08.12.2009 · Rassistische Äußerungen sind auf hessischen Fußballplätzen nicht an der Tagesordnung, kommen aber immer wieder vor. Das sagt Torsten Becker, Vizepräsident des Hessischen Fußball-Verbands (HFV), unter dem Eindruck des Derbys zwischen Eintracht Frankfurt und dem FSV Mainz 05.
Von Arne Leyenberg und Johannes PaßmannRassistische Äußerungen sind auf hessischen Fußballplätzen nicht an der Tagesordnung, kommen aber immer wieder vor. Das sagte Torsten Becker, Vizepräsident des Hessischen Fußball-Verbands (HFV), unter dem Eindruck des Derbys zwischen Eintracht Frankfurt und dem FSV Mainz 05. Der Mainzer Aristide Bancé hatte seinem Gegenspieler Maik Franz vorgeworfen, ihn als „dreckigen Neger“ beschimpft zu haben, deshalb habe er ihm später seinen ausgestreckten Mittelfinger gezeigt. „Man kann natürlich nicht ausschließen, dass so etwas Signalwirkung auf den Amateurbereich hat“, sagte Becker. Rassistische Äußerungen seien allerdings in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen, zudem habe der Verband im Sommer härtere Strafen gegen Rassismus und Diskriminierung verabschiedet.
Allerdings musste der Verband erst unlängst wieder tätig werden. Nach einer Partie der Kreisoberliga Hanau verweigerte ein Spieler der SG Bruchköbel II seinem Gegenspieler vom FC Langendiebach den Handschlag mit den Worten: „Fass mich nicht an mit deinen schwarzen Händen.“ Das Sportgericht des HFV sperrte den Spieler für vier Punktspiele, zudem erhielt er eine landesweite Platzsperre von dreieinhalb Monaten.
Wirkung des Sports
Im August hatte ein Italiener in Reihen des 1. Hanauer FC 93 seinem Gegenspieler vom SV Wolfgang, dem Kameruner Anye Chifen, zugerufen: „Fass mich nicht an, Nigger!“ Alfredo F. wurde zu vier Spielen Sperre und 50 Euro Geldstrafe verurteilt. Sechs bis sieben Mal werde er in 34 Saisonspielen derart beleidigt, schätzt Chifen. „Man tut dann so, als würde man es nicht hören. Man weiß ja nicht, ob das Rassisten sind oder ob sie nur provozieren wollen“, sagt der promovierte Physiker. Aus Angst vor dem Vorwurf, er wolle nur von einer schlechten Leistung ablenken, hat er bislang nur den einen Vorfall zur Anzeige gebracht. Sprüche wie „Leg dem mal eine Banane hin, dann läuft er schneller“, höre er jedoch ständig.
Der Soziologe Hans-Georg Soeffner sagt, gerade in den unteren Ligen werde der Sport oft von Rassisten missbraucht. Es gebe auch türkische Vereine, die den Fußball ganz bewusst zur Abgrenzung einsetzten. Zum einen stellten solche Fälle aber Ausnahmen dar, sagt Soeffner. Vor allem aber tendiere man dazu, die Wirkung des Sports zu überschätzen – sowohl als Faktor für Integration als auch als Nährboden für Rassismus. In den meisten Fällen sei es mit den rassistischen Äußerungen auf dem Fußballplatz wie mit den Schlägen beim Boxen: Was innerhalb der Grenzen des Spiels stattfinde, bleibe für die Beteiligten auch Teil des Spiels und sei nicht als echter Rassismus zu bewerten, habe ein von ihm geleitetes Forschungsprojekt herausgefunden. Auch bei dem Streit zwischen Bancé und Franz handele es sich um einen solchen Fall: „Die Spieler wissen von vornherein, mit welchen Worten sie sich reizen und dass sie gereizt werden. Eigentlich können die Sportler derartige Provokationen als Teil des Spiels einordnen.“ Wer als Profi darauf aggressiv reagiere, sei deshalb nicht unbedingt glaubwürdig.
„Wir sind voll integriert“
Im Oktober vergangenen Jahres richtete der HFV eine „Kommission Integration und Gewaltprävention“ ein und benannte einen Integrations- sowie Fair-Play-Beauftragten. Auf diesem Feld tue der HFV mehr, als es der Deutsche Fußball-Bund vorschreibe, sagt Eric Maas, stellvertretender Geschäftsführer des HFV. Man könne es jedoch nicht verhindern, dass in den unteren Ligen schon mal „Scheiß-Ausländer“ gerufen werde, sagt der Integrationsbeauftragte Mouhsine Chtaiti.
Gencay Koyunbasoglu kennt diesen Ruf, aber er hat ihn lange nicht mehr gehört. „Bestimmt schon drei Jahre nicht mehr“, sagt der Vorsitzende des FC Genclerbirligi Nidda. 1988 wurde der Verein gegründet, der den türkischen Halbmond samt Stern im Wappen trägt. Für den FC Genclerbirligi spielen nicht nur Türken, sondern auch Deutsche, Armenier, Serben, Albaner. Der Trainer ist Deutscher, deshalb wird auf dem Platz und in der Kabine Deutsch gesprochen. Den Vorwurf, Mannschaften wie Italia Groß-Gerau, Croatia Frankfurt, FC Corumspor, Türk Beerfelden oder Türkgücü Frankfurt schotteten sich ab und wollten sich nicht integrieren, kennt Koyunbasoglu. „Wir sind voll integriert, ich würde uns nicht als ausländischen Verein bezeichnen.“
Spieler mit Migrationshintergrund
„Durch die Teilnahme am geregelten Spielbetrieb sind diese monoethnischen Vereine genauso integriert wie Klubs, die Viktoria oder Germania heißen“, sagt Becker. Es sei eben schön, unter Landsleuten zu spielen, sagt der gebürtige Marokkaner Chtaiti, der Verein wolle seinen Mitgliedern ein Stück Identität in der Fremde geben, aber auch in diesen Mannschaften könne jeder mitmachen. Den Anteil an Spielern mit Migrationshintergrund in Hessens Fußballvereinen schätzt Chtaiti auf 40 Prozent in den Ballungszentren, in den ländlichen Gebieten sei er geringer.