26.02.2007 · Am Dienstagabend geht es im Stadion am Bieberer Berg um weit mehr als um das Erreichen des Halbfinales im deutschen Fußballpokal. Es geht wieder einmal um die Vorherrschaft am Main.
Von Richard BeckerSchon vor dem Anpfiff hat das Main-Derby seinen ersten Verletzten. „Streichholzkarlchen“ hat es übel am Knie erwischt. Das am Wilhelmsplatz stehende Denkmal des Offenbacher Originals wurde umgefahren, gefällt gar, wie es heißt. Und selbstverständlich soll es ein Anhänger der Frankfurter Eintracht gewesen sein. Ein übles Foul.
Der Fall des „Streichholzkarlchen“ hat dem Feuer, das einem Derby zwischen den Kickers und der Eintracht traditionsgemäß innewohnt, neue Nahrung gegeben. Denn am Dienstagabend geht es im Stadion am Bieberer Berg um weit mehr als um das Erreichen des Halbfinales im deutschen Fußballpokal. Es geht wieder einmal um die Vorherrschaft am Main. Es geht darum, dass die derzeit in der Zweiten Bundesliga spielenden Kickers dem noch erstklassigen Nachbarn ein Bein stellen, die Angriffe der Eintracht abschmettern und den Gegner schmählich geschlagen nach Frankfurt zurückschicken wollen.
146. Aufeinandertreffen beider Klubs
Seit Wochen hat das 146. Aufeinandertreffen beider Klubs die Region in seinen Bann geschlagen. Die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) unternahm mit ihrem Offenbacher Amtskollegen Horst Schneider (SPD) sogar eine recht lustige Fahrt auf dem Main, um mit dieser Verbrüderungsaktion der sportlichen Auseinandersetzung ein wenig von der Schärfe zu nehmen, mit der sich der Anhang beider Seiten in der Regel zu begegnen pflegt. Roth und Schneider werden heute Abend in dem seit langem ausverkauften Stadion zwar nebeneinander sitzen, trotz der gemeinsamen Schifffahrt auf dem Main aber beileibe nicht derselben Mannschaft die Daumen drücken. Schließlich will jeder von beiden, dass „die eigene Mannschaft“ gewinnt.
Eintracht und Kickers stehen seit 23 Jahren sportlich nicht mehr auf einer Stufe – weil die Offenbacher 1984 aus der Bundesliga abgestiegen sind und danach nie mehr erstklassig wurden. Und selbst als die Eintracht 1996 ebenfalls das Fußballoberhaus verlassen musste, gelang es den Kickers in der Folgezeit nicht, mit dem ungeliebten Nachbarn sportlich auch nur annähernd gleichzuziehen. Auf Augenhöhe begegneten sich beide Mannschaften zuletzt allerdings 2003, als die Kickers im Pokal gegen die Eintracht unterlagen – im Elfmeterschießen, nach einer bis dahin hitzig geführten Partie am Bieberer Berg.
Die Wege beider Vereine trennten sich an jenem denkwürdigen Tag im Mai 1959 als die Eintracht in Berlin das Finale um die deutsche Meisterschaft gegen die Kickers mit 5:3 nach Verlängerung gewann, anschließend Europa eroberte und mit diesem Bonus 1963 auch in die neu geschaffene Bundesliga aufgenommen wurde. Die Kickers blieben dagegen vor der Tür, was in Offenbach noch immer viele Fans wurmt, weil ihre Mannschaft damals zu den spielstärksten gehört hatte. Das Bestreben, irgendwie dazugehören zu wollen, führte zu jenem Bundesligaskandal, den Kickers-Präsident Horst-Gregorio Canellas 1971 enthüllte und von dessen Folgen sich der Verein nie richtig erholt hat. In den achtziger Jahren ging sogar die Profi-Lizenz verloren, woraufhin die Kickers schier ohnmächtig bis in die vierte Klasse – die Oberliga – absackten.
Großbürgertum gegen Arbeiterstadt
Im Fußball, so sagen die Eintracht-Fans, spiegele sich die wirtschaftliche Potenz beider Kommunen wider. Auf der einen Seite das in allen Belangen überlegene Großbürgertum mit prallen Börsen, andererseits die Düsternis einer mühsam gewachsenen Arbeiterstadt mit ihren bedrückenden Grautönen. Diese Vorbehalte sind in etlichen Frankfurter Köpfen so fest zementiert wie das Fundament jenes Denkmals, das sie in Offenbach ihrem einstmals besten Fußballspieler, dem stets vorbildlich kämpfenden Hermann Nuber, errichtet haben. Und in Frankfurt bedienen sie zudem gar zu gerne das Klischee, dass die gepflegte Spielkunst „Marke Eintracht“ den von den Kickers dargebotenen Kampf der Grätscher dominiere.
Dabei hätten die Anhänger beider Lager um ein Haar zur selben Spielstätte pilgern können. Schließlich war, bevor das Waldstadion zur WM-Arena wurde, ein von beiden Vereinen gemeinsam zu nutzendes Stadion am Kaiserlei geplant. Das wäre der Vorstellung von Petra Roth nahegekommen, die Offenbach als „Stadtteil“ empfindet, „den man entwickeln muss“. Diese Hybris wiederum muss ein überzeugter Eintracht-Fan gründlich missverstanden haben, als er unlängst äußerte, die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn sei für ihn exakt am Kaiserleikreisel gezogen.
Nun stehen sich im Viertelfinale zwei Mannschaften und zwei Trainer gegenüber, denen in jüngster Zeit nicht viel gelungen ist. Die Kickers beklagen in der zweiten Liga vier Niederlagen in Folge, die Eintracht ist nach freiem Fall in der Bundesliga auf einem Abstiegsplatz gelandet. Da im Pokal solcherlei Klassenunterschiede ohnehin nicht allzu viel bedeuten, ist den Offenbachern einiges zuzutrauen – zumal unter Flutlicht und im eigenen Stadion mit seiner besonderen Atmosphäre. Eines steht jedenfalls schon vor dem Anpfiff fest: Am Ende wird die Häme groß sein. Aber wo?