Home
http://www.faz.net/-gzn-10c2s
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Frauenboxen Damenkampf mit harten Bandagen

 ·  Einst war es ein Sport für harte Kerle. Doch das hat sich geändert: Immer mehr Frauen schnüren die Boxhandschuhe und trainieren zusammen. Während die einen ihre Fitness verbessern und das Selbstbewusstsein steigern wollen, träumen andere von einer Karriere im Ring.

Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (0)

Die Fäuste donnern gegen die Weichbodenmatten. Es ist ein Trommelfeuer von Schlägen, das in der Sporthalle im Frankfurter Polizeipräsidium gegen den Schaumstoff prasselt. Mehr als 50 Boxer trainieren hier beim Polizeisportverein Grün-Weiß. Vanessa Bittl ist eine von zehn Frauen. Sie hämmert ihre Hände, die in schwarzen Boxhandschuhen stecken, gegen die blaue Matte. Noch zehn Sekunden muss sie durchhalten und dem Takt von Trainer Michael Werner folgen. Dann wird die nächste Reihe vortreten, und die 16 Jahre alte Realschülerin darf verschnaufen. Schlägt sie mit links, zieht sie das rechte Knie hoch, schlägt sie mit rechts, schnellt das linke Bein nach oben. Große Schweißperlen laufen ihr über das blasse Gesicht. Die langen braunen Haare hält ein schwarzer Haarreif zurück.

„Ich will noch fünf Sekunden Power sehen“, schreit Werner durch die Halle und zählt die Zeit herunter. Vanessa grinst und beißt fester auf den Mundschutz. Sie setzt einen Schlag nach dem anderen gegen die Wand. „Nächste Runde“, brüllt der 43 Jahre alte Trainer. Vanessa rückt nach hinten und hält sich dabei die rechte Schlaghand auf den Bauch. Tief durchatmen.

Mehr Ausdauer, mehr Selbstvertrauen, mehr Kraft

Seit dem 25. Mai 2007 trainiert sie, das weiß Vanessa genau. Warum sie sich noch so genau daran erinnert, weiß sie nicht. Aber von diesem Moment an ist für die Zehntklässlerin von der Anne-Frank-Schule alles „mehr“ geworden: mehr Ausdauer, mehr Selbstvertrauen, mehr Kraft. „Ich weiß auch, wie ich mich wehren kann, wenn mal was passiert“, sagt sie. Nur eines ist weniger geworden. Trainer Jürgen Paes stupst sie in die Seite: „Sag‘, wie viel du schon abgenommen hast.“ Nach kurzem Zögern sagt sie: „Sieben Kilo.“ Er sagt: „Mindestens sieben Kilo.“

Seiner Meinung nach hat sich Vanessa vollkommen verändert: „Anfangs kam sie in die Halle geschlichen, und jetzt geht sie offen auf alle zu.“ Drei Mal in der Woche trainiert sie eineinhalb Stunden lang – mit den Frauen und Männern im Polizeisportverein. „Komm, Junge, zieh die Handschuh‘ an“, sagt sie zu einem Boxer, der mit 1,70 Meter etwa so groß ist wie Vanessa. Die will weiter trainieren, denn sie hat ein Ziel vor Augen: den Ring.

Für ihre Trainingspartnerinnen Nadine Orth und Mascha Linke kommt das nicht in Frage. „Dafür bin ich zu alt“, sagt die 53 Jahre alte Mascha. Mit Nadine übt sie eine Abfolge aus Schlägen und Schritten. Immer wieder schlägt sie auf Nadines Handschuhe. Sie trifft jedes Mal. Schon seit drei Jahren trainiert die Werbetexterin mit den kurzen braunen Haaren im Polizeisportverein. Wenn sie vom Boxen spricht, benutzt sie Worte wie „spirituell“ und „ekstatisch“.

