11.11.2009 · Der beste Angreifer der Frankfurter Eintracht fällt nun doch für Monate aus. Es ist ein Wiederholungsfall, und alle fragen sich: Wer soll jetzt für Tore sorgen und Ioannis Amanatidis ersetzen? Groß ist der finanzielle Spielraum nicht.
Von Marc HeinrichDie Hoffnung war groß. Die Enttäuschung ist nun noch größer. Für Ioannis Amanatidis haben sich die schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet: Der Stürmer der Eintracht wird wieder mehrere Monate ausfallen. Der griechische Profi in Frankfurter Diensten wurde in Augsburg am rechten Knie operiert. Der Eingriff, bei dem sogenannte „instabilen Teile des Knorpels“ entfernt wurden, sei erfolgreich verlaufen, teilte der Klub in einer Stellungnahme mit. Allerdings werde Amanatidis nun genauso lange nicht Fußballspielen können wie bei der ersten Prozedur der gleichen Art vor einem Jahr.
„Mindestens vier Monate“, sagte Michael Skibbe am Dienstag, „eher aber mehr“ stünde der Siebenundzwanzigjährige nicht zur Verfügung. „Das ist natürlich ein schwerer Schlag für ihn und ein schwerer Schlag für die Eintracht“, meinte der Trainer, der betonte, dass ein gesunder Amanatidis „für uns kaum zu ersetzen“ sei: „Die Eintracht verliert durch seinen Ausfall eindeutig an Qualität.“ Den Angreifer lässt die Enttäuschung auch um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Südafrika bangen.
Mit Bewegungsübungen begonnen
Er wird nach Vereinsangaben „noch ein paar Tage“ stationär in der Hessingpark-Klinik in Augsburg bleiben, wo die erste Phase der Rehabilitation mit Bewegungsübungen am Dienstag begann. Bestenfalls in den letzten Spielen dieser Saison könnte der von Skibbe abgesetzte Kapitän seiner Mannschaft wieder zur Verfügung stehen; ähnlich wie in der vergangenen Runde, als er nach mehr als halbjähriger Zwangspause erst am 33. Spieltag bei der Niederlage in Bochum (0:2) wieder zurückkehrte. „Schwer verkraftbar“, nannte Skibbe die traurige Botschaft.
Der Eintracht, hinter der mit den beiden 0:4-Blamagen gegen Bayern und Leverkusen sowie der anschließenden Brandrede von Skibbe aufregende Tage liegen, stehen mutmaßlich bewegte Wochen bevor. In der Winterpause wird der Tabellenelfte, der nach Ansicht des Coaches ohnehin nur bedingt konkurrenzfähig ist, nun definitiv einen weiteren Stürmer verpflichten müssen. Ein schwieriges Unterfangen. Die Offensive ist schon heute alles andere als ein Prunkstück der Mannschaft. Nach zwölf Spieltagen hat das Team dreizehn Treffer erzielt – drei davon gingen an den ersten vier Spieltagen auf das Konto von Amanatidis.
„Wer einen guten Stürmer hat, gibt ihn nur ungern ab“
Dass es einfach wird, einen gleichwertigen Ersatz für den südeuropäischen Charakterkopf zu finden, nimmt Skibbe nicht an: „Der Markt ist überschaubar. Wer einen guten Stürmer hat, gibt ihn nur ungern ab.“ Die Hauptlast werden demnach voraussichtlich bis auf weiteres Martin Fenin (sieben Saisonspiele, ein Tor) und Nikos Liberopoulos (zehn Spiele, ein Tor) schultern müssen, die sich zuletzt zwar nach Kräften mühten, aber oftmals auch an ihre Grenzen stießen. Die übrigen Kandidaten, die Skibbe zur Verfügung stehen, heißen Juvhel Tsoumo, Cenk Tosun, Marcel Heller oder Marcos Alvarez.
