10.01.2012 · Mallorca statt Barcelona, Mittelmaß statt Spitze: Im Trainingslager sucht Mainz 05 im Jahr nach der Überraschungssaison nach alten Tugenden.
Von Frank Thomas, LlucmajorDer Kontrast könnte größer kaum sein. Noch vor einem Jahr hatte der Ort des Mainzer Wintertrainingslagers etwas Magisches: Barcelona, nahe Nou Camp, der Heimstätte des FC Barcelona, eingebettet in ein Wohngebiet der pulsierenden Metropole - es war ein außergewöhnliches Trainingsquartier nach einer außergewöhnlichen Halbserie. Die Fußballprofis des damaligen Tabellenzweiten waren mitten im Leben. Wenn sie in diesen Tagen beim Auslaufen ihre Runden drehen, blicken sie in eine Einöde, so weit das Auge reicht. Karge Felder, ein paar Sträucher, kleine Steinmauern, das war's. Es herrscht Tristesse rund um die ausgewählte Nobelherberge, ein mallorquinisches Landgut aus dem 14. Jahrhundert - aber immerhin bei gutem Wetter. So oder so, auch die Wahl des diesjährigen Trainingslagers ist dem Anlass angemessen: Ein karger Ort nach einer kargen Halbserie.
Für Thomas Tuchel geht es in dieser "Impulswoche", wie er es nennt, vor allem darum, "die Sinne zu schärfen für das Abwehrverhalten. Wir wollen die Elemente für das Spiel, das Mainz 05 so besonders macht, in den Mittelpunkt rücken." Das bisweilen mangelhafte gemeinschaftliche Verteidigen hat der Trainer des Tabellenvierzehnten als einen gewichtigen Faktor ausgemacht, der für die Schieflage in dieser Saison verantwortlich ist. Das ist insofern bemerkenswert, weil die Presseabteilung des Klubs Bo Svensson noch im Juli einen Satz aus einem Interview strich, der exakt diese Entwicklung vorhersagte. Der für seine realistischen Einschätzungen bekannte und teamintern hochgeschätzte Däne hatte nach den Erfahrungen der ersten Trainingswochen bemängelt, dass es für Mainz 05 in dieser Saison ziemlich eng werden könne. Insbesondere dann, wenn das kompakte Verteidigen nicht gelänge. In die Hochstimmung nach der Qualifikation für die Europa League und der erfolgreichsten Saison der Klubgeschichte hat die Warnung des derzeit am Kreuzband verletzten Führungsspielers damals wohl nicht gepasst. Wenige Monate später ist ebendiese Situation eingetreten. Mainz schwebt nach blamablem Ausscheiden im nationalen und internationalen Pokalwettbewerb in akuter Abstiegsgefahr.
Wenn Tuchel argumentiert, warum er im Trainingslager durchgehend in einer 4-4-2-Grundordnung trainieren lässt, bekommt man eine Ahnung davon, was im Detail nicht funktioniert hat. "Dieses System schafft die klarsten Handlungsweisen und Verantwortlichkeiten", sagt er. "Es gibt kein Wenn und Aber, der Fokus liegt darauf, Verantwortung zu übernehmen für meinen Spielstreifen, für meine Verteidigungszone." Dieser Verantwortung aber hat sich der eine oder andere Spieler bisweilen entzogen. Und das, obwohl schon der Ausfall eines Einzelnen in einem so eng verzahnten System fatale Folgen haben kann. In diesem Punkt war Mainz 05 im Vorjahr eine andere Mannschaft - ablesbar an der kleineren Zahl der Gegentore
Vor ein paar Tagen hat sich die Mannschaft zusammengesetzt und auf die Rückrunde eingeschworen. Mit dem Trainer einigte man sich, dass es einen "Schritt zurück" geben soll, erzählt Malik Fathi. Zwar wollen die Spieler ihren Ballbesitzfußball der Hinrunde, der Dominanz in vielen Spielen, aber kaum Punkte einbrachte, nicht gänzlich aufgeben. Aber es soll "eine Zugabe sein", sagt Jan Kirchhoff. "Wir müssen den Schwerpunkt wieder dahin verschieben, den Gegner zu ärgern und böse zu sein. Den Ansatz, Spiele zu dominieren, sollten wir Bayern oder Dortmund überlassen. Dafür ist unser Tabellenplatz nicht entsprechend", so der Mittelfeldspieler. "Die Gegner müssen wieder merken, dass Mainz eine Drecksmannschaft ist, die läuft, ackert und extrem unangenehm zu spielen ist. Gegen uns darf es keinen Spaß machen. Wir müssen uns wieder auf den einfachen Weg besinnen."
Was einen weiteren Schwachpunkt dieser Hinserie betrifft, die schwächelnde Offensive, ist noch keine Stürmerverpflichtung in Sicht. Aber immerhin hinterlässt der Langzeitverletzte Adam Szalai (Kreuzband- und Außenbandriss) nach elfmonatiger Zwangspause einen so guten Eindruck, dass Christian Heidel schon von einem "Neuzugang" spricht. "Wenn seine Entwicklung so weitergeht." Allzu hohe Erwartungen will der Manager Szalai trotzdem nicht mit auf den Weg geben. Er weiß, dass nach einem derart schweren Knieschaden ein körperliches Tief sehr wahrscheinlich ist. Es geht auch hier um die zeitliche Nähe zwischen Höhenflug und möglichem Rückschlag - und damit kennt man sich in Mainz bestens aus.