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Im Gespräch: Lutz Wagner, Schiedsrichter : „Unsere Helden pfeifen in der Kreisliga“

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Hauptsache, gelassen: Lutz Wagner, ein Gesicht der Region und lange auch der Fußball-Bundesliga. Bild: Frank Röth

Nach 197 Spielen in der Bundesliga innerhalb von siebzehn Jahren ist nun Schluss für den stets unterhaltsamen Schiedsrichter – weil er zu alt ist. An diesem Donnerstag wird der Mann aus Kriftel 47. Ein Karriererückblick.

          23. August 1994, VfL Bochum gegen Dynamo Dresden, Ihr erstes Bundesligaspiel als Schiedsrichter. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

          Das erste Spiel bleibt immer in Erinnerung, zumal es von der Konstellation her auch ein brisantes war. Es gab eine Gelb-Rote Karte, sonst ist es normal verlaufen. Aber vorher habe ich mir schon viele Gedanken gemacht.

          8. Mai 2009, Gladbach gegen Leverkusen – und wie war’s beim Abschluss?

          Ein toller Rahmen mit ausverkauftem Stadion. Es war ein Haufen Schiedsrichterkollegen da, und aus Kriftel und Umgebung sind zwei Busse mit 70 Leuten gekommen. Anschließend haben wir noch ein bisschen gefeiert.

          Haben Sie, als Sie das Spiel und auch Ihre Karriere abgepfiffen haben, sofort realisiert: Das war’s jetzt?

          Vorher habe ich gedacht: Das wird kein Thema für mich, das steckst du locker weg. Lange genug darauf vorbereiten konnte ich mich ja. Ich bin dann noch zu dem Block gelaufen, in dem die Kollegen saßen. Und da ist die ganze Nordtribüne aufgestanden und hat geklatscht. Es ist ja ungewöhnlich, dass man als Schiedsrichter so viel Applaus bekommt. Aber es kommt dann doch immer anders, als man denkt. Richtig realisiert habe ich es erst mit einem gewissen Abstand.

          Können Sie Ihre neue Position beim DFB schon auswendig aufsagen?

          Wenn ich es mir richtig gemerkt habe, heißt es: „Koordinator für Regelauslegung und -umsetzung, Talent- und Nachwuchsförderung sowie Basisarbeit“.

          Exakt!

          Früher hätte man einfach Lehrwart gesagt. Aber heute sagt man ja auch nicht Hausmeister, sondern Facility Manager.

          Vermitteln Sie jungen Schiedsrichtern einen speziellen Lutz-Wagner-Stil?

          Das werde ich auf keinen Fall tun. Es gibt in der Bundesliga viele verschiedene Schiedsrichter-Typen, und jeder leitet auf seine Weise ein Spiel gut. Die Regeln müssen einheitlich ausgelegt werden, aber die Freiheit, dass der Schiedsrichter seine Persönlichkeit einbringen kann, ist elementar wichtig. Der Italiener Pierluigi Collina hat zum Beispiel die höchsten Weihen erreicht. Wenn der Fehler begangen hat, haben die Leute gesagt: Man hat da wohl die Regeln geändert. Er hat es geschafft, seine Persönlichkeit so in Szene zu setzen, das die Leute ihm vertrauten. Und Vertrauen ist ein sehr wichtiger Baustein für eine erfolgreiche Spielleitung.

          Ist Fingerspitzengefühl lehrbar?

          Es gibt einen Ermessensspielraum, den die Regeln hergeben. Der wird fälschlicherweise immer als Fingerspitzengefühl bezeichnet.

          Konkret: Spieler X sagt laut und deutlich in Ihre Richtung: Sie betrügen uns doch! Ist das immer eine Rote Karte?

          Wenn wirklich einer Betrug unterstellt, dann gehört er nicht auf den Platz. Aber es kommt nicht immer darauf an, was der Spieler sagt, sondern in welchem Ton. Ein Toni Polster konnte mir früher immer mal einen netten Spruch drücken, das hat man ihm nie übelgenommen. Wenn ein Spieler zu mir ruhig sagt, heute haben Sie aber auch nicht Ihren besten Tag, ist das etwas anderes, als wenn einer quer über den Platz bellt: Du Betrüger!

          Also Rot?

          Ja, das ist eine Unterstellung und Beleidigung. Da hört der Spaß auf.

          Was ist mit „Schiri, du Blinder“?

          „Du Blinder“ ist ein Feldverweis, aber bei allem, was noch im Rahmen ist in dieser Grauzone, da kann man auf Spieler eingehen und auf die Situation schauen. Eines ist doch klar: Wenn einer unten einen getreten kriegt, dann setzt es für einen kleinen Moment auch oben aus. Wenn er aus der ersten Erregung etwas sagt, ist es etwas anderes, als wenn sich einer vor dir in Ruhe aufbaut uns sagt: Schiri, Sie sind aber ein richtig blinder Depp.

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