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Vorbildliche Jugendarbeit : Mainzer Schule mit System

  • -Aktualisiert am

Resultat erfolgreicher Jugendarbeit: Der frühere Mainzer André Schürrle und der Dortmunder Mario Götze treffen inzwischen auch für die Nationalmannschaft. Bild: dpa

Hoch verteidigen, mutig und risikoreich auftreten: Der Nachwuchs des erstklassigen Fußball-Nachbarn aus Mainz überzeugt nicht nur mit einer erfolgreichen Spielidee.

          Eigentlich hätte eine Kamera genügt, aber zur Sicherheit hatte der FSV Mainz 05 ein eigenes Gerät mitgebracht. Direkt neben der Trainerbank, auf einem gut zwei Meter hohen Stativ, filmte sie das Spiel der U-17-Junioren gegen die Altersgenossen des FSV Frankfurt aus einer nur unwesentlich anderen Perspektive als die Kamera der Bornheimer. Die Bilder des 6:0-Sieges der Rheinhessen werden also die gleichen sein, auch wenn ihr Genuss höchst unterschiedliche Gefühle beim Betrachter auslösen wird. „Im Jugendbereich braucht man einfach die Videoanalyse, um den Spielern klarzumachen, was sie falsch gemacht haben. Das ist Standard“, sagt Marcus Jahn. So gesehen wird der Trainer der Bornheimer mit seiner Mannschaft in dieser Woche viel Zeit vor dem Fernseher verbringen müssen, sein Kollege kann dagegen ruhigen Gewissens darauf verzichten.

          Wird er aber nicht: „Es gibt immer noch etwas zu verbessern“, sagt Meikel Schönweitz, „beispielsweise dürfen wir dem Gegner keine Konterchancen gestatten.“ Der Mainzer B-Jugend-Trainer gab sich bescheiden nach einem Spiel, in dem die Rheinhessen das nächste Ausrufezeichen gesetzt haben. Vor drei Wochen erst schlugen die A-Junioren Eintracht Frankfurt in einem Punktspiel der Bundesliga Süd/Südwest 8:0, und das ist eine Hausnummer, auch wenn im Jugendbereich schon mal das ein oder andere Tor mehr als im von Taktik und Disziplin geprägten Seniorenbereich fällt.

          „Wir sind gut aufgestellt“

          Frankfurt bot allein drei schon mit Profiverträgen ausgestattete Spieler auf (Alexander Hien, Julian Dudda und Erik Wille). Außerdem galt gerade jener Jahrgang um den bundesligaerprobten Sonny Kittel bislang als Aushängeschild. Im Eintracht-Nachwuchs-Leistungszentrum am Riederwald brodelte es anschließend. Ist Mainz 05 mittlerweile die Nummer eins im Rhein-Main-Gebiet, was die Nachwuchsarbeit angeht? „Ich werde mich jetzt zu keiner Aussage verleiten lassen“, sagt Schönweitz und lächelt, „nur so viel: Wir sind gut aufgestellt.“

          Das ist untertrieben. Allein die 55. Spielminute entschädigte die 250 Zuschauer, so sie denn nicht mit dem FSV sympathisierten, für die frühe Anstoßzeit um 11 Uhr. Der Mainzer Angreifer Patrick Pflücke ließ einen Gegenspieler an der Eckfahne aussteigen, dem nächsten verpasste er einen Beinschuss. Dann bediente er den ebenfalls auf Höhe der Torauslinie stehenden Necmi Gür, der sich gefragt haben muss, wie er die Aktion seines Mitspielers denn noch übertreffen könnte. Den Ball ein, zwei Sekunden mit der Sohle zu streicheln und dann mit der Hacke weiterzuspielen war in der Tat eine gute Lösung: Gürs blindes Zuspiel fand den mitgelaufenen Devante Parker, der nur noch zum 5:0 einschieben musste.

          Dass der Angreifer überhaupt im Strafraum postiert war, hatte er einem taktischen Kniff seines Trainers zu verdanken. „Wir haben sehr gut über Außen gespielt, für unsere Flanken war dann aber oft kein Abnehmer in der Box“, sagt Schönweitz. Schon nach dreißig Minuten hatte er seiner im 4-4-2-System angetretenen Elf daher ein 4-2-3-1 mit Parker als klassischem Mittelstürmer verordnet. „Möglichst flexibel“ wolle man in dieser Hinsicht sein, zumal jedes Mitglied des Mainzer Offensivquartetts mit Parker, Gür, Pflücke und Tobias Rech variabel einsetzbar ist.

          „In den vergangenen zehn Jahren nach oben geschossen“

          Am Spielsystem lässt sich die einst von Jürgen Klopp begründete und von Thomas Tuchel um das Merkmal der Flexibilität verfeinerte Mainzer Schule also nicht festmachen, eher schon an der Spielidee. „Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, dass wir hoch verteidigen, mutig und risikoreich spielen wollen“, sagt Schönweitz. Wichtig sei natürlich die Verzahnung mit dem Profibereich. Alle vier Wochen werden die leistungsstärksten Spieler aus B- sowie A-Jugend in einer von Thomas Tuchel geleiteten Trainingseinheit gesichtet.

          „Mainz ist in den vergangenen zehn Jahren wirklich nach oben geschossen“, sagt Armin Kraaz. Der Leiter des vom Deutschen Fußball-Bund mit drei Sternen – der Bestnote – ausgezeichneten Eintracht-Nachwuchs-Leistungszentrums sieht seinen Verein unter den Top vier in der Bundesrepublik, was die Ausbildung von Jugendspielern für den Profibereich angeht. Freilich werde dies nicht immer durch das Tagesgeschäft, durch die Ergebnisse und Tabellen ersichtlich. „Mal ist Mainz vorn, mal wir.“ Vor einer Woche erst schlug die U 17 der Eintracht jene Mainzer Elf, die am Bornheimer Hang zauberte.

          „Wir fühlen uns der Tradition des Vereins verpflichtet“

          Und auch die Eintracht verfügt, zumindest im Jugendbereich, über eine Art Philosophie. Bis zur U 16 spielen alle Mannschaften im 4-3-3-System, von der U 17 an wird, dem Wunsch nach Flexibilität geschuldet, zusätzlich das 4-4-2 einstudiert. „Wir fühlen uns der Tradition des Vereins verpflichtet und wollen technisch anspruchsvollen Fußball vermitteln.“ Eine Spielidee also, für die die Verantwortlichen der Eintracht-Nachwuchsabteilungen zu ihren Zeiten als Spieler eher nicht standen, wie Kraaz mit einem Augenzwinkern zugibt. Er selbst war Abwehrspieler, U-19-Trainer Alexander Schur ein defensiver Mittelfeldmann rustikaler Art und Uwe Bindewald, sein Kollege bei den B-Junioren, ein bei den Stürmern gefürchteter Manndecker. In einer Zeit, als es keine Innen- und Außenverteidiger gab, die „Box“ noch Strafraum hieß und Kameras bei Jugendspielen die Ausnahme waren.

          Quelle: F.A.Z.

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