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Kickers Offenbach Tiefe Gräben auf Biebers Höhen

 ·  Für Trainer Arie van Lent ist die Pokalpartie gegen Fortuna Düsseldorf an diesem Dienstag schon die letzte Chance, seinen Job bei Kickers Offenbach zu behalten. Bei dem Drittligaklub bestimmen Altlasten den Neuanfang.

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„Wir haben die Schnauze voll!“ Der lautstarke Abschied, den die frustrierten Anhänger der Offenbacher Kickers im Protestchor ihrer Mannschaft nach dem 1:5 gegen den VfL Osnabrück bereiteten, hat den Drittliga-Profis noch in der Kabine in den Ohren geklungen. Am vergangenen Samstag erreichte die Stimmung im neuen Stadion auf dem Bieberer Berg ihren Tiefpunkt, weil der OFC im Fußball-Alltag abermals gehobenen Ansprüchen nicht genügte. Die Winterdepression kam ausgerechnet drei Tage vor dem Pokal-Achtelfinalspiel an diesem Dienstag (20.30 Uhr/DFB-Pokal im Liveticker bei FAZ.NET) gegen den Bundesligaklub Fortuna Düsseldorf, das der Außenseiter zum vorläufigen Saisonhöhepunkt erkoren hat. Eine moderne Arena, Flutlicht und knapp 20 000 Zuschauer - so viele wie noch nie: Mit einem Fußballfest und dem sagenumwobenen „Feeling Bieberer Berg“ wollen die Kickers im letzten Akt vor der Winterpause bundesweit für sich werben.

Doch auf großer Bühne droht jetzt der Party-GAU, sind die Hauptdarsteller doch schwer angeschlagen. Trainer Arie van Lent steht sogar vor seinem Abschiedsspiel, da die mit einigen Routiniers besetzte Mannschaft die spielerische Reife vermissen lässt und sich frühzeitig aus dem Aufstiegskampf verabschiedet hat. „Ich kann es nicht ausschließen, dass man sich von mir trennt“, sagte er am Montag dieser Zeitung. „Es geht nur um Ergebnisse. Ich muss damit rechnen.“ Signale bekam der Zweiundvierzigjährige einige. So blieb ein Bekenntnis der Vereinsführung zu ihm aus. Stattdessen entstand der Eindruck, dass sich die Offenbacher ohne das Pokalduell schon von ihm getrennt hätten. Van Lent hat registriert, „wie viel geredet wird und was im Hintergrund los ist“. Nur: „Ich habe keine Lust, mich zu rechtfertigen. Man muss nicht sagen: der arme Trainer. Ich trage die volle Verantwortung.“ Einen Rücktritt schließt er aus - trotz der Turbulenzen in den vergangenen Monaten, die das sportliche Abschneiden lange in den Hintergrund haben treten lassen.

„Zusamme schaffe mers!“ Das Vereinsmotto beim Pokalsieger von 1970, der in dieser Spielzeit immerhin die klassenhöheren Klubs Spielvereinigung Greuther Fürth und Union Berlin aus dem Rennen warf, steht nur noch auf dem Papier. In der Realität könnten die Gräben kaum tiefer sein - und das, obwohl es seit September dieses Jahres ein neues Präsidium mit dem selbständigen Industrieberater Frank Ruhl an der Spitze gibt. Die Aufbruchstimmung ist nach der Ära von Geschäftsführer Thomas Kalt und Präsident Dieter Müller jedoch wie weggeblasen, schließlich bestimmen die Altlasten den Neuanfang. Einer - so hieß es in den zurückliegenden Wochen mehrmals -, der schon bald ein schlimmes Ende nehmen könnte. Aber am Samstag vor dem Spiel gegen Osnabrück sagte der neue Geschäftsführer David Fischer: „Eine Insolvenz ist ausgeschlossen.“ Auch im Fall eines Misserfolgs gegen Düsseldorf, mit dem der OFC ja aufgrund des Klassenunterschieds rechnen muss. „Der Einzug in das Viertelfinale, der uns knapp eine Million Euro brächte, würde gewisse Dinge entspannen, er ist für uns aber nicht überlebenswichtig.“ Etwas mehr als sechs Millionen Euro sollen die Verbindlichkeiten des Traditionsvereins betragen. Die Nachricht, dass davon die kurzfristigen Verbindlichkeiten von 1,2 auf 1,8 Millionen Euro gestiegen sind, ließ jüngst aufhorchen. Die 600 000 Euro kämen, so Fischer, „aus dem operativen Geschäft heraus“. Zusätzliche Sorgen verursacht der Zuschauerschwund: Statt der nötigen 7000 Anhänger waren es gegen Halle (0:1) und Osnabrück jeweils nicht einmal mehr 5000. Mangels sportlicher Perspektiven könnte das zum Dauerzustand werden.

Wie kein anderer prägte Thomas Kalt in verschiedenen Positionen seit 2000 die Kickers. Bis zu seinem Rücktritt nach Differenzen mit Ruhl im Juli war er der starke Mann. Für ihn ist der finanzielle Druck Ausdruck des Stadionneubaus, der rund 25 Millionen Euro kostete. Das neue Präsidium wirft Kalt aber Misswirtschaft und fehlende Transparenz vor. Der zukünftige Geschäftsführer des Ligarivalen Erfurt streitet das ab. Er vermisst dafür bei seinen Nachfolgern die Marketingideen. Die sind vor allem damit beschäftigt, mit den Gläubigern zu sprechen und „die Schulden zeitlich zu entzerren“, wie es Ruhl ausdrückt. „Die finanzielle Situation ist schlecht. Wir leben trotzdem.“

Die Nöte sind an der Mannschaft nicht spurlos vorbeigegangen. Hinter vorgehaltener Hand ist die Rede von verspäteten Gehalts- und Prämienzahlungen. Seit vier Jahren träumen die Offenbacher nun von der Rückkehr in die zweite Liga, aber der Aufstieg bleibt wohl eine Illusion. Das nächste Opfer unerfüllter Erwartungen wird Trainer van Lent - auf jeden Fall, wenn der Pokalknaller gegen Düsseldorf zum Trauerspiel vor stattlicher Kulisse werden sollte. Andernfalls stünde dem OFC womöglich die nächste Posse bevor. Einem Pokalhelden auf der Trainerbank den Laufpass zu geben wäre kein stilvoller Abgang. Auswege aus der Krise aber müssen die Kickers einige finden.

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