21.07.2009 · Das Rhein-Main-Gebiet entwickelt sich mehr und mehr zum Vorreiter, wenn es um Stadioninfrastruktur geht. Zu sehen ist das in Frankfurt, in Mainz und in Wiesbaden.
Von Marc Heinrich und Michael WittershagenNoch liegt der Geruch von Farbe in der Luft, brummt die Rüttelmaschine über das Pflaster, hämmern die Arbeiter an den Tribünen. Die letzten Handgriffe, bevor das umgebaute und renovierte Volksbank-Stadion am Bornheimer Hang an diesem Donnerstag mit einen Testspiel gegen Werder Bremen (Anpfiff 20.15 Uhr) eröffnet wird. „Ein Schmuckstück für die zweite Liga“, sagt Bernd Reisig, der Geschäftsführer des FSV Frankfurt. „Das Projekt hat viel Nerven und Kraft gekostet.“ Aus seiner Sicht war es unumgänglich. Der Sportstadt Frankfurt eröffne es eine weitere Möglichkeit für Veranstaltungen, dem Verein biete es die Basis für Wirtschaftlichkeit in der Zukunft.
Ein Beispiel: Im Vergleich zu den Heimspielen in der Commerzbank-Arena sind pro Partie nun rund siebzig Ordner weniger nötig, der Verein spart so in der gesamten Saison etwa 200.000 Euro. Ein nicht unerheblicher Kostenfaktor bei einem Gesamtetat von rund 5,1 Millionen Euro. Das Geld war neben der Blendwirkung des Flutlichts der große Streitpunkt beim Bauprojekt am Bornheimer Hang. Kritikern erschienen die bisher notwendigen 18 Millionen Euro zu viel. Mittel, die aus dem Konjunkturpaket von Bund und Land beziehungsweise von der Kommune stammen. Weitere 10,5 Millionen Euro sollen im Mai des kommenden Jahres investiert werden, wenn die Haupttribüne abgerissen und neu errichtet wird. Dann wird das neue Stadion Platz für beinahe 15.000 Zuschauer bieten. Noch ist es schon bei rund 10.400 Leuten auf den Tribünen ausverkauft.
Britische Prägung
Das Rhein-Main-Gebiet ist auf dem besten Weg, bei der Stadioninfrastruktur eine Vorreiterrolle einzunehmen. Die Commerzbank-Arena gehört zu den stimmungsvollsten Plätzen, an denen in Deutschland Fußball gespielt wird. Viele Besucher kamen in den vergangenen, oftmals freudlosen Jahren unter der Regie von Cheftrainer Friedhelm Funkel nicht ausschließlich, um die Eintracht kämpfen zu sehen, sondern um die Atmosphäre und die Annehmlichkeiten zu genießen, die der Neubau von der Tiefgarage über die Verpflegungsstationen bis hinauf in die VIP-Logen und Familien-Blöcke bietet. „Das entscheidende und wichtigste Datum für den Frankfurter Fußball der Neuzeit war der 1. März 2001“, erinnerte unlängst Wolfgang Niersbach. „Denn damals beschlossen die Stadtverordneten den Stadionbau.“ Der Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes bezeichnete jüngst den Doppelpass von Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) und Sportdezernent Achim Vandreike (SPD) als „Entscheidung von geradezu wegweisender Bedeutung“.
Nach langer Vorlaufzeit und allerhand politischem Hickhack kommt in voraussichtlich anderthalb Jahren auch Bundesliga-Rückkehrer FSV Mainz 05 in den Genuss einer modernisierten Bleibe. Keine runde Arena, sondern ein eckiges Fußballstadion britischer Prägung soll bis Ende 2010 auf den Äckern am Rand des Stadtteils Bretzenheim entstehen. Die Pläne sehen ein 33.500 Zuschauer fassendes Bauwerk mit vier freistehenden, extrem steilen Tribünen vor. Auf dem Weg zu den Zuschauerrängen, spätestens beim Gang durch die von allen vier Ecken ohne Treppen direkt ins Innere führenden Einlasstore werde „Fußball zu riechen, zu schmecken und zu fühlen“ sein, wie es Manager Christian Heidel bei der Präsentation ausdrückte. Dass sich das Stadion, dessen Namensrechte sich ein Sponsor aus der Finanzbranche gesichert hat, bei Bedarf um 3.000 Plätze erweitern lässt, sei kein Garant dafür, dass man fortan für immer und ewig in der ersten Liga spielen werde, sagte Heidel. „Aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit.“ Um im Profifußball – ob erste oder zweite Liga – wirtschaftlich mithalten zu können, sei der gewagte Schritt schlichtweg „unabdingbar“ gewesen.
