16.06.2011 · In der Zweiten Fußball-Bundesliga beginnt mit dem frühen Saisonstart bald eine neue Zeitrechnung. Bei der Eintracht und dem FSV ist der Ärger über das „Pilotprojekt“ groß.
Von Ralf Weitbrecht und Michael WittershagenHans-Jürgen Boysen ist schlecht gelaunt. Vier Wochen Regeneration, vier Wochen Vorbereitung auf die neue Saison – das ist nicht unbedingt der zeitliche Rahmen, den sich der Trainer des FSV Frankfurt wünscht. „Das Schlimme ist doch, dass man zu wenig Rücksicht nimmt“, sagt der Vierundfünfzigjährige. „Am Ende geht es vor allem um die Gesundheit der Spieler.“ Und genau die bereitet ihm Sorgen. Dieses Argument hatte auch Bernd Reisig im Kopf, als er im Oktober des vergangenen Jahres gegen den Antrag stimmte, dass die zweite Liga eher als die Fußball-Bundesliga starten sollte. „Ich habe das für völligen Quatsch gehalten und gesagt, dass wir einen großen Fehler machen. Der ehemalige Geschäftsführer des FSV war der einzige, der dies so sah, alle anderen Vereinsvertreter waren durchaus angetan von dieser Idee. Der Idee, dass das Unterhaus für drei Wochen aus dem großen Schatten von Bayern München, Borussia Dortmund oder Schalke 04 heraustreten könne. Inzwischen regt sich auch an anderen Standorten der Widerstand. Sogar Heribert Bruchhagen, der Vorstandsvorsitzende der Eintracht, steht – anders als am Tag der Entscheidung – auf der Seite der Gegner: „Ich wusste ja nicht, dass wir selbst davon betroffen sein werden“, sagt er.
Die Gegenargumente aber will Andreas Rettig nicht gelten lassen. „Die Trainer haben in dieser Angelegenheit vielleicht ein eingeschränktes Blickfeld“, sagt er. Der Achtundvierzigjährige gehört dem Vorstand der Deutschen Fußball Liga an und arbeitet als Manager des Bundesliga-Aufsteigers FC Augsburg. Für ihn gebe es durchaus gute Gründe für die Entscheidung, es sind vor allem wirtschaftliche. So wurde der DFB-Pokal zuletzt finanziell zunehmend attraktiver, die Zweitligavereine aber schieden immer wieder gegen Klubs aus der dritten Liga aus, weil diese zu diesem Zeitpunkt schon mitten im Wettbewerb steckten. Diese Unwucht soll es nun nicht mehr geben: „Aber natürlich ist klar, dass es in dieser Sache keinen Königsweg gibt“, sagt Rettig. „Wir verstehen dieses Jahr als Pilotprojekt.“ Möglicherweise bleibt es also ein Einzelfall.
Das erste Gehalt kam schon
Denn mit dem frühen Start kommen eigene Probleme. Die Profiverträge enden erst Ende Juni, doch schon jetzt müssen diese Spieler mit ihren neuen Vereinen trainieren. Das kann nur mit einer Gastspielerlaubnis umgesetzt werden, wirft aber die Frage auf, wer wann wie viele Teile des Gehalts übernimmt. Und es geht um Testspielgegner von Qualität. Sowohl der FSV als auch die Eintracht haben Probleme, solche vor allem in der Frühphase der Vorbereitung ausfindig zu machen. „Wir betreiben hier Leistungssport“, sagt Boysen. „Aber das wird nicht zu meiner Zufriedenheit berücksichtigt.“
Bei der Eintracht hat der neue Zeitplan dazu geführt, dass schon nicht mehr unter Vertrag stehende Spieler oder Trainer „ihr komplettes Juni-Gehalt von uns bekommen haben“, wie Vorstandschef Bruchhagen bestätigte. Ein Akt von Großzügigkeit, von dem Patrick Ochs (zum VfL Wolfsburg gewechselt), Halil Altintop (derzeit vereinslos), Marcel Heller (Dynamo Dresden), Ralf Fährmann (FC Schalke 04), Maik Franz (Hertha BSC Berlin) und Torwarttrainer Andreas Menger (VfB Stuttgart) profitieren. Andererseits reißen die Klagen nicht ab. Armin Veh, der neue Trainer, hatte sich schon bei seiner Vorstellung vor zwei Wochen über „diese Schwachsinnsregelung“ gewundert. Nun, da er seit fünf Tagen mit seiner Rumpfmannschaft arbeitet, hat er sein Unverständnis über den frühen Saisonstart erneuert: „Für uns ist das eine blöde Situation“, sagte Veh. „Ich persönlich sehe keinen Sinn darin. Und die Spieler haben weniger Urlaub als sonst.“
„Nervös bin ich nicht“, sagt Trainer Veh
Bundesliga-Absteiger Eintracht trifft der frühe Saisonstart rund um den 15. Juli besonders. Sportdirektor Bruno Hübner muss unter Hochdruck nach Spielern Ausschau halten, die die Frankfurter dringend benötigen, um ihrem Anspruch, Aufstiegsfavorit Nummer eins zu sein, gerecht zu werden. Erstklassiges Personal befindet sich weitestgehend im Urlaub, zweitklassiges nimmt bei den anderen Ligarivalen den Trainingsalltag auf. Ihnen allen ist gemein, dass sie jeweils noch zumindest bis Ende Juni an ihre Klubs gebunden sind.
Der Stuttgarter Meistermacher Veh, der in Frankfurt zum Aufstiegsmacher werden soll, will sich trotz der misslichen Terminplanung nicht aus der Ruhe bringen lassen. „Nervös bin ich nicht“, sagte er vor der Abfahrt in das neuntägige Trainingslager. Veh setzt darauf, dass Hübner zügig neue Spieler findet, damit die kleine Arbeitsgruppe größer und wettbewerbsfähiger wird. Nach Leogang reisen zweinundzwanzig Profis – Zuwachs erwünscht.