Als Hanno Balitsch am 23. Dezember aus dem Urlaub zurückkam, hörte er die Schreckensnachricht im Radio: Vertrag mit dem 1. FC Nürnberg perfekt, Gehalt, Vertragsdauer liefen über den Sender. Dabei war nichts klar, rein gar nichts. Der Mittelfeldspieler des Bundesligavereins Bayer Leverkusen hatte lediglich ein Angebot vorliegen, mehr nicht. Und da der ehemalige Kapitän der U-21-Nationalmannschaft sich sein ganz spezielles persönliches Punkteprogramm für einen Wechsel des Arbeitsplatzes erarbeitet hat, ist die Absage nach Nürnberg umgehend erfolgt. "Angebot, Absage", sagt Balitsch, ein ganz normaler Vorgang. Stimmen muß alles. Punkt eins: sportliche Perspektive. Punkt zwei: finanzieller Rahmen. Punkt drei: persönliches Wohlbefinden. Was er in Nürnberg nicht vorgefunden hätte, hat er beim Abhaken der Punkte beim FSV Mainz gefunden. "Von Anfang an hatte ich nie das Gefühl, irgendein Neuer zu sein", sagt Balitsch zur freundlichen Aufnahme in die Mainzer Fußballfamilie. "Alles sehr familiär, alles sehr locker." Das sind exakt die Eigenschaften, die den Aufsteiger zur bestaunenswerten Nummer der Vorrunde in der Bundesliga gemacht haben - und die Eigenschaften, die einer wie Balitsch braucht, um seine volle Schaffenskraft entwickeln zu können. Dabei ist er bislang noch nicht einmal in Mainz gewesen, ist direkt zur Mannschaft ins Trainingslager nach Spanien geflogen.
In Leverkusen hatte er unter Trainer Toppmöller in der Champions League gespielt, hat ein A-Länderspiel (beim 1:3 auf Mallorca gegen Spanien) bestritten und dann doch seinen Stammplatz bei Bayer verloren. Den hatte er inne, weil Nowotny in der Abwehrzentrale ausgefallen war und Ramelow dessen Stelle eingenommen hatte und damit ein Platz im Mittelfeld frei geworden war. Nowotny gesund, Balitsch raus, hieß die Kurzformel. "Ich sah nicht mehr die Möglichkeit und die Chance, in einem fairen Wettkampf Ramelow den Platz streitig machen zu können. Dazu hatte ich viel zu wenig Spielanteile."
In (fairen) Gesprächen mit Trainer Augenthaler wurde er bestätigt. "Ich habe eineinhalb Jahre gewartet, um den Beweis für meine Tauglichkeit antreten zu können. Und dann festgestellt, daß die Chance wohl überhaupt nicht mehr kommt. Ich konnte doch nicht auf Schwerstverletzte oder auf längere Sperren warten, um mal spielen zu können." Die Aussichten für die nähere Zukunft, die ihm Augenthaler eröffnet hatte, waren nicht gerade rosig. Ramelow war gesetzt, an ihm führte für Balitsch kein Weg vorbei. Er hätte weiter warten müssen auf seine Chance. Mit erst 24 Jahren und immer noch die Nationalmannschaft und die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land im Kopf setzte sich der Ehrgeiz, sich noch irgendwie und irgendwo empfehlen zu wollen, endgültig durch. Der finanzielle Verlust bei diesem Wechsel hält sich für den neuen Mainzer Arbeitnehmer in Grenzen. "Mainz hat sich bemüht, Mainz hat sich gestreckt, und ich bin ihnen etwas entgegengekommen", sagt Balitsch zu den Anstrengungen etwa von Manager Christian Heidel, mit Bayer ein gütliches und für alle verträgliches Einvernehmen zu erzielen.
Beim FSV Mainz 05 will Balitsch möglichst schnell Fuß fassen. Nicht, um im WM-Endspurt für die Nationalmannschaft noch "gesichtet" zu werden. Balitsch ist wieder auf der Suche nach dem Spaß am Fußball, nach der Möglichkeit, sich in seinem Spiel weiterentwickeln zu können und zu dürfen. Mainz 05 und Trainer Klopp dürften dafür eine erstklassige Adresse sein.
Als Jugendlicher hatte er beim FC Alsbach an der Bergstraße mit dem Fußballspielen begonnen, wechselte dann zu Waldhof Mannheim, wo ihn der damalige Trainer Rapolder schnell zu den Profis holte. Zwölf Minuten fehlten dem SVW Mannheim in jener Saison, als der FC St. Pauli in die Bundesliga aufstieg, um dessen Platz bei der Endabrechnung noch belegen zu können. 4:0 wurde damals - ausgerechnet - Mainz 05 bezwungen, zu wenig. Es folgte der Wechsel zum 1. FC Köln. Die gewaltige Ablösesumme von 3,8 Millionen Mark rettete den Waldhöfern damals die Lizenz. Dann der Abstieg mit den Kölnern und der Wechsel der Rheinseite, einer der schlimmsten Transfers in dieser Region.
Jetzt also Mainz, wo Klopp froh ist, einen wie Balitsch bekommen zu haben. "Klasse Junge, völlig unproblematisch, für beide Seiten war es die richtige Lösung", lautet Klopps erstes kurzes Fazit nach den wenigen gemeinsamen Tagen. Den entscheidenden Schub für die nahe Zukunft sieht Klopp darin, daß sich Balitsch "gebraucht" fühle. Dabei, daran läßt Klopp wenig Zweifel, wird Balitsch noch Zeit brauchen, um die ihm zugedachte Rolle im Mittelfeld übernehmen zu können. Im Privatspiel gegen UD Levante (2:3) am Dienstag "haben die Abläufe noch nicht so gepaßt", sagt Klopp. Mit 24 Jahren sei Balitsch aber "an der Schwelle zum erfahrenen Spieler". Was wohl bedeuten soll, auf dem Weg zu einer Führungspersönlichkeit in der Mainzer Mannschaft.

