24.09.2011 · An den „einen großen Schalter“ glaubt der Trainer des FSV Mainz 05 nicht, um der aktuellen Ergebniskrise beizukommen. Klopp steht vor einer Rückkehr an alte Wirkungsstätte.
Von Uwe MartinDer Blick zurück. Vor dem 10. Spieltag der vergangenen Saison, also vor dem 31. Oktober 2010, führte Mainz 05 die Tabelle der Fußball-Bundesliga mit 24 Punkten an. Dahinter folgte der nächste Gegner im Bruchwegstadion, Borussia Dortmund, mit 22 Zählern. Die Mannschaft von Trainer Jürgen Klopp gewann auswärts 2:0, übernahm die Spitze und machte sich fortan unbeirrt auf den Weg zur Meisterschaft.
Der Blick nach vorne. Vor dem siebten Spieltag und dem Mainzer Heimspiel gegen Dortmund an diesem Samstag (15.30 Uhr) sieht es am Rhein und in der Westfälischen Bucht nicht annähernd so glänzend aus. Mainz 05: sieben Punkte Tabellenplatz 13. Borussia Dortmund: sieben Punkte, Rang elf, seit sieben Monaten ohne Auswärtssieg. Was ist das jetzt? Eine Krise? Eine Ergebniskrise? Ein Ergebnistief? Oder haben die zwei zurückliegenden Mainzer Heimniederlagen systematisch-taktische Gründe?
„Wir haben keine Zweifel an dem Wie“
Was die Journalisten als Überschrift verwenden, ist dem Mainzer Cheftrainer Thomas Tuchel auch in diesem Fall völlig egal. Angeblich lebt und arbeitet der 38 Jahre alte Fußballlehrer ja völlig unbeeindruckt von Schlagzeilen. Egal, ob sie positiv oder wie schon seit Wochen eher durchwachsen bis negativ sind. Vier Partien ohne Sieg sind es jetzt, jeweils vier Gegentore waren es beim 2:4 gegen Schalke 04 und dem 0:4 gegen 1899 Hoffenheim in der Mainzer Arena. Die Überflieger der Vorsaison sind in der Tiefgarage angekommen, wie es das Fachmagazin „Kicker“ formuliert hat. Das Spiel von Mainz 05 ist längst nicht mehr so zwingend, die Mannschaft erarbeitet sich weniger Torchancen, zwei Abwehrspieler trafen zuletzt zweimal ins eigene Tor (Nikolce Noveski, Bo Svensson), bei Standardsituationen herrscht in schöner Regelmäßigkeit höchster Alarm.
„Wir haben keine Zweifel an dem Wie“, sagt Tuchel. Wie seine Profis ein Spiel aufziehen und gewinnen können. Die Niederlagen in Kaiserslautern, gegen Hoffenheim und gegen Schalke waren tatsächlich nicht zwangsläufig – aber allesamt deutlich. „Ich glaube nicht, dass es um den einen großen Schalter geht. Es sind viele kleine Rädchen, was die Sache nicht leichter macht“, sagt Tuchel. Deshalb sei die Aufgabe komplex und zugleich sehr reizvoll. „Aber ich versuche positiv fordernd nach vorne zu schauen."
„Unser Kontakt besteht aus zwei Treffen im Jahr“
Ansätze für eine Leistungssteigerung sieht er etwa bei den Laufwegen in die Spitze und einer aggressiveren Verteidigung. Fakt ist aber auch, wie schon vor der 1:3-Niederlage in Kaiserslautern: So schlecht wie derzeit war Mainz 05 unter Tuchel noch nie plaziert. Die Herausforderung, einem extrem negativen Trend entgegenwirken zu müssen, ist neu für Tuchel. „Ich kann nicht verspüren, dass sich der Druck verändert hätte“, sagt der Mainzer Manager Christian Heidel. Und ganz bewusst fällt seine aktuelle Analyse lakonisch aus. „Wir haben wenig Punkte aus den letzten vier Spielen geholt.“ Genau nur einen, beim 1:1 in Hannover. Tuchel stellt ebenfalls keine Veränderung fest. „Der Druck von außen kann nicht höher sein als der, denn wir uns selbst machen.“ Im Übrigen sei er nicht bereit, „die Tabelle zum Mittelpunkt unserer Anschauungen zu machen“.
Inwieweit der langjährige Mainzer Erfolgstrainer Klopp und sein Nach-Nachfolger Tuchel ihren heftigen Streit aus dem Rückrundenspiel vom März in Dortmund (1:1) vergessen haben, war nicht herauszufinden. „Unser Kontakt besteht aus zwei Treffen im Jahr“, sagt der 05-Chefcoach. Womit er wohl die beiden Bundesligapartien pro Saison meint. Vor sechs Monaten sind die beiden zunächst vor eingeschalteten Fernsehkameras aneinandergeraten. Im Aufzug, auf dem Weg zur Pressekonferenz, schwiegen sie sich an. Geschwiegen hat Tuchel nicht, als er gefragt wurde, ob es ihm lieber gewesen wäre, wenn BVB-Jungstar Mario Götze seine Sperre noch nicht abgesessen hätte. „Ehrliche Antwort? Ja! Andererseits wollen wir uns ja mit den Besten messen.“