Was die talentierten aber unerfahrenen Nachwuchsleuten gemeinsam haben: sie kamen noch nicht eine Minute in dieser Runde zum Einsatz. Der letzte im Bunde, Ümit Korkmaz, stand wenigstens schon zweimal auf dem Platz, einen Treffer erzielte der österreichische Nationalspieler aber auch noch nicht. Korkmaz hatte vergangene Woche über seinen Berater kundgetan, dass er mit der Reservistenrolle nicht zufrieden sei und sich gerne alsbald einen neuen Arbeitgeber suchen würde. Interessenten seien vorhanden. Skibbe legte umgehend ein Veto ein, weil er seinerzeit schon kein gutes Gefühl hatte, was den Gesundheitszustand von Amanatidis angeht. Eine Option, die sich nach wie vor dem Trainer bietet, um für Sturm und Drang zu sorgen: Er kann Alexander Meier, der ebenfalls schon drei Treffer erzielte, in die Spitze beordern, muss sich dann aber zentral im Mittelfeld eine Alternative suchen. Weder die Leistungen von Zlatan Bajramovic, Caio oder Selim Teber auf dieser Position genügten zuletzt allerdings höheren Ansprüchen.
Grundsatzkritik am Zustand der Eintracht
Ungeachtet einer Aussprache mit Heribert Bruchhagen erneuerte Skibbe in einem Gespräch mit dem Hessischen Rundfunk einmal mehr seine Grundsatzkritik am Zustand der Eintracht. „Wir müssen uns in vielen Bereichen verbessern und so aufstellen, dass wir konkurrenzfähig bleiben. Wenn wir komplett sind, sind wir es. Wenn nicht, dann nicht. Aber das kann nicht der Anspruch der Eintracht sein“, sagte er in der Sendung „Heimspiel“. Zuvor hatte es ein Krisen-Gespräch zwischen ihm und Bruchhagen gegeben, in dem man sich eigentlich auf einen Konsens einigen wollte. „Wir haben lange gesprochen und diskutiert. Er war nicht so erfreut. Aber die Dinge, die ich ausgesprochen habe, richten sich nicht gegen jemanden. Ich möchte Veränderungen, die sinnvoll und machbar sind“, sagte Skibbe.
Und weiter: „Ich habe auch der Mannschaft gesagt, dass ich für Veränderung stehen möchte.“ Skibbe wiederholte seine Forderung nach einer Reduzierung des aufgeblähten Kaders, in dem die Quantität die Qualität des Personals übersteige: „Wir haben zwar 30 Spieler, aber darunter ist zu wenig Klasse. Da nehme ich doch lieber 22, aber darunter elf Gute.“ Ein erster Versuch zu einer überschaubaren Personalstärke zu kommen, misslang in der Sommer-Transferperiode, als Spieler wie Mehdi Mahdavikia oder Marcel Heller vergeblich angeboten wurden. Auch im Scoutingbereich, in dem es unter der Regie des früheren Nationalspieler Bernd Hölzenbein zuletzt viele Fehlschläge gab, sieht der Vierundvierzigjährige dringend Nachholbedarf. „Die Manpower reicht bei weitem nicht, um Europa abzudecken und rechtzeitig Spieler zu entdecken, die einen weiter bringen.“
Groß ist der finanzielle Spielraum nicht
Als Kandidaten, für die sich die Eintracht in den Weihnachtsferien interessieren könnte, werden unter anderem Boubacar Sanogo (AS Saint-Étienne), Sami Allagui (Spielvereinigung Greuther Fürth), der vereinslose Ebi Smolarek sowie Gerald Asamoah und Halil Altintop (beide Schalke 04) gehandelt. Groß ist der finanzielle Spielraum nicht. Schon jetzt steht fest, dass diese Spielzeit, mit einem Minus in der Bilanz zu Ende gehen wird. Nach neuesten Kalkulationen von Thomas Pröckl, dem Finanzvorstand der Eintracht AG, beläuft sich das Defizit auf „zwei bis drei Millionen“ Euro.