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Im Gespräch: Volker Kersting „An Lionel Messi hängt sich in der Talentförderung jetzt alles auf“

 ·  Volker Kersting ist schon seit zwei Jahrzehnten ein Motor in der Jugendarbeit bei Mainz 05. Hier liegen die Wurzeln des Nachwuchsleistungszentrums, das als Vorzeigeprojekt gilt.

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Die A-Junioren von Mainz 05 haben kürzlich die Frankfurter Eintracht 8:0 besiegt. Haben Sie die Eintracht abgehängt?

Man darf das im Nachwuchsbereich nicht von Ergebnissen abhängig machen, zumal da sehr große Schwankungen normal sind. Wir haben vor einem Jahr mit dem 94er-Jahrgang gegen die Eintracht zu Hause 0:5 verloren, nachdem wir das Hinspiel in Frankfurt noch 2:1 gewonnen hatten. Jetzt haben wir mit einigen dieser 94er die Eintracht mit vielen ihrer 93er besiegt, die vor zwei Jahren B-Jugend-Meister wurden. Auch wenn wir so ein Ergebnis gerne mitnehmen, darf man da nicht zu viel reininterpretieren. Die Eintracht wie auch wir machen beide auf ihre Art gute Arbeit.

Gibt es eine Mainzer Schule im Nachwuchsfußball?

Wir haben über Jahre eine Nachwuchskonzeption entwickelt. Den ersten großen Schritt haben wir 2002 mit der Einführung der Nachwuchsleistungszentren gemacht, als der DFB die Vereine aufgrund der schlechten Resultate der Nationalmannschaft in die Pflicht genommen hatte. In Mainz war besonders der erste Aufstieg 2004 wichtig, der neue finanzielle Möglichkeiten eröffnet hat. Da wurde dann - auch von Jürgen Klopp anfangs geprägt - eine Mainzer Spielphilosophie entwickelt, die sich von den Profis bis in die Jugendteams durchziehen sollte. Das ergibt mittlerweile ein einheitliches Bild.

Cheftrainer Thomas Tuchel sagt, dass der FC Barcelona ein Vorbild für Mainz sein kann - auf deutlich niedrigerem Niveau. Sehen Sie das ähnlich?

Schon. Es ist interessant, wie Barcelona ganz früh mit seiner Philosophie ansetzt und seine Spieler in einer Spielphilosophie schult. Das versuchen wir auch mit unserer Spielidee.

Präsident Harald Strutz hat 2009 nach dem Gewinn der deutschen Meisterschaft der A-Junioren gesagt, dass dieser Titel ein Triumph der Vereinsarbeit sei, während die Erfolge der Profis auch viel mit Geld und Transferpolitik zu tun haben. Heißt das, die Jugendarbeit ist idyllischer?

Vielleicht ist der Jugendfußball die romantischere Seite am Fußball, mit reinen Emotionen bei den Jugendlichen, mit Visionen und großen Zielen.

Was ist Ihre Motivation?

Die Titel sind es nicht. Wenn wir einen holen können, dann ist das super. Aber wichtig ist nur die Ausbildung und Entwicklung der einzelnen Spieler.

Mainz stellt mehr als ein Dutzend Juniorennationalspieler in den Auswahlteams von der U 15 bis zur U 21. Ist Ihre Arbeit so gut, oder hat sich die Wahrnehmung von Mainz 05 geändert durch die Erfolge der Profis?

Sicher ist die Wahrnehmung gestiegen. Aber bei der Auswahl von Juniorennationalspielern entscheidet nur die Qualität. Und da zeigt sich unsere nachhaltige Ausbildung. Da ernten wir jetzt die Früchte unserer Arbeit. Dadurch sind wir interessanter geworden für Nachwuchsspieler.

Sind solche Nominierungen nur ein Segen oder auch eine Gefahr für Jugendliche, sich selbst zu überschätzen?

