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Mainz 05 Staubsaugerverkäufer Ivanschitz und die Chancen

Die Torstatistik von Andreas Ivanschitz von Mainz 05 besitzt eine Auffälligkeit. Der Mittelfeldmann ringt nach Fehlschüssen vor dem Spiel gegen den 1. FC Nürnberg um innere Balance.

© Wonge Bergmann Thomas Tuchel hat seine Mainzer in der laufenden Saison recht erfolgreich dirigiert

Die Torstatistik von Andreas Ivanschitz besitzt eine Auffälligkeit. Der österreichische Mittelfeldspieler in Diensten von Mainz 05 hat in seinen etwas mehr als drei Jahren in Deutschland bislang in Bundesliga und DFB-Pokal 19 Tore erzielt. Niemals hat Ivanschitz bis zum heutigen Spiel gegen den 1. FC Nürnberg (20.30 Uhr) dabei doppelt getroffen. Und jedes dieser Tore war entweder ein Führungstreffer - der 29 Jahre alte Nationalspieler ist vor allem auf Treffer zum 1:0 spezialisiert - oder ein Tor zum Ausgleich während einer Partie. Vergleichbar unwichtige Treffer wie ein eigenes 2:0 oder gar 3:0 meidet der Österreicher ebenso wie eine Ergebniskosmetik wie ein 1:4. 17 der 19 Treffer führten zudem mindestens zu einem Punktgewinn. Der technisch begabte Linksfuß mit dem harten Schuss scheint also ein Mann für die wichtigen Tore zu sein und einer mit starken Nerven.

Daneben gibt es aber auch den anderen Ivanschitz, der immer wieder Großchancen vergibt. Als solcher hat er sich in jüngster Zeit präsentiert. Beim 2:2 in Leverkusen vor zwei Wochen hatte der Spielgestalter mit dem Drang in den gegnerischen Strafraum kurz vor Schluss den Treffer zum 3:1 auf dem Fuß und vergab kläglich. Stattdessen schoss Leverkusen wenig später noch den Ausgleich. „Der nächste sitzt wieder“, sagte sein Trainer Thomas Tuchel nach dem Spiel entspannt. Tatsächlich traf Ivanschitz drei Tage später im Pokalspiel gegen Aue mal wieder zum 1:0, das den Weg ins Achtelfinale ebnete. Am vergangenen Sonntag schoss Ivanschitz nun freilich mit dem schwachen rechten Fuß am Tor vorbei, in dem nur noch ein Bremer Feldspieler für den herausgeeilten Schlussmann Mielitz zu retten versuchte. Und weil er noch eine Chance nicht nutzte, wurde die vermeintliche Abschlussschwäche des Österreichers nach der unnötigen 1:2-Niederlage zum Thema. „Da erwarten wir von Andi Ivanschitz, dass er solche Bälle reinmacht“, sagte Tuchel nach dem verschenkten Auswärtssieg. „Er hat die Technik dafür.“

Selbstkritik von Ivanschitz

Unter der Woche rechtfertigte Tuchel die Kritik an seinem Spielmacher damit, dass der bislang in der Liga zweimal erfolgreiche Ivanschitz dasselbe auch von sich selbst erwarte. „Deshalb kann ich das auch öffentlich sagen“, sagte der 05-Trainer. Tatsächlich ist der Österreicher nicht nur ein begabter Fußballspieler, sondern obendrein ein intelligenter Akteur mit der Fähigkeit zur realistischen Selbsteinschätzung und zur Selbstkritik. Gelegentlich wirkt sich das nach vergebenen Torchancen so aus, dass er beide Hände vors Gesicht schlägt aus Verärgerung über sich selbst. Nur mit Mühe unterdrückt er meist diese Geste, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung einmal schilderte, um sich nicht selbst mit negativer Körpersprache noch mehr in Pessimismus zu steigern.

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Stattdessen soll sich Ivanschitz nach Vorstellung seines Vorgesetzten künftig eine mentale Stütze aus dem Gedankengut von Christoph Daum zu eigen machen. Der schwärmte einst zu Leverkusener Zeiten von der Staubsaugerverkäufer-Mentalität seines Stürmers Ulf Kirsten. „Wenn ein Staubsaugerverkäufer, der im Schnitt an jeder zehnten Wohnungstür einen Staubsauger verkauft, nach neun Misserfolgen an die zehnte Tür geht, dann freut er sich, weil er überzeugt davon ist, dort einen Staubsauger zu verkaufen“, sagt Tuchel. „So muss Andi das Vertrauen entwickeln, nach einer vergebenen Chance auch noch den zweiten, dritten oder vierten Versuch zu wagen.“ Gegen Nürnberg wird sich weisen, ob der Staubsaugerverkäufer Ivanschitz die nötige Beharrlichkeit entwickelt.

Quelle: F.A.Z.

 
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