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Fans zelebrieren ihre Ablehnung Beben am Bieberer Berg

03.08.2009 ·  Böller im Minutentakt, abgetretene Außenspiegel und zerkratzte Autos auf dem Weg zum Stadion, drinnen diffamierende Gesänge gegen die jeweils anderen: Beim Pokalspiel OFC gegen Eintracht Frankfurt zelebrierten die Fans wieder ihre wechselseitige Ablehnung.

Von Katharina Iskandar und Alex Westhoff
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Die Hoffnung des Schwarzmarkthändlers auf den großen Gewinn platzt ebenso wie die Hoffnung der Kickers-Fans auf den großen Coup. „80 Euro die Stehplatzkarte“, sagt der Händler in Offenbacher Farben zu seinen Preisvorstellungen für den Besuch des Pokalderbys OFC gegen Eintracht Frankfurt. „Würde ich das Ding für 60 raushauen, könnte ich auch selber reingehen“, sagt er barsch. Das ist eine Stunde vor Spielbeginn des Duells auf dem mit 24 000 Zuschauern restlos ausverkauften Bieberer Berg. 45 Minuten später klingt das ein wenig anders. „Na gut, 25 Euro!“ Handelseinig durch Aussitzen.

25 Euro Tageseinnahme? Darüber kann der ältere Herr in Badehose nur mitleidig schmunzeln. Geschmeidig wuchtet er einen Müllsack voll mit leeren Bierflaschen und -dosen nach dem anderen auf sein abenteuerlich beladenes Holland-Rad. Diesem Sammler bleiben zudem die motivierten Ordner an den Stadionpforten erspart. Es ist an diesem Sonntagabend Zufall, ob ein Fan bei der intensiven Leibesvisite an einen Ordner gerät, der das Abtasten als Streicheleinheit oder Prügelstrafe versteht.

Mancher Fußballfreund scheint es beim Vorspiel des großen Spiels übertrieben zu haben - das rauschhafte Nickerchen auf dem Gehsteig kostet einige die Gänsehautatmosphäre in den Minuten vor dem Anpfiff. Die Eintracht-Fans, die ausnahmsweise ganz in Weiß auflaufen, zeigen eine sehenswerte Choreographie, die Kickers-Anhänger beschränken sich zunächst auf ein Spruchband mit klarer Ansage: „Besiegt Sie!“

Außenspiegel abgetreten

Der Bieberer Berg als Stimmungsberg, ein Jahrmarkt der großen hessischen Fußballgefühle, die es seit vielen Jahren nur gibt, wenn das Pokal-Los die ungleichen Nachbarn wieder auf dem Rasen zusammenführt. So eng, so dicht, so intensiv wie am maroden Bieberer Berg kann die schwierige Nachbarschaft nicht ausgelebt werden. Wo sonst lässt sich die offene Ablehnung so zelebrieren wie im Duell der besten Fußballspieler beider Städte. Doch manch einer übertreibt dabei.

Die rund 1500 Ultras etwa, die sich schon am Vormittag am Rudererdorf in Sachsenhausen treffen. Zur Begrüßung gibt es Bier, literweise. Dann ziehen sie los in Richtung Bieberer Berg, begleitet von Polizeistaffeln. Mit jedem Schritt in Richtung Offenbach werden die Rufe lauter, die Sprüche aggressiver. Als der Pulk durch eine Wohnsiedlung zieht, eskaliert die Situation. Die Fans werfen Böller im Minutentakt, zerkratzen Autos und treten die Außenspiegel ab. Als gezielt Beamte mit Knallkörpern und Flaschen beworfen werden, kommt es zum Gerangel. Die Polizisten setzen Tränengas und Schlagstöcke ein. Einige Ultras fliehen aus dem Pulk.

Diffamierende Sprechchöre

Ein Knallkörper explodiert direkt neben dem Kopf eines Polizisten, er wird in ein Krankenhaus gebracht - ebenso wie 23 weitere Beamte, die leicht verletzt werden. Zehn Minuten dauert es, bis sich die Situation wieder beruhigt. Die Polizei wagt eine weitere Durchsage. Sagt, der Aufzug solle nun langsam weiterziehen, „damit wir noch alle pünktlich ins Stadion kommen“. Das bringt die Ultras offenbar zur Raison, denn das Spiel verpassen will niemand.

Jörg Winter, der an diesem Nachmittag einen der Polizeizüge führt, sagt, er habe mit so großen Aggressionen nicht gerechnet. Er schätzt, dass etwa ein Drittel der 1500 Fans in dem Pulk, gewaltbereit sei. „Vom Gewaltpotential her“, sagt er, „ist das heftiger als viele andere Demonstrationen, die wir in der Vergangenheit in Frankfurt hatten.“ Schließlich kommt es einen Kilometer vor dem Bieberer Berg zu einem weiteren Zwischenfall. Ein Eintacht-Fan wird festgenommen, nachdem er mehrfach den Hitlergruß gezeigt hat. Diesmal gibt es kein Aufmucken gegen die Polizei. Sogar die diffamierenden Sprechchöre verstummen. Offenbar finden die anderen Fans diese Festnahme völlig berechtigt.

„0:3 hört sich einfach doof an“

Im Stadion ist die Stimmung weniger aggressiv. Die Kickers sind im Vergleich zum Main-Derby vor zwei Jahren (0:2) nicht wiederzuerkennen und liefern der Eintracht 70 Minuten lang einen großen Kampf. Jeder Zweikampf auf dem Grün findet seinen donnernden Widerhall auf den Rängen. Jede Pause wird vom harten Kern der Anhänger mit einem Griff ins breite Repertoire von Schmähgesängen gegen die Nachbarstadt gefüllt. Der Berg bebt ein ums andere Mal. Aber am Ende darf der neue Eintracht-Trainer Michael Skibbe froh sein, dass er im ersten Pflichtspiel der Saison für die Frankfurter nicht den denkbar schlechtesten Saisonstart hinlegt: eine Niederlage gegen die Offenbacher Kickers.

Die Tore von Schwegler, Caio und Meier bereiten den etwa 6000 Frankfurt-Fans im Stadion eine Jubelsause. Doch auch die OFC-Fans feiern ihre abgekämpften Helden, können ihnen außer der Schlafmützigkeit vor den Toren keinen Vorwurf machen. Für einen kleinen Moment nach Schlusspfiff jubeln beide Fangruppen stadtübergreifend und einträchtig, aber beäugt von einer stattlichen Polizeiarmada mit ihren Teams. Die Offenbacher wirken dabei wie stolze Widerständler aus dem gallischen Dorf, die dem „Scheinriesen“ aus der Nachbarmetropole so richtig das Leben schwergemacht haben. „Ein 0:1 hätte es doch auch getan“, schluchzt ein kleiner OFC-Fan an der Schulter seines Vaters. „0:3 hört sich einfach doof an.“

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