Bei den Frauen sind Brusttreffer verboten

Nadine hingegen will durch den Sport nur ihren Körper stählen und sich im Ernstfall verteidigen können. Die 34 Jahre alte Personalfachkauffrau hat Mühe, Maschas Schläge zu blocken: eine Gerade mit links, einen rechten Aufwärtshaken und dann zwei Seitwärtshaken. „Links, rechts, links, rechts, und dann die Hüfte mitnehmen“, kommentiert Trainer Werner die Schlagkombination. Der hagere, große Mann unterscheidet kaum zwischen den Geschlechtern: „Zu Frauen bin ich ein bisschen freundlicher, wenn ich sie anschreie, und ich nehme eventuell ein bisschen Rücksicht auf ihre Kondition.“ Boxen sei ein Breitensport geworden. Frauen aus allen Schichten betrieben ihn heute, sagt er. „Wenn hier aber jemand richtig trainieren möchte, muss ich ihn eigentlich wegschicken, denn hier sind zu viele, die Boxen nur als Fitnesssport betrachten. Da fehlt der nötige Biss.“

In der Halle des Boxclubs Offenbach Nordend ist das anders. Alessandra Sieber sprintet die Linie entlang. Danach trabt sie aus. Ihr Trainer Peter Firner pfeift, sie rennt wieder los. Seit einer Viertelstunde wärmt sich die 20 Jahre alte Frau auf. Dann wickelt sie sich rote Bandagen um die Hände. Sie führt das Band über den einen Finger und unter dem nächsten hindurch. Dann schlüpft sie in die Boxhandschuhe.

2004 kämpfte die Amateurboxerin im Finale der Deutschen Meisterschaft gegen Susianna Kentikian, die aktuelle Weltmeisterin im Fliegengewicht zweier Boxverbände. Sie verlor, errang den Titel aber im Jahr danach. Heute trainiert die 1,63 Meter große Studentin fünf bis sechs Mal die Woche in Offenbach. Ein blauer Ring steht in der Mitte der gut 20 Meter hohen Halle am Ufer des Mains. Alessandra tänzelt über den weichen Boden und feuert einen Schlag nach dem anderen gegen ihre Trainingspartnerin ab. Coach Peter Firner hält eine Stoppuhr in der Hand. Dann drückt er: „Die zwei Minuten sind um.“ Beide Frauen pumpen. Drei Runden lang haben sie gekämpft, eine Runde weniger, als Männer gegeneinander antreten. Auch die Gewichtsklassen unterscheiden sich, und bei den Frauen sind Brusttreffer verboten.

Gegnerin der Spitzenklasse gesucht

Alessandra reibt sich mit den roten Boxhandschuhen die Stirn. Ihr Kopf glüht, Schweiß klebt an ihren blonden Haaren. Einen Kopfschutz trägt sie nicht. „Wir können uns aussuchen, ob wir im Training einen anziehen“, sagt sie. Firner ruft einen Jugendlichen zu sich, der gerade noch auf einen der fünf Sandsäcke eingedroschen hat. Er ist Linkshänder, so wie Alessandras nächste Gegnerin, und soll jetzt mit ihr in den Ring steigen. „Warte noch kurz, sie zieht sich noch ihren Mundschutz an“, sagt Firner und lacht. „Den wird sie auch brauchen.“ Doch dann steckt der Junge genauso ein wie sie.

Trainer Firner kümmert sich regelmäßig auch allein um Alessandra, um ihre Technik, Kraft und Ausdauer zu verbessern. Sie verfolgt damit ein Ziel: „Ich will so oft und intensiv wie möglich trainieren, um meine Leistung zu steigern.“ Von 17 Kämpfen hat sie zehn gewonnen.

Die weißen Wände des Boxclubs sind übersät mit Fotos und Artikeln ihrer Karriere. Vor sieben Jahren fing sie an mit dem Sport. Trotzdem ist sie noch vor jedem Kampf nervös. „Das Schlimmste ist, wenn man die Treppe zum Ring hochsteigt.“ Heute hätte sie in Oberursel-Stierstadt gegen Evelyn Grubich aus Hoyerswerda boxen sollen. Es wäre ein Freundschaftskampf im Federgewicht gewesen. Doch statt der erlaubten 54 Kilogramm wog die mehrfache Sachsenmeisterin 59 Kilogramm. Alessandra wird deshalb erst wieder im November Box-Erfahrung sammeln können. Trainer Firner will bis dahin eine Gegnerin der Spitzenklasse gefunden haben. Alessandra bleibt solange nur das Training. „Das ist aber nicht so schlimm, beim Boxen muss man sich in den Hintern treten.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Männer und Herren

Von Matthias Alexander

Wenn das kein Grund zur Freude ist: Die Eintracht beendet die Saison auf dem sechsten Platz, der FSV Frankfurt geht eine Spielklasse tiefer sogar als Vierter durchs Ziel. Das ist ein schöner Imagegewinn für die Sportstadt Frankfurt. Mehr 1

Ergebnisse, Tabellen und Statistik