14.05.2010 · Der Marburger Klaus Sartorius ist einer der wenigen privaten Teilnehmer an der Oldtimer-Rallye Mille Miglia.
Von Andrea DienerDie Startnummer 144 ist rot, stromlinienförmig, Baujahr 1952 und hat ein Marburger Kennzeichen. Gerade brummt sie gemächlich über den Domplatz von Brescia und reiht sich zwischen ihre Zeitgenossen ein, alte Alfa Romeos und Fiats. Noch drei Stunden bis zum Start, letzte Blicke auf die Routenbeschreibung, beste Wünsche von Freunden und Fachgespräche mit Fremden auf Deutsch, Italienisch, Englisch. Gegenüber hängt ein roter Fiat 8V von 1953 an einem Stromkabel, das quer über die Piazza in eine Bar läuft.
Startnummer 144 ist ein Exot, hört auf den Namen Siata Daina Gran Turismo und gehört Klaus Sartorius, einem der wenigen privaten Teilnehmer am Oldtimerrennen Mille Miglia. Die meisten Plätze für deutsche Fahrzeuge sind mit den kommerziellen Teams von Mercedes und BMW besetzt, ein paar Käfer fahren mit und zahlreiche Porsches. Für Liebhaber ist es nicht einfach, zum Rennen zugelassen zu werden. Die knapp 300 Plätze sind begehrt, viele bewerben sich für diese angeblich schönste Rallye der Welt, doch das Auswahlkomitee ist streng. Zugelassen werden nur Autos, die bei einer der historischen Mille Miglias zwischen 1927 und 1957 teilgenommen haben. Und je seltener, desto besser.
Mit Einbruch der Dämmerung geht es los
Sartorius suchte lange nach einem Fahrzeug, mit dem er sich für das Tausend-Meilen-Rennen durch Italien bewerben konnte. Es war dann der Zufall, der ihn zu seinem Siata geführt hat: „Ein Freund rief mich an, wies mich auf den Wagen hin und sagte, damit hast du vielleicht eine Chance bei der Mille Miglia.“ Der Siata Daina basiert auf einem Fiat, ist aber in seiner Form ein Einzelstück. Die rundliche Karosserie ist aus Aluminium, 900 Kilo leicht, der Motor ist mit 80 PS ein wenig verstärkt, „racingmäßig“, sagt Sartorius. Außer zahlreichen Fiat-Umbauten stellte Siata diese Modelle in Kleinserie her. Zwanzig Jahre stand die Rarität in England bei einem Maserati-Sammler, ist rundum restauriert und rennfest, der Vorbesitzer fuhr damit regelmäßig Rallyes durch Frankreich.
Mit Einbruch der Dämmerung geht es los, Startnummer 1, ein OM von 1930, rollt über die Rampe und durch die Straßen von Brescia. Überall wird gewinkt, in den Cafés sind heute die Tische am Straßenrand die begehrtesten. Gegen halb acht ist der Siata dran, die Scheinwerfer funktionieren tadellos, durch die Dunkelheit geht es erst nach Norden an den Gardasee, dann hinunter nach Süden bis Bologna. Zwischendurch wird die Zeit genommen: An den Messstationen Volksaufläufe, Moderatoren erklären jedes Modell, Musik dröhnt durch die Nacht. Dann wieder die Strecke, die von Sicherheitsleuten und Polizei gesichert wird, aber nicht abgesperrt. Zwischen die Rennteilnehmer, deren dumpfes Röhren man hört, bevor man sie sieht, mischen sich Schlachtenbummler und rasen mit.
Ein langer Traum
Sartorius und sein Beifahrer Andreas Klein sind das erste Mal dabei. „Das liegt nicht an mir. Der Wagen ist der Teilnehmer, nicht der Fahrer“, sagt er. Der Wert seines Siata ist schwer zu beziffern, weil es für ein solches Einzelstück eigentlich keinen Markt gibt. Bei vergleichbaren Autos landet man schnell im sechsstelligen Bereich. „Aber das Geld spielt in dem Moment keine Rolle“, sagt der Besitzer. „Ich habe nicht geerbt, kein Auto und kein Geld, ich habe mir das selbst erarbeitet.“
Oft ist es ein langgehegter Traum, der auf italienischen Straßen verwirklicht wird. Das ist auch bei Sartorius so, der schon als Kind Autoquartett spielte. Zu Hause hat er eine kleine Sammlung, vor allem Sportwagen der sechziger Jahre, die für die Mille Miglia nicht in Frage kommen. „In einem gewissen Alter machen einem die Neuheiten auf dem Markt keinen Spaß mehr“, sagt er. Es dauerte dann zwar noch einige Jahrzehnte, bis er sich ein seltenes und guterhaltenes Stück wie den Siata leisten konnte, aber nun ist er dabei. Das zählt mehr als ein Sieg.
