15.01.2010 · Der Angriff stockt, der Ball läuft nicht rund von Station zu Station, die Abwehr des Gegners stört den Spielaufbau, der Weg zum Korb ist verbaut: Auszeit! In solchen Momenten läuft Skyliners-Coach Didin zur Hochform auf - und präsentiert Hieroglyphen. Sicher auch am Samstag gegen Oldenburg.
Von Leonhard KazdaDer Angriff stockt, der Ball läuft nicht rund von Station zu Station, die Abwehr des Gegners stört den Spielaufbau, der Weg zum Korb ist verbaut; man kennt diese Situationen im Basketball. Nicht selten reagiert der Trainer mit einem bewährten Mittel – und nimmt eine Auszeit. Eine Minute lang scharen sich die Spieler um ihren Coach. Diese sechzig Sekunden sind eine merkwürdige Mischung aus Innehalten und hektischer Korrektur. Denn in der Auszeit ist vor allem einer aktiv: der Trainer. Bei den Frankfurt Skyliners ist dies der Türke Murat Didin. Und dessen Auszeiten sind gesten-, wort- und aktionsreich, vollgepackt mit Emotion und Anspannung.
Gleichzeitig sind sie für Außenstehende ein Rätsel; denn wenn die Fernsehkamera die Monologrunde des Cheftrainers einfängt, wird so mancher Zuschauer mehr oder weniger ratlos dem Stakkato von Worten lauschen und erstaunt dabei zusehen, wie Didin mit einem Filzstift rasend schnell Striche, Buchstaben und Symbole auf das so genannte Clipboard wirft. Es sind die Hieroglyphen der Spieltaktik, skizzierte Zeichen des schnellen Strebens nach Erfolg unter dem Korb – und gleichzeitig Signale, die in die allernächste Zukunft weisen und den kommenden Spielzug ankündigen sollen.
Spiel gegen Oldenburg
Fünf Auszeiten stehen den Teams der Basketball-Bundesliga pro Partie zur Verfügung, in der ersten Halbzeit zwei, in der zweiten drei. Geht es in die Verlängerung, gibt es eine zusätzlich. Dass Didin auch in dem an diesem Samstag bevorstehenden Spiel gegen Oldenburg (Ballsporthalle, 19.55 Uhr, live im DSF) auf alle Auszeiten zurückgreifen wird, ist angesichts der Spielstärke des deutschen Meisters wahrscheinlich. Für Didin sind die einminütigen Unterbrechungen eine Art Boxenstopp: „Wir entscheiden, ob wir Öl oder Benzin brauchen, welche Reifen wir aufziehen sollen und welche Route wir nehmen.“ Dabei setzt der Headcoach die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Profis voraus.
Dass auch wirklich alles von dem, was er in seinem türkisch klingenden Englisch verkündet, bei den lauschenden Profis ankommt, davon geht Didin einfach aus. Dabei gibt es durchaus Ausnahmen. Aubrey Reese, der Spielmacher aus Amerika, ist eine davon. Reese sitzt bei Auszeiten oft recht weit weg und hat eigentlich keine Chance, alles mitzubekommen. Didin winkt ab: „Aubrey weiß fast alles über Basketball, er kennt den nächsten Spielzug auch so.“ Ohnehin hätten die Spielmacher wie Reese oder Pascal Roller ein besonders schnelles Auffassungsvermögen, was taktische Entscheidungen betreffe, erklärt Kamil Novak, der Sportdirektor der Skyliners.
Einminütiges Dauerfeuer
Didin ist so etwas wie ein Auszeiten-Sprinter. „Er legt sofort los“, sagt Roller. Dabei widmet der Headcoach die ersten 15 Sekunden meist der Analyse und der Einzelkritik, die in der Hektik der Situation auch schon einmal deutlich ausfallen kann. Kapitän Roller kann damit umgehen, auch mit dem Tempo des Gebotenen hat er keine Probleme und geht davon aus, dass seine Kollegen im einminütigen Dauerfeuer aus Informationen, Einschätzungen und Anweisungen ebenfalls keinen Verständnisschaden erleiden. „Murat zeichnet ja alles noch einmal auf dem Clipboard auf. So kann man alles zweifach aufnehmen, und jeder sollte auch alles verstehen“, sagt Roller.
Meist sind Auszeiten Mittel, einen neuen taktischen Weg zu finden. Didin nimmt dabei die meisten der „Timeouts“, wenn seine Mannschaft im Ballbesitz ist. Oft stehen sie genau dann an, wenn der Gegner seine Abwehr umgestellt hat, von Zonen- auf Mannverteidigung, oder wenn eine der vielen Defensivvarianten gewechselt hat. „Dann muss man damit rechnen, dass der Gegner nach der Auszeit wieder mit einer anderen Taktik antritt und sie danach wieder ändert“, sagt Roller, „dann schiebt man die verabredeten Spielzüge eben um zwei Stationen nach hinten.“ In der Regel aber hielten sich alle „schon sehr strikt“ daran, was ihnen der Trainer in der Auszeit vorgebe, erklärt der Kapitän.
Keine Chance dem Lauschangriff
Während das konstruktive Chaos am Spielfeldrand von den Aktiven auf dem Feld also meist als Bereicherung verstanden wird, bleibt es für den Basketball-Laien meist ein Buch mit sieben Siegeln. Didin weiß aber genau, dass seine Anweisungen von den gegnerischen Kollegen gerne analysiert werden. Das Fernsehen, das oft ein Mikrofon mitten in die Auszeitrunde hält und die Kamera am liebsten auf das Clipboard des Trainer richtet, liefert in dieser Beziehung aufschlussreiche Informationen. „Murat mag es eigentlich nicht, dass Auszeiten gefilmt werden“, sagt Roller. Da ist der türkische Headcoach kein Einzelfall unter den Trainern. Bundestrainer Dirk Bauermann, sagt Roller, habe immer einen Spieler angewiesen, sich vor die Kamera zu stellen – damit sich der Gegner beim Lauschangriff keine Chance hat.