Schon in der Nacht zum Donnerstag kam die Ernüchterung. Wolfgang Holzhäuser griff zum Telefon, rief Jürgen Neppe an und teilte ihm seinen weiteren Verbleib in der Geschäftsführung von Bayer 04 Leverkusen mit. "Das hat mir wirklich den Schlaf geraubt", sagte Neppe, der Aufsichtsratsvorsitzende der Eintracht Frankfurt Fußball AG. Der große Favorit, der einzige Anwärter auf den eigentlich am 15. Juni frei werdenden Vorstandsposten beim frischen Frankfurter Bundesliga-Aufsteiger,hatte derEintracht einen Korb gegeben. Es war zugleich wie ein Keulenschlag, denn im Prinzip waren sich die verantwortlichen Herren der Eintracht und ihr Wunschkandidat vom Bayer-Kreuz so gut wie einig. Aber eben nicht in allen Punkten, denn der 53 Jahre alte Südhesse Holzhäuser verständigte sich nach Gesprächen mit seinem Vertrauten Meinolf Sprink, dem Sportbeauftragten der Bayer AG, den bis 2007 laufenden Vertrag als Finanzgeschäftsführer von Bayer 04 Leverkusen zu erfüllen (siehe untenstehenden Bericht). Und dabei hatten sie bei der Eintracht so fest mit einer Rückkehr von Wolfgang Holzhäuser in die hessische Heimat gerechnet.
Die kurzfristig für den späten Donnerstag vormittag einberufene außerordentliche Aufsichtsratssitzung der Eintracht Frankfurt Fußball AG erhielt durch den nächtlichen Rückzug zusätzliche Dynamik. In einer offiziellen Pressemitteilung vom Nachmittag hieß es lapidar: "Der Aufsichtsrat bedauert die Entscheidung von Herrn Holzhäuser, respektiert aber seine Absage und wünscht ihm für den Verbleib bei Bayer Leverkusen alles Gute für die Zukunft." Im Nachgang ließ sich Aufsichtsratssprecher Neppe die Bemerkung entlocken, "daß wir natürlich sehr enttäuscht sind. Diese Absage ist für uns absolut bedauerlich." Vor allem auch für Neppe selbst, der ein erwiesener Freund von Bayer Leverkusen ist. Mit Rudi Völler, dem Teamchef der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und ehemaligem Sportdirektor von Bayer 04, verbindet Neppe eine herzliche Freundschaft. Die Verpflichtung von Wolfgang Holzhäuser für den frei werdenden Vorstandsposten bei der Eintracht Frankfurt Fußball AG hätte da gut in das Bild bilateraler Beziehungsgeflechte gepaßt.
Wie aber geht es nun weiter bei der Eintracht? In zwei Tagen, am Sonntag, läuft die Frist aus, die sich Volker Sparmann und die Eintracht gesetzt haben. Bis zum 15. Juni sollte der Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbundes im Ehrenamt die Geschäfte des Vorstandsvorsitzenden führen. Durch Holzhäusers Verzicht hat er nun einen Nachschlag erhalten. Nun gilt der 30. Juni als Deadline für Sparmanns Arbeit. Der Aufsichtsrat, der sich einen neuen Chef wünscht, hat diesen Plan auch schriftlich fixiert, denn es heißt: "Volker Sparmann wird seine ehrenamtliche Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender zum 30. Juni 2003 beenden." Bis dahin, so ist es am Donnerstag auf der Zusammenkunft der Aufsichtsräte am Frankfurter Flughafen besprochen worden, soll über neue Namen und Kandidaten nachgedacht werden. Geschehen soll dies in einem kleinen Führungszirkel, der sich Hauptausschuß nennt und aus drei Personen besteht: Aufsichtsratschef Jürgen Neppe, Eintracht-Präsident Peter Fischer und Verwaltungsratsmitglied Heiko Beeck. Diesem Trio ist auferlegt worden, bis Ende Juni "die Gespräche mit anderen Kandidaten zu intensivieren und Vorschläge in einer weiteren Sondersitzung bis Ende Juni zu unterbreiten". Neppe am Donnerstag: "Wir haben noch einen Pfeil im Köcher." Wie der aussieht, vor allem aber wie er heißt, wollte der Unternehmer nicht verraten.
Brisant und spannend: Wenn der Aufsichtsrat Ende Juni - am 30. nimmt die erstklassige Eintracht nach der Sommerpause wieder die Trainingsarbeit auf - zu seiner außerordentlichen Sitzung zusammenkommt, wird auch Willi Reimann anwesend sein. Dem Aufstiegstrainer ist auferlegt worden, sich vor den Aufsichtsräten wegen seiner öffentlichen Äußerungen zu erklären. Bekanntlich hatte Reimann Aufsichtsratschef Neppe aufgefordert, sich aus personellen Dingen herauszuhalten. Hintergrund dieses Zwists ist die Verpflichtung des Kölner Torhüters Markus Pröll. Reimann hatte sich vehement für Pröll ausgesprochen und einen Zweijahresvertrag gefordert, während Neppe und der Hauptausschuß die Verpflichtung des 23 Jahre alten Kölners zunächst abgelehnt hatten. Man einigte sich schließlich auf einen Kompromiß. Pröll erhielt einen Jahresvertrag plus Option, die einseitig von der Eintracht wahrgenommen werden kann. Aus verständlichen Gründen soll über den Streit zwischen Trainer und Aufsichtsratschef bis zu der Sitzung Ende Juni nicht mehr öffentlich gesprochen werden. Neppe: "Wir werden das intern klären."