Kurz sind die Nächte der Rallyefahrer
Am nächsten Morgen kommt das Siata-Team nicht weit. Kurz hinter Bologna läuft der Vergaser über, und der Wagen steht an der Rennstrecke bei Imola, dem „Autodromo Enzo e Dino Ferrari“. Das Liegenbleiben gehört dazu, wenn man sich auf ein altes Auto einlässt, so gepflegt es auch sein mag. Meist ist es nur eine Kleinigkeit, die streikt, in diesem Fall ein Vergaserventil. „Wir mussten alles auseinanderbauen, Ventil reinigen, wieder zusammenbauen.“ Mit seinem Beifahrer Andreas Klein war zwar ein fähiger Mechaniker dabei, aber leider kein Ersatzventil. Ein paarmal blieb der Siata noch liegen, einige Stunden verloren die beiden auf dem Weg nach Rom und kamen spät dort an, um halb zehn, zwischen den hohen Startnummern. Aber es hat sich gelohnt: „Der Korso durch Rom war gigantisch. Vier Motorräder, die haben alles für uns angehalten, man ist hinter denen hergefahren.“ Am Tiber führt der Weg schließlich an der Engelsburg vorbei, dort steht die scheinwerferhelle Tribüne, jeder Teilnehmer wird kurz vorgestellt – der Wagen natürlich, nicht der Fahrer. Durch ein Spalier von Schaulustigen und Fotografen rollen sie Richtung Petersdom, dann wird das Auto für die Nacht geparkt.
Kurz sind die Nächte der Rallyefahrer, denn um viertel vor sieben ist der Start in Rom angesetzt. Es regnet in Strömen, bunt schillern Ölschlieren auf dem Asphalt, wenige Schaulustige stehen mit Schirmen am Startpunkt, wo sich die Teilnehmer drängen. Die Reihenfolge nach Startplätzen muss wieder stimmen, Ordner winken hektisch hohe Nummern beiseite, von hinten brausen niedrige Nummern durch. Im Siata Nummer 144 ist man wieder zuversichtlich. Ein Ersatzventil ist zwar nicht in Sicht, aber alles läuft wieder. Das Wetter macht den Coupé-Fahrern weniger aus als den Piloten in den offenen Sportwagen, die mit aufgespannten Schirmen im Nassen sitzen und dem Fußraum dabei zuschauen, wie er sich allmählich mit Wasser füllt.
Tausende auf den Straßen
Regen gehört bei der Mille Miglia dazu. „Die Scheibenwischer helfen eher nicht“, sagt Sartorius lapidar. Dafür gibt es eine Anti-Regen-Behandlung, damit das Wasser von den Scheiben perlt. Auch sonst ist die Schlechtwetterausstattung eher mager: „Keine Heizung, kein Gebläse, keine Scheiben.“
Von Rom aus führt die Route wieder nach Norden durch die Toscana. Die kurvigen Passstraßen sind nicht ganz einfach zu fahren ohne Bremskraftverstärkung und ohne Servolenkung, und spätestens hier kommen die Fahrer ziemlich ins Schwitzen. Immerhin lässt der Regen nach, und bei Siena scheint schon wieder die Sonne. Mit deutlich mehr als Tempo 30 kurven die Wagen durch die Gassen der Altstadt. Für ein paar Stunden kommen die Geschäfte zum Erliegen, die Autos gehen vor.
Pünktlich gegen halb acht trifft Startnummer 144 wieder in Brescia ein. „Alles wunderbar“, fasst Sartorius am nächsten Tag zusammen. „Das Auto lief, wir haben ausgeschlafen, ich stehe immer noch unter Strom.“ Es sei schwer zu sagen, was eigentlich das Beste war, „da reiht sich ein Höhepunkt an den anderen“. Nun muss er erst einmal entspannen, der Siata muss zurück nach Hessen, ein neues Vergaserventil ist fällig. Und dann? „Jetzt geht es weiter!“ Die nächste Rallye ist schon geplant, Schottland diesmal, vier Tage, sehr familiär. Kein Großereignis, das tagelang eine halbe Nation in Atem hält und Tausende auf die Straßen lockt. Aber vermutlich macht genau das die Faszination der Mille Miglia aus – dass sie nicht nur die Beteiligten begeistern kann, sondern auch alle, die mit Klappstühlen und Thermoskanne an der Strecke sitzen und einem Fahrzeug nach dem nächsten hinterherwinken. Ein tausend Meilen langer Ausnahmezustand.