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Derrick Allen Weil ich es will

02.04.2010 ·  Sachsenhausen um die Mittagszeit - Derrick Allen schlendert in T-Shirt und Jeans durch die Straßen des Frankfurter Stadtteils. Der freie Tag passt dem amerikanischen Basketballprofi bestens in Konzept. Der stille Star der Frankfurt Skyliners im Porträt.

Von Leonhard Kazda, Frankfurt
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Sachsenhausen um die Mittagszeit - Derrick Allen schlendert lässig in T-Shirt und Jeans durch die Straßen des Frankfurter Stadtteils. Der Frühling ist endlich gekommen, und der freie Tag passt dem amerikanischen Basketballprofi bestens in Konzept. Allen kennt sich aus hier. Ob Nudeln beim Italiener, Chicken Wings bei der amerikanischen Restaurantkette mit den netten Bedienungen - zum Mittagessen ist er oft hier. Einer der besten Spieler der Bundesliga, einer der herausragenden Sportler aus der Region, geht unerkannt seiner Wege. Ein Star im Verborgenen. Seit drei Jahren wohnt Allen in Sachsenhausen in einem Appartement, das sein Verein, die Frankfurt Skyliners, angemietet hat. Die meisten Wohnungen des Klubs befinden sich in den großen Blocks des Nordwestzentrums, wo der Klub in der „Basketball-City“ trainiert. Nur ein Appartement liege nicht dort, sagt Skyliners-Sportdirektor Kamil Novak. „Und das hat Derrick gleich genommen.“

Eigentlich verwunderlich. Denn „D.A.“, wie ihn in Frankfurt alle nennen, verbringt ohnehin die meiste Zeit beim Basketball. Mehr als jeder andere Spieler des Klubs. Skyliners-Cheftrainer Murat Didin hat den trainingseifrigen Amerikaner schon mal aus der Halle werfen müssen, auf dass er sich endlich ausruhe. „Derrick ist zu einem Familienproblem für mich geworden“, scherzt Didin. „Ich muss ja als Chef am längsten bleiben. Dann ruft mich mein Sohn Ahmet an und fragt, wo ich bleibe. Ich sage dann: Ich kann noch nicht weg - Derrick Allen ist immer noch da und wirft Körbe.“

Ehedem „das Rennpferd der Skyliners“

Körbe werfen - das kann Allen so gut wie nur wenige Profis in der Bundesliga. In der Liste der Topscorer steht er auf Rang sieben. Vor etwas mehr als einer Woche hat Allen beim Frankfurter Sieg in Berlin 18 Punkte erzielt und war damit bester Schütze der Skyliners. „Ein solcher Sieg gibt dem Team Selbstvertrauen“, sagt Allen. Ja natürlich, räumt er auf Nachfrage ein, „mir persönlich auch“. Am vergangenen Sonntag war Allen wieder nicht zu stoppen und erzielte im Spiel gegen die Düsseldorf Giants 28 Punkte. Gefreut hat er sich trotzdem nicht, denn das Spiel ging 64:66 verloren.

Zuerst kommt bei Allen immer die Mannschaft - eine für amerikanische Profis typische Haltung, die sich manchmal allerdings nur als Floskel erweist. Bei Allen ist das anders. Er ist ein Dauerläufer, einer, der nie aufgibt. Er ist kaum zu bremsen in seinem schier unermüdlichen Streben nach sportlichem Erfolg. Und nur sich selbst hat er dabei so gut wie nie im Blick.Von Verletzungen ist er bislang weitgehend verschont geblieben. Kleinere Blessuren steckt er meist weg, ohne groß darüber zu reden. Er ist also ein Profi ganz nach dem Geschmack von Trainer Didin, der Allen einmal als „das Rennpferd der Skyliners“ bezeichnet hat. Laute Töne sind dem stillen Mann aus Alabama fremd. Er sei manchmal unnötig emotional, sagt Didin über Allen und meint damit vor allem die Tatsache, dass sich der Power Forward über missglückte Aktionen mehr ärgert, als dies andere tun.

Bitterer Gesichtsausdruck untypisch für ihn

Den Ärger aber lässt der Amerikaner selten heraus. Meist sind seine Gefühle nur an seinen knappen, harten Gesten und einem bitteren Gesichtsausdruck zu erkennen, der untypisch für ihn ist. Seit sechs Jahren lebt Allen in Deutschland. Er hat zwei Jahre in Karlsruhe und eines in Leverkusen gespielt, bevor er 2007 nach Frankfurt kam. Seine erste Station außerhalb der Vereinigten Staaten war Island. Kalt sei es da gewesen, sagt Allen, „aber ich hatte da eine gute Zeit.“ Dass der Korbjäger gerne Fußballspiele sieht, hat etwas mit seiner Jugend zu tun, in der er alles Mögliche an Sport gemacht habe, aber hauptsächlich eines: Soccer. In Leverkusen sei er oft im Stadion gewesen, erzählt Allen; zu einem Spiel der Frankfurter Eintracht habe er es in den drei Jahren am Main aber noch nicht geschafft.

Erst mit 15 Jahren hat er mit dem Basketball angefangen. In Gadsten in Alabama ist er aufgewachsen, einer Stadt mit etwa 100.000 Einwohnern. Viel Stahlindustrie gebe es dort, sagt Allen, dessen Vater sein Geld als Stahlarbeiter verdient hat. Jeden Sommer, wenn die Bundesligasaison vorüber ist, kehrt Allen in seine Heimatstadt zurück und besucht seine Mutter. Wer glaubt, er würde sich da auf eine Veranda zurückziehen und sich in einem Schaukelstuhl zurücklehnen, um Mamas selbstgemachte Limonade zu schlürfen, irrt. Der Amerikaner ist Basketballprofi durch und durch - und deshalb tut er in der spielfreien Zeit das, was er sonst auch macht: trainieren. Fast jeden Tag fahre er dann in die fast zwei Autostunden entfernte, im benachbarten Bundesstaat Georgia liegende Metropole Atlanta, um dort zusammen mit Profis wie dem Berliner Julius Jenkins oder Brandon Brooks und Kevin Lyde von den Eisbären Bremerhaven mit einen gemeinsamen Trainer Basketball zu üben. Immer noch ein bisschen besser, immer noch ein wenig mehr - das ist die Arbeitsweise von Derrick Allen. „Talent ist Voraussetzung“, sagt Sportdirektor Novak, „aber ab einem gewissen Level geht es eben nur noch mit harter Arbeit.“ Und dieses Level ist bei Allen hoch. Das gilt auch für den Aufwand, den der Amerikaner betreibt, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt. „Nein“, antwortet er verwundert auf die Frage nach seinem Antrieb. „Ich muss das nicht tun. Ich will es.“

Freundin lebt in London

Man staunt fast ein wenig, dass einer wie Allen auch ein Privatleben hat. Seine Freundin studiert in London Psychologie. Gegenseitige Besuche stehen häufig auf dem Programm. Zu Hause, wenn er alleine ist, schaut Allen gerne Filme - „alles Mögliche“, sagt er, „Actionfilme, Thriller, egal“. Die angesagten Klubs der Stadt bekommen von ihm selten Besuch, da geht er schon lieber mit seinen Kollegen irgendwo nett essen. Ohnehin ist „D.A.“ einer der beliebtesten Ansprechpartner vor allem für neue Spieler. Er wirkt vertrauenswürdig, besonnen und offen - ein „go-to-guy“ auch außerhalb des Spielfelds. Dass er kein ausschweifender Redner ist, kommt vielen vielleicht entgegen. Wer mit Allen spricht, bekommt auf freundlichem Weg Informationen, die genauso sind wie seine Art, Basketball zu spielen: schnell, zuverlässig und treffend.

Im Juli, wenn die Saison vorbei und Allen wieder in Alabama sein wird, feiert der Amerikaner seinen dreißigsten Geburtstag. „Nein“, antwortet er auf die Frage, ob er denn eine große Party feiern werde in seiner Heimat, und schaut erstaunt, als habe man etwas völlig Abwegiges von ihm wissen wollen. Es gibt viele Dinge in der Welt des Derrick Allen, die für ihn einen geringeren Stellenwert besitzen als für andere. Ein schickes Auto beispielsweise. Der Verein stellt ihm einen kleinen Stadtwagen zur Verfügung. „Das ist ein prima Auto“, sagt Allen, der in Sachsenhausen froh ist, den Kampf um die raren Parkplätze nicht mit einem größeren Gefährt austragen zu müssen. Zu seiner Wohnung läuft er manchmal eine Viertelstunde, nachdem er den Wagen endlich irgendwo weit weg abgestellt hat. Und irgendwie wundert es einen nicht, dass Allen dies so kommentiert: „Das macht nichts.“

Ganz ähnlich war es beim Basketball, als Trainer Didin seinem zuverlässigsten Spieler einen neuen Arbeitsplatz zuwies, der ebenfalls weitere Strecken nötig machte. Bis dahin hatte der Power Forward bei den Skyliners fast die Funktion eines Centers gehabt, sein Platz war also häufig direkt unter dem Korb. Jetzt spielt Allen mehr auf der Position neben dem Center, während Männer wie Greg Jenkins und Dragan Labovic den Kampf in unmittelbarer Nähe des Brettes führen. Es hat eine Weile gedauert, bis sich der Amerikaner an seine neue Position gewöhnt hat, die mehr Würfe aus der Mitteldistanz von ihm verlangte und eine andere Art des Spiels. Zugeben würde er aber nie, dass er vielleicht mal gehadert hat mit der Umstellung. „Ich war schon immer ein guter Mitteldistanzschütze“, sagt er und zuckt mit den Schultern.

„Bis ich 36 oder 37 bin, kann ich sicher noch spielen“

Allen macht das, was er für nötig hält - immer mit vollem Einsatz. „Es ist völlig egal, ob er in einem Europapokalspiel steht, gerade um den Einzug ins Play-off-Finale kämpft oder in einem Spiel antritt, in dem es um die goldene Ananas geht“, sagt Trainer Didin, „Derrick gibt Vollgas.“ Das könnte noch eine ganze Weile so bleiben. Denn ans Aufhören denkt Allen noch lange nicht. „Bis ich 36 oder 37 bin, kann ich sicher noch spielen“, sagt er. Und später wolle er dann beruflich auf jeden Fall etwas mit Basketball zu tun haben. Trainer zu sein, könne er sich gut vorstellen. Allen hat an der Mississippi University „Recreation Management“ studiert, ein Fach, das viel mit Jugendarbeit, Erziehung und mit Sport zu tun hat. Damals, als Collegespieler, hatte er natürlich noch den Traum von einer Karriere als Profi in seinem Heimatland. Aber der Sprung in die amerikanische Profiliga NBA ist ihm nicht gelungen. 2002 hatten ihn die Detroit Pistons in ihrem Team für die Summer League in Las Vegas aufgestellt. Doch gegen die größere, athletischere Konkurrenz hatte Allen keine Chance.

In der Bundesliga ist er aber einer der Besten und sicher auch einer der Gefragtesten. Sein Vertrag mit den Skyliners läuft in dieser Saison aus. Am liebsten würde er bleiben, sagt Allen artig. Und von Angeboten anderer Klubs habe er noch nichts gehört, sagt er und schaut treuherzig. „Man braucht einen Typen wie ihn“, sagt Murat Didin und fügt augenzwinkernd hinzu: „Ich empfehle es jedem Verein, einen Derrick in der Mannschaft zu haben.“

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