Nominierungen sind Wertschätzung des DFB für unsere Arbeit und für den einzelnen Jugendlichen. Gefährlich sind sie für Spieler nur dann, wenn man nicht vernünftig damit umgeht. Wir versuchen, dass sich unsere Spieler nichts darauf einbilden. Wir behandeln sie ganz normal weiter wie alle anderen Spieler. Wir halten sie an, demütig zu bleiben, fleißig weiterzuarbeiten. Das ist entscheidend.

Brechen über solche Spieler auch andere Vereine oder Spielerberater herein?

Sobald man auf so einer DFB-Liste steht, steht das Telefon nicht mehr still. Dann rufen Vereine bei den Eltern an oder Spielerberater. Ganz Hinterlistige kontaktieren die Jungs sogar hinter dem Rücken über die sozialen Netzwerke, was ich für skrupellos und kriminell halte. So was bekommen wir hier täglich mit.

Kürzlich hat für Aufsehen gesorgt, dass der 15 Jahre alte Patrick Pflücke aus Dresden nach Mainz gewechselt ist. Welche Rolle spielt bei einem solch frühen Transfer Geld?

Geld spielt da überhaupt keine Rolle. Bei den Vereinen, die auch um ihn geworben haben, dürfte klar sein, dass wir die geringsten finanziellen Mittel haben. Das war auch nicht maßgebend. Patrick, der in seinem Jahrgang einer der höchstgehandelten Spieler ist, haben wir für uns gewonnen über die emotionale Schiene und über die Art der Ausbildung und des Fußballs, die wir ihm offeriert haben. Das ist für einen Spieler in dem Alter wichtiger als ein bisschen Geld.

Was bedeutet emotionale Schiene?

Wir haben Patrick mit seinen Eltern drei Tage zu uns eingeladen, ihm das Nachwuchsleistungszentrum gezeigt, zusammen das Spiel gegen Bayern München geschaut und haben Gespräche mit Thomas Tuchel und Christian Heidel geführt. Patrick und seine Eltern haben sich wegen dieser familiären Verhältnisse für uns entschieden und dafür, dass sie mit ihrem Sohn nach Mainz ziehen. Wir haben der Familie dann geholfen, hier auch beruflich Fuß zu fassen.

Es gibt viele Gerüchte über Geldbeträge, die im Nachwuchsbereich gezahlt werden. Wie viel zahlen Sie Ihren Spielern?

Wir zahlen ihnen Taschengeld, aber keine Beträge im vierstelligen Bereich, wie sie andernorts bezahlt werden. Ich halte so etwas auch für ungesund, da man den Jungs damit signalisiert: Du hast schon alles erreicht. Wo soll denn da noch das Steigerungspotential sein, wenn ein 16-Jähriger schon 4000 Euro im Monat bekommt? Die Jungs sollen sich in dem Alter darauf fokussieren, wo sie am besten ausgebildet und auch rund um den Fußball am besten betreut werden.

Neben den Eltern und den Vereinen gibt es auch im Jugendfußball schon Spielerberater. Wie stehen Sie zu deren Rolle?

Ich weiß nicht, ob ein Nachwuchsspieler einen Berater dafür braucht, wo er sich wohl fühlt und wo er am besten ausgebildet wird. Viele Berater neben den wenigen seriösen sammeln einfach nur Spieler und lassen diejenigen, die es nicht in den Profibereich schaffen, fallen. Die meisten Berater fragen nie nach den Inhalten der Nachwuchsarbeit, wenn sie sich mit uns unterhalten. Das finde ich traurig. Berater haben sicher im Profibereich ihre Berechtigung, für den Jugendbereich fehlt einigen aber die sportliche Kompetenz.

Wieso lassen sich junge Spieler dann davon blenden?

Berater werfen gerne mit Schuhverträgen um sich, dann kriegen die Spieler eben zwei oder drei paar Schuhe. Außerdem können die Jungs dann in der Mannschaft sagen, dass sie jetzt einen Berater haben. Das ist offenbar verlockend.

Hilft Ihnen der „Jugendwahn“ in der Bundesliga mit immer besseren Chancen für Nachwuchsspieler in der täglichen Arbeit?

Ich denke, dass es einen Gesinnungswandel gegeben hat. Die Vereine schreiben sich das wieder gerne auf die Fahnen, Spieler zu entwickeln. Sicher hat das auch einen finanziellen Grund. Die Klubs verstehen, dass es billiger sein kann, selbst auszubilden als 28 Jahre alte, fertige Spieler zu holen. Mainz 05 geht ja selbst bei den Neuverpflichtungen den Weg, noch junge Spieler zu holen, die wir dann im Profibereich selbst zu Ende ausbilden.

Nur ein kleiner Teil kann einmal großes Geld mit dem Fußball verdienen. Was passiert mit den Gescheiterten?

Da müssen wir genau schauen, was Scheitern heißt. Wenn einer unserer Spieler in der Oberliga oder Verbandsliga landet, dann kann er immer noch sein Studium mit dem Sport finanzieren. Der Trichter in den Profifußball ist nun einmal verdammt eng. Das schaffen nur die wenigsten. Wir versuchen unseren Spielern immer klarzumachen, dass es keinen gibt, der sich nur auf Fußball konzentrieren darf. Es muss zumindest ein Schulabschluss wie Fachabitur oder eine Ausbildung her. Dafür tun wir sehr viel, von Nachhilfe über Hausaufgabenbetreuung bis zur Berufsberatung. Wenn das dann geschafft ist, dann kann man sich auch mal vorübergehend auf den Fußball konzentrieren.

Ist der für zehn Millionen Euro nach Leverkusen gewechselte Nationalspieler André Schürrle Ihr Vorzeigeprodukt?

Sicher ist André das Paradebeispiel: Er hat hier sein Fachabitur gemacht, ist zum Profi gereift und zum Nationalspieler geworden. Aber auch viele andere Spieler wie Jan Kirchhoff oder Stefan Bell sind Paradebeispiele. Und auch viele, die den Sprung in den Profibereich nicht geschafft haben, aber in der Oberliga ihr Studium finanzieren, sind vorzeigenswert.

Seit diesem Jahr gibt es als Einladungswettbewerb einer Agentur eine Art Champions League der U 19. Was halten Sie davon?

Das ist der größte Schwachsinn, nun 18-Jährige durch Europa zu karren. Das sind teilweise Jugendnationalspieler, die eh schon 50 bis 60 Schultage verpassen. Nun fliegen die auch noch unter der Woche durch Europa für solche Spiele. Da müssen Uefa und Fifa ihrer Verantwortung gerecht werden, sonst haben wir irgendwann auch eine U-8-Bundesliga.

Aber auch Sie werben um zehn oder elf Jahre alte Talente, die viel Zeit auf dem Weg zum Training aufwenden müssen.

Wir achten aber darauf, dass das nicht zu Lasten der Spieler geht. Wir halten die Fahrtzeiten so gering wie möglich oder lassen die Jungs auch erst mal bei Partnervereinen, bis wir sie mit 16 in unser Jugendinternat aufnehmen können.

Mittlerweile werden absurde Summen für zehn oder zwölf Jahre alte Spieler geboten. Kann man in diesem Alter das Potential denn schon absehen?

Lionel Messi ist, glaube ich, mit zwölf Jahren nach Barcelona gegangen. Daran hängt sich jetzt alles auf. Aber alle reden eben nur von den Spielern, bei denen es gut gegangen ist. Aber wer redet von den zerstörten Hoffnungen jener, die in einem solchen Alter hochgejubelt und für Riesensummen transferiert werden, die aber später scheitern. Da kann man von zerstörten Spielern reden. Man kann es bei einem Zwölfjährigen nicht sehen.

Wann kann man das Talent einschätzen?

Wir glauben daran, dass man bei einem Jugendlichen die Entwicklung der kommenden zwei bis drei Jahre voraussehen kann. In der Zeit kann dann so viel passieren in der körperlichen oder psychischen Entwicklung. Deshalb kann man bei einem Zwölfjährigen nicht sagen, dass er mal Profi wird.

Das Gespräch führte Daniel Meuren.

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