24.12.2009 · Carolin Arndt ist Fan von Eintracht Frankfurt und angehende Musiklehrerin. In ihren „Untersuchungen zum Liedrepertoire im Fußball“ hat sie sich mit der Sangeskultur der Fans auseinandergesetzt. Im FAZ.NET-Interview spricht sie über Ultras, Chorknaben und Singen an Weihnachten.
Carolin Arndt ist Fan von Eintracht Frankfurt und angehende Musiklehrerin. In ihrer Staatsexamensarbeit mit dem Titel „Der singende Fan - Untersuchungen zum Liedrepertoire im Fußball“ hat sie sich vornehmlich mit der Sangeskultur der Fans von Eintracht Frankfurt auseinandergesetzt. Im Interview spricht sie über Ultras, Chorknaben und Singen unterm Weihnachtsbaum.
Unterm Weihnachtsbaum wird kaum noch gesungen. Warum hat die Gesangskultur im Stadion Konjunktur?
Ein Fußballspiel im Stadion ist natürlich eine ganz andere Situation. Im Stadion will man seine Mannschaft unterstützen und auch sich selbst als Teil der Fanmasse verherrlichen und präsentieren. Außerdem ist das Singen im Stadion eine ganz andere Form des Singens. Da geht es anders als unterm Weihnachtsbaum nicht um Harmonie, sondern vornehmlich um Lautstärke. Im Stadion singt es sich irgendwie besser als unterm Weihnachtsbaum.
Im Liedrepertoire der Fans tauchen auch Weihnachtsmelodien auf wie „Jingle Bells“ oder „Kling Glöckchen“. Woran liegt das?
Das hat nichts mit Weihnachten zu tun. Fans adaptieren oft die Melodien von traditionellem Liedgut, weil die sehr bekannt und meist sehr eingängig und einfach sind. Weihnachtslieder sind meist extrem einfach und deshalb sehr geeignet. Fans sind auch selten offen für was Neues. Das liegt natürlich daran, dass neues Liedgut schwerer zu vermitteln ist. Zum anderen ist das auch oft eine bewusste Entscheidung gegen Kommerzialisierungstrends. Fans nehmen vor allem im Vereinsfußball keine verordneten, das heißt vom Verein aus Verkaufsgründen in Auftrag gegebene oder von einer Band aus kommerziellen Interessen verfasste Lieder an.
Wie kommt es dann zu den Eigenkompositionen der Fans?
Oft sind die Lieder Umtextungen von Liedern anderer Fanszenen, die dann auf den eigenen Klub oder einzelne Spieler angepasst werden. Nur selten kreieren Fans eigene Melodien.
Wer textet solche Lieder?
Das ist schwer zu sagen. So etwas entsteht meist auf Auswärtsfahrten in kleineren Gruppen wie vor allem den Ultras. Und die bringen das dann unters Fanvolk. Einen eigentlichen Komponisten habe ich in meinen Studien nicht ausgemacht.
Wenn der Capo, der auf dem Zaun die Gesänge der Ultras koordiniert, schon nicht Komponist ist, ist er dann eigentlich Dirigent oder nur Vorsänger?
Es ist schwer, wirklich tief in die Ultrakultur vorzudringen. Der Capo ist aber auch kein Vorsänger im Sinne der Chormusik, sondern eher ein Anstimmer und Anheizer, der den nächsten Gesang vorgibt. Dann stimmen die Trommler ein und sorgen für einen Grundrhythmus, sodass die ganze Kurve gleich schnell singt.
Gibt der Capo auch die Tonhöhe vor?
Das reguliert sich von selbst. Es gibt in der Kurve so etwas wie ein kollektives Tonhöhengedächtnis, obwohl es sich um ungeübte Sänger handelt.
Gemeinhