sein erster. Wenn ich mitfahre, ist es mein hundertster." Keine Chance also für einen Einzelkämpfer? "Ich habe nichts zu verlieren", sagt Sinkewitz. "Blamieren können sich nur die anderen. Die fahren fünfzehn gegen einen, und wenn sie das Meistertrikot nicht mitnehmen, dann ist das schon ziemlich peinlich für sie." Gut, die Freiburger Strecke ist für einen Bergfahrer wie ihn zu leicht, wie gemacht für Sprinter, die Chance ist klein, aber die Form stimmt. Und vor der Tour de France noch einmal so richtig auf sich aufmerksam machen, das würde Patrik Sinkewitz schon gefallen.

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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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