Home
http://www.faz.net/-gzn-11zl3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fitnessstudios Machen wir ein bisschen Sport

01.03.2009 ·  Die Landschaft der Fitnessstudios lässt sich kaum mehr überblicken. Unser Autor Alex Westhoff hat Jackett gegen T-Shirt getauscht und das Angebot in Frankfurt getestet: am oberen und unteren Ende der Preisskala.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)

So, erst mal die Handtücher. Ein großes zum Trainieren und ein sehr großes zum Duschen. Und dann bekomme ich noch eine Codekarte. Die öffne und verriegele meinen Spind automatisch und sei außerdem noch meine Eintrittskarte in den Wellnessbereich, sagt die freundliche Dame am Empfang. Den glänzend-grünbackigen Apfel aus der gläsernen Schale hebe ich mir für später auf. Willkommen in der Welt von „Fitness First Black Label“, Frankfurts exklusivstem Fitnessstudio (Monatsbeitrag: 109 Euro), das in das Hilton Hotel an der Hochstraße integriert ist.

Blitzsauber ist die geräumige Umkleide, gestylte Männer schlüpfen aus ihren dunklen Anzügen oder wieder in diese hinein. In die riesigen Spinde passt jede Sporttasche ohne umständliche Dreh- und Faltmanöver. Aha, die gebrauchten Handtücher entsorgt man also später in die bereitstehenden Körbe. Klack! Der Spind schließt selbsttätig. Toll!

Wie in Hollywood

Das Publikum an den modernen Trainingsgeräten, das auf einen der zig modernen Flachbildschirme starrt, ist im Schnitt weit über 30. Jeder Neuling bekommt hier zunächst einen eigenen Trainer zur Seite gestellt. Serkal – 35 Jahre, schwarze Kluft, tolle Figur, akkurates Bärtchen – ist für die nächsten 60 Minuten mein Personal Trainer, kurz „PT“, gesprochen „Piitii“. Wie in Hollywood. Wir sitzen in der „Lounge“ des Studios, der Fernseher zeigt ein Videotextbild mit aktuellen Börsenkursen.

Was machst du, was isst du, was kannst du, wo tut dir was weh, fragt Serkal, der auch der sportliche Leiter des Studios ist, und macht sich Notizen. „Es gibt immer wieder so Stressköpfe, die hier mit 20 Kaffee drin reinkommen. Die sind total übersäuert.“ Ich erzähle ihm von meinen Problemen mit den Adduktoren. In Serkals Kopf ist mein Trainingsplan schon ausgearbeitet: „So, jetzt machen wir ein bisschen Sport.“ Das ist, wie ich recht am eigenen Leibe erfahre, die verniedlichte Umschreibung von: Jetzt wirst du ultimativ auseinandergenommen.

Ich ziehe, ich drücke, ich stemme, ich hebe, ich presse – die meisten Übungen finden auf einer Matte statt, und ich habe das Gefühl, dass jede mindestens 50 Muskeln (über-)beansprucht. Erst recht meine porösen Adduktoren. Serkal zeigt wirksame Dehnübungen, motiviert, verbessert und erklärt sein und mein Tun praktisch wie medizinisch. Vom klassischen Bodybuilding hätten in der modernen Trainingssteuerung nur wenige Elemente überlebt, sagt Serkal. Vor meinem geistigen Auge entern überbräunte Kraftmenschen in knappen neonfarbenen Klamotten das „Fitness First“-Studio. Serkal macht Mut: „Alte Leitsätze à la Jane Fonda wie ‚Alles, was weh tut, ist gut‘ gibt es nicht mehr.“

Kraft - Ausdauer - Beweglichkeit - Koordination

Worum es geht? „Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination“, sagt Serkal. Wenn’s weiter nichts ist. „Du“, fährt Serkal fort, „musst etwas tun, weil du groß bist. Dadurch bist du schon anfälliger als kleine Leute.“ Mit einem einfachen Medizinball entlarvt mein „PT“, wie wenig Stabilität ein Körper haben kann. Die Birne knallrot, der Schweiß überall, gutes Gefühl: Hier stehe ich und erfahre, wie es um mich steht.

„Zu wenig Gesäßmuskeln“, sagt Serkal plötzlich knapp und kernig. Auch das noch. „Wir sterben früh mit Pommes, Chips und Alkohol.“ Meint der jetzt mich oder was? Mir kannst du es ja so direkt sagen, aber wie verpackst du denn die bitteren Wahrheiten für deine betuchten Gäste? „Wir bleiben realistisch“, sagt Serkal. Wenn eine Dame im April komme und im Juni die Top-Bikini-Figur haben will, gehe das halt nicht. „Wir planen in Jahren.“ Das „muskuläre Andenken“, das Serkal mir verpasst hat, entfaltet seine Wirkung indes schon am nächsten Morgen. Da haben auch kein ausgiebiges Saunieren und Dampfbaden in der Wellnesszone und kein entspanntes Gleiten in der prächtigen Schwimmhalle mehr geholfen.

