04.03.2003 · FRANKFURT, 4. März. Ein ganzer Cocktail von ungünstigen Nachrichten hat den Dollar seit Wochenbeginn unter Druck gebracht. Der Euro streifte daraufhin am Dienstag mit 1,0834 Dollar sein Vierjahreshoch von 1,0835 Dollar, das er vor vier Wochen erreicht hatte.
FRANKFURT, 4. März. Ein ganzer Cocktail von ungünstigen Nachrichten hat den Dollar seit Wochenbeginn unter Druck gebracht. Der Euro streifte daraufhin am Dienstag mit 1,0834 Dollar sein Vierjahreshoch von 1,0835 Dollar, das er vor vier Wochen erreicht hatte. Auch gegenüber Yen und Pfund gab der Dollar nach, zum Schweizer Franken und zu den Rohstoffwährungen australischer Dollar und südafrikanischer Rand fiel er auf mehrjährige Tiefs. Nach Einschätzung der meisten Währungsanalysten steht der amerikanischen Währung nun ein weiterer Abwertungsschub bevor. Der Euro könnte bald 1,12 Dollar wert sein, meint zum Beispiel Dieter Schwarz von Helaba Trust.
Zu den wichtigsten Gründen für die Dollar-Schwäche zählt das Säbelrasseln in Washington. Äußerungen vom Wochenende zufolge scheint Präsident George W. Bush zu einem Krieg gegen den Irak auch ohne Mandat der Vereinten Nationen entschlossen. Aus Sicht der Devisenmärkte würde ein Alleingang Washingtons die ohnehin prekäre Finanzierung des amerikanischen Leistungsbilanzdefizits zusätzlich erschweren. Denn erstens müßte Amerika dann wohl einen Großteil der Kriegskosten selber schultern und könnte nicht auf dollarstabilisierende Überweisungen aus Partnerstaaten hoffen. Zweitens nähme damit das Risiko zu, daß Anleger aus Protest Gelder aus Amerika abziehen.
Gegen den Dollar sprechen zudem die jüngsten amerikanischen Konjunkturdaten. Sie deuten darauf hin, daß dem amerikanischen Verbraucher angesichts steigender Arbeitslosigkeit und hoher Verschuldung zusehends die Lust am Konsumieren vergeht. Das dämpft Absatz- und Gewinnentwicklung der Unternehmen. Als Folge dümpeln die Aktienmärkte an Wall Street vor sich hin, ziehen kaum ausländisches Kapital an - was den Dollar belastet. Zwar sind viele Analysten der Ansicht, daß die negative Stimmung nach einer Lösung der Irak-Krise schnell verfliegen dürfte. Das könne dann auch dem Dollar Auftrieb geben. Doch stimmen die meisten Analysten auch darin überein, daß das Risiko eines erneuten Abgleitens in die Rezession zunimmt, je länger die Verunsicherung andauert. Eine Rezession aber wäre Gift für den benötigten Zufluß von Auslandskapital.
Auch der Ausgang des "Siebenergipfels" am vorvergangenen Wochenende spricht eher gegen den Dollar. Zwar hat der neue amerikanische Finanzminister John Snow Washingtons Interesse an einem starken Dollar bekräftigt. Doch hat Snow dem Wunsch Tokios nach koordinierten Interventionen zugunsten des Dollar offensichtlich eine Absage erteilt. Jedenfalls sagte der japanische Finanzminister nach dem Treffen, man habe vereinbart, die Preisbildung an den Devisenmärkten dem "freien Spiel der Kräfte" zu überlassen. Für die meisten Volkswirte liegt wegen der Handelsungleichgewichte auf der Hand, worauf ein "freies Spiel der Kräfte" hinauslaufen sollte: eine Abschwächung des Dollar.
Nach japanischer Lesart schließt die Formel vom "freien Spiel der Kräfte" freilich nicht aus, daß sich Tokio am Devisenmarkt einmischt - schließlich handelt es sich dabei nicht um eine koordinierte Einmischung, sondern um einseitige Käufe. Tatsächlich hat die Bank of Japan im Januar und im Februar mehrfach verdeckt Yen verkauft, um der Aufwertung des Yen entgegenzusteuern. Zwar handelte es sich dabei um eher kleine Beträge. Doch haben diese zunächst schwer abzuschätzenden Interventionen den Markt stark verunsichert und so dazu beigetragen, daß die Yen-Aufwertung Mitte Januar stoppte.
Die meisten Fachleute erwarten, daß Tokio mit Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit der japanischen Exportindustrie weiterhin versuchen wird, den Yen niedrig zu halten. Dem steht freilich der starke Abwertungsdruck entgegen, der auf dem Dollar lastet. Zudem dürften Repatriierungen den Yen nach oben treiben: Aller Erfahrung nach lösen japanische Anleger gegen Ende ihres Geschäftsjahres am 31. März ausländische Vermögen teilweise auf und transferieren die Erlöse nach Japan.
Nach Einschätzung von Alexandra Bechtel, Währungsexpertin bei der Commerzbank, dürfte Tokio mit Hilfe von Interventionen versuchen, den Yen bis Ende März nicht unter 117,50 Yen je Dollar fallen zu lassen. Die Analysten von Morgan Stanley vermuten die "Schmerzgrenze" bei Kursen von 115 Yen. Aufmerksam registriert haben die Devisenmärkte bei den Interventionen, daß die Japaner im Februar erstmals seit mehreren Monaten nicht nur Dollar, sondern auch Euro angekauft haben. Dies gilt als weiteres Indiz dafür, daß die asiatischen Notenbanken begonnen haben umzudenken. Mit Blick auf die niedrigen Dollar-Zinsen sowie mögliche Währungsverluste diversifizierten sie zusehends in den Euro - was zu Lasten des Dollar gehe.
Letztlich gegen den Dollar spricht zudem die Senkung der europäischen Leitzinsen, zu der sich nach weitverbreiteter Einschätzung die Europäische Zentralbank am morgigen Donnerstag entschließen dürfte. Zwar verringere sich dadurch der Vorsprung der kurzfristigen Euro-Zinsen gegenüber den Dollar-Zinsen, sagt Dieter Schwarz von der Helaba. Doch sei der Vorsprung immer noch vorhanden. Zudem verbesserten niedrigere Zinsen die Aussichten auf Wirtschaftswachstum im Euroraum, was dem Euro zugute kommen sollte.
Viele Hunde sind des Hasen Tod - aber manchmal schlägt der Hase einen Haken und entkommt doch noch. Ähnlich könnte der Dollar den Spekulanten ein Schnippchen schlagen, gerade weil so vieles für eine Abwertung spricht. Daten von der Terminbörse in Chicago zeigen, daß sich die Spekulation in großem Stil für eine Dollar-Abwertung positioniert hat. Die Erfahrung lehrt, daß die erhoffte Kursentwicklung in solchen Fällen oft ausbleibt - weil alle darauf erpicht sind, ihre leerverkauften Dollar alsbald zurückzukaufen.
BENEDIKT FEHR