Wettbewerbsfähigkeit
Ähnlich klingt auch die Argumentation bei den Offenbacher Kickers, die als nächster Verein ein gewagtes Bauprojekt angehen: den Um- und Ausbau ihres Kultstadions. Das „Feeling Bieberer Berg“ – die Nähe von Spielern und Besuchern – soll dabei erhalten bleiben. Doch das Stadion, in dem der 1901 gegründete OFC sein Zuhause hat, bekommt ein schöneres Gesicht. Momentan sprießt auf den Stehplatzrängen das Unkraut durch die Ritzen, bei Frost bersten Wasserrohre in den Umkleidekabinen, und wer einmal das zweifelhafte Erlebnis hatte, eine der schmuddeligen Toiletten am Bieberer Berg aufsuchen zu müssen, verkneift sich den nächsten Gang aufs stille Örtchen lieber. Für rund 25 Millionen Euro will die Stadt auf dem Bieberer Berg ein „Schmuckkästchen“ errichten lassen. Von der Saison 2011/2012 an sollen die Kickers im zeitgemäßeren Ambiente auflaufen. Der erste Spatenstich wird vermutlich im Sommer nächsten Jahres folgen. Offenbacher Politiker aus den Reihen der beiden großen Volksparteien äußerten sich in Zeiten knapper Kassen besonders zufrieden darüber, dass die Landesregierung, ähnlich wie auf der anderen Main-Seite beim ewigen Konkurrenten Eintracht Frankfurt, das Vorhaben mit Steuermitteln unterstützen werde.
Der Hauptgrund für andere Baumaßnahmen, die in der nahen Landeshauptstadt längst abgeschlossen sind und dem SV Wehen Wiesbaden unlängst die schmucke Arena bescherten, in der fortan allerdings nur noch drittklassig gespielt wird, lässt sich übergreifend in einem Wort zusammenfassen: Wettbewerbsfähigkeit. Diese, so meinen die Klubverantwortlichen, sei gerade durch die vielen Neu- und Umbauten vor der Weltmeisterschaft nicht mehr gegeben. Vereine, die aus Nicht-WM-Städten stammten, hinkten den Einnahmen aus neu geschaffenen Logen und VIP-Bereichen, eine der lukrativsten Einnahmequellen, hinterher. Der Mainzer Manager Heidel bekräftigt: „Wir mussten bauen, um konkurrenzfähig zu bleiben.“ Nach einer Studie des Branchenblattes „Sponsors“ haben in den vergangenen zwei Jahren bundesweit 23 von 56 Erst-, Zweit- und Drittligaklubs Investitionen in ihren Spielstätten geplant oder beschlossen. Die Gesamtkosten belaufen sich insgesamt auf über 500 Millionen Euro.