Der „Kater“ hat sich verzogen, auf zum zweiten Versuch, drei bis vier Preisstufen tiefer. Die Wellnessinsel im Fitnessstudio McFit in Frankfurt-Griesheim erschöpft sich auf vier Duschköpfe, die aus der blanken Kachelwand ragen. Hier herrscht noch die reine Lehre des Sports: kein Gedöns, Wellblechpalast im Industriegebiet statt bester Citylage, eisernes Hängeschloss statt Multifunktions-Codekarte, ein kräftiger Händedruck statt eines frischen Apfels. Und Handtücher bringt man gefälligst selbst mit, wo kommen wir denn da hin. Das hat seinen – günstigen – Preis: 16,90 Euro im Monat, billiger macht es keiner.

Eine Mischung aus Pumakäfig und Schwitzkasten

Meine Sporttasche passt komplett entleert und gefaltet hochkant irgendwie in den eisernen Spind. Die Männerkabine riecht, wie eine Männerkabine zu riechen hat: eine Mischung aus Pumakäfig und Schwitzkasten. Schwere und leichte Jungs schmeißen sich schweigend in ihre ärmellosen Trainingsshirts – um die Tatoos nicht zu verdecken?

Studioleiter Ralf – schwarze Kluft, akkurat rasiert, 42 Jahre, ruhiger Typ – begrüßt mich zum Einführungstraining. Die riesige Halle ist auf zwei Etagen vollgestellt mit unendlichen Gerätschaften zur Körperertüchtigung. Es fehlt an nichts. Ralf und ich treten an ein Computerterminal, tippen ein paar Daten und Fakten von und zu mir ein. Auf dem Bildschirm erscheint ständig das „Mitglied des Monats“ Margarita, die ihren straffen, leicht beschurzten Po entgegenstreckt. Unter der Decke rotieren ein paar altersschwache Ventilatoren. Aus irgendwelchen Gründen bin ich „Typ 1, Muskelaufbau figurbetont“, und schwupps hat das Ding meinen Trainingsplan auf Papier ausgespuckt. Dann kann es ja losgehen!

Brustpresse, Butterfly Reverse, Beinpresse, Übungen für Arme, Schultern, Bauch, einfach alles. Ralf hat richtig Ahnung. Er sieht selbst kleinste Haltungsfehler schon im Ansatz. Ein bisschen unangenehm ist es ja schon, wenn ich sehe, wie viel Gewicht ich hier bewege im Vergleich zu den Jungs dort hinten in der Blut-Schweiß-und-Eisen-Abteilung. Ihr Schlagen und Stöhnen können die flotten Beats aus den Boxen nicht übertönen. „Deine Gesichtszüge sind ja noch nicht entgleist“, sagt Ralf schmunzelnd und schließt daraus, dass er für drei Sätze à 15 Wiederholungen das richtige Gegengewicht für mich gewählt hat.

Fünf Minuten duschen kostet 50 Cent

Das Publikum ist bunt gemischt, nur im Schnitt viel jünger als im „Fitness First Black Label“. Harte Jungs, aufgetakelte Mädchen, aber auch Senioren machen sich hier fit – oder tun zumindest so. Die Fernseher zeigen nicht N24 oder Sat.1, sondern den „McFit-Channel“. Da klettert mal eben ein Freeclimber mit schweißglänzendem Leib vor einer Wellblechwand in Griesheim vorbei.

„Ohne Rückenstärker lasse ich kaum einen hier rausgehen“, sagt Ralf. „Schon mal einen Bandscheibenvorfall gehabt?“ Nein, damit kann ich nicht dienen, stattdessen erzähle ich ihm von meinen Adduktoren. Und wenig später sitze ich an einer Maschine zur Kräftigung ebendieser – das war’s. „Muskuläre Disbalance“, diagnostiziert Ralf.

Kurz darauf bin ich wieder im Pumakäfig und halte nach ausgefallenen Tatoos Ausschau. Jetzt noch eine schöne warme Dusche! Handtuch um die Hüfte, Shampoo in der Hand – kein Wasser. Es kommt kein Wasser! Mit einem Kopfnicken macht mich ein Kraftmensch auf die kleinen Kästen vor der Tür aufmerksam. Die haben einen kleinen Schlitz und ein gelbes Display. Fünf Minuten duschen kostet 50 Cent.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr