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Laufen Generation Lusche

11.11.2006 ·  „Ich habe mich gerade einem Lauftreff angeschlossen. Nur aus Spaß. Jetzt merke ich, daß in meiner Gruppe, die zehn Kilometer in der Stunde läuft, sehr viele Leute eine Pulsuhr haben. Ich dachte immer, so ein Gerät wäre nur etwas für Spitzenathleten? Ist das wirklich nötig als Hobbysportler?“

Von Steffen Gerth
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Ich habe mich gerade einem Lauftreff angeschlossen. Nur aus Spaß. Jetzt merke ich, daß in meiner Gruppe, die zehn Kilometer in der Stunde läuft, sehr viele Leute eine Pulsuhr haben. Ich dachte immer, so ein Gerät wäre nur etwas für Spitzenathleten? Ist das wirklich nötig als Hobbysportler?

Es ist heutzutage faktisch kaum noch möglich, ohne Pulsuhr zu laufen. Tempo, Talent und Häufigkeit spielen dabei keine Rolle. High-Tech ist für jeden Athleten geboten, schließlich leben wir im Jahr 2006, haben DSL, Transrapid, Voice over IP, GPS, Autos mit Computerchips statt Motoren. Und dann laufen Sie durch den Wald und wissen nicht, mit welchem Herzschlag Sie beispielsweise am Nidda-Ufer entlangtraben? Unverantwortlich.

Der Deutsche - ein gebrechliches Wesen

Das zwingt zu grundsätzlicher Beratung. Früher, also so vor 25 Jahren, da unternahmen eine andere Art von Menschen Dauerläufe. Die waren gut trainiert, achteten auf ihre Körpersignale - und schnell. Deswegen rannten sie beim Frankfurt Marathon auch mühelos 2:30, andere sogar 2:15 Stunden. Vergessen Sie das ganz schnell. Diese Menschen gibt es zwar immer noch, die sind jetzt 50, 60 Jahre alt, kaum weniger schnell - aber Sportler. Kernige Athleten. Damit dürfen Sie sich auf keinen Fall vergleichen.

Das Klima war ja vor 25 Jahren auch anders, es gab zudem die DDR, Raider, Loriot im Fernsehen und Schnee an Weihnachten. Dieser Tage erreichte uns eine Statistik, wonach Deutschland das Weltmeisterland bei Arztbesuchen sei - 16 Mal im Jahr würden wir durchschnittlich einen Doktor aufsuchen. Wenn das nicht ein Warnsignal ist. Als Deutscher ist man mittlerweile ein höchst gebrechliches Wesen. Es ist daher an der Zeit, sich anders zu positionieren. Denn die Abteilung Sieg bei den Frankfurt-Marathons haben die Afrikaner übernommen, unsere Autos werden in slawischen EU-Beitrittsgebieten gebaut, unsere T-Shirts in China zusammengenäht.

Was ist ihr Anspruch?

Die Deutschen sind vor allem krank. Oder fürchten Krankheiten. Daher besser einmal zuviel zum Arzt. Eine derart angeschlagene Nation braucht folglich überlebensnotwendige Geräte für jede Lage: Eiswürfel-Maschinen, Blackberrys, Elektrogrills - und natürlich Pulsuhren. Denn sie wollen ja als Nidda-Ufer-Läufer nicht als potentieller Selbstmörder unterwegs sein. Sie müssen genau wissen, an welchen Hügelchen Ihr Herz 135, 140 oder gar astronomische 150 Schläge in der Minute schlägt. Daß vor 25 Jahren niemand Pulsuhren hatte, trotzdem es bei Waldläufen nicht zum Massensterben kam, darf kein Argument sein.

Sie gehören heute zur Generation Lusche. Sie trinken Gold-Bier, lachen über Mario Barth - und glauben, daß man etwas Großes geleistet hat, wenn man in fünf Marathonstunden durch Frankfurt geschlichen ist. Vor 25 Jahren wußten viele nicht, daß Menschen überhaupt so lange laufen können. Das darf nicht Ihr Anspruch sein. Sie genießen es, wenn Sie sich eine neue Pulsuhr für 200 Euro kaufen, einen Laufschuh mit Musikspeicher, Bekleidung, die alle Umwelteinflüsse von Ihnen so fern wie möglich hält. Damit hat sich ein Sportler im Jahr 2006 zu beschäftigen. Trainieren sollen die, die sich diese schönen Sachen nicht leisten können.

Für Sie als Lusche ist Training eher schädlich. Es verursacht Anstrengung, Disziplin - und nötigt auch Talent ab. Ihr Talent reicht, um perfekt ausgerüstet dabeizusein. Bei irgendwas, das mit Sport zu tun hat. Danach gibt's Medaille und Urkunde zum Angeben fürs Büro. Und die Pulsuhr zeigt, daß das Herz auch geschlagen hat. Die Daten können Sie dann gemeinsam mit ihrem Nachbarn auswerten, wenn Sie Ihre Eiswürfel auf dem Elektrogrill grillen.

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