Einzigartige Unterstützerszene
Etwas mehr als ein Zehntel der Summe wird in Mainz verwendet. Die Kosten der Arena, die in Miniaturformat schon das Büro von Heidel schmückt, werden mit 60 Millionen Euro angegeben. Die Forderung nach „Emotionen und Atmosphäre“, so der Sportliche Leiter, sei optimal verwirklicht worden. „Im Kamerabild wird in Zukunft sofort klar sein, wohin die Schaltung der Sportschau gegangen ist, zum FSV nach Mainz in die Coface-Arena“, kündigte Bauleiter Stefan Nixdorf an. Diesen Trend bestätigt Volkwin Marg, der mit seiner Architektursozietät „Gerkan, Marg und Partner“ unter anderem die WM-Stadien in Frankfurt und Köln entwarf und das Berliner Olympiastadion renovierte. „Moderne Stadien werden weniger für die Fans bei den Spielen gebaut, sondern vielmehr für die Fernsehwerbung“, sagt er. Anders als in den früheren Volksstadien für öffentlichen Breitensport werde „unterschieden zwischen Super-VIPs, VIPs, Businesskunden, Normalbesuchern und Fans“. Die VIPs und Super-VIPs gingen in erster Linie zum Fußball, wie sie die Oper besuchten – „um sich gegenseitig zu sehen, in den holzgetäfelten Logen begießen sie ihre Geselligkeit mit Sekt“. Die Businesskunden müssten mit Lounges und Tresen vorliebnehmen, „sie trinken aus Pappbechern im Stehen“. Die Mehrheit, das sei die inszenierte Masse. „Die soziale Entmischung im Stadion merkt man spätestens, wenn die La-ola-Welle an der Ehrentribüne abstirbt.“
Dass es in Mainz durch den Ortswechsel zu keiner Spaltung der bislang einzigartigen Unterstützerszene kommt, ist auch eine Aufgabe von Dag Heydecker. Der Marketingleiter, seit etwas mehr als einem Jahr bei den Rheinhessen im Einsatz, war zuvor der Mann für Public Relation bei der Eishockey-Mannschaft Adler Mannheim und der SAP-Arena. Er soll unter anderem dafür sorgen, dass der Weggang vom Bruchweg hinaus nach Bretzenheim reibungslos über die Bühne geht. Ähnliches ist ihm schließlich an vorheriger Wirkungsstätte prächtig gelungen, als die Adler 2005 aus der alten und heruntergekommenen Halle im Friedrichspark in die nordamerikanisch gestylte SAP-Arena wechselten. „So ein Umzug ist ein hochsensibles Thema und eine echte Herausforderung für jeden Profiverein“, sagt Heydecker.
Großes Revival
Vor dem Umzug hatte er an der neuen Spielstätte mehrere Baustellenpartys mit jeweils 7.000 Gästen organisiert, „damit die Leute ein Gefühl bekommen, was da am Entstehen ist“. Sportfans, so seine Erfahrung, „sind hochsensible und emotionale Menschen“. Man müsse dieser Klientel vor allem das Gefühl geben, dass sie in der anfangs ungewohnten Umgebung nicht abgezockt werden. Die Adler reduzierten deshalb in der ersten Saison nach der Luftveränderung den Preis für eine Stehplatzkarte um drei auf neun Euro. Ähnliches könne er sich auch in Mainz vorstellen. Ein Vorteil sei, dass der alte Standort nicht abgerissen werde, sondern als Stützpunkt der Jugendabteilung und der Amateure sowie als Sitz der Geschäftsstelle weiter genutzt wird. Um die Emotionen regelmäßig aufzufrischen, sei unter anderem geplant, einmal jährlich ein großes Revival mit alten Bruchweg-Fußballgrößen zu organisieren. Ganz oben auf der Liste der gewünschten Gäste steht dabei der Name Jürgen Klopp.
Beim FSV Frankfurt beschäftigen sich die Verantwortlichen noch mit der Gegenwart. Der Plan sieht vor, bis zum Spiel im DFB-Pokal gegen Borussia Mönchengladbach am 1. August die Arbeiten abgeschlossen zu haben. Dass einige Wände noch immer recht farblos daher kommen, irritiert Geschäftsführer Reisig nicht. Das habe sich der Architekt so ausgedacht. Stichwort Industriekultur. Die Atmosphäre im Stadion wird sicher weitaus fröhlicher sein.
Leerstand
Benjamin Boecker (beboe)
- 21.07.2009, 21:47 Uhr
Sehr geehrter Herr Boecker, ...
Peter Mueller (petermuell)
- 22.07.2009, 16:46 Uhr
Sehr geehrter Herr Müller,
Benjamin Boecker (beboe)
- 23.07.2009, 16:14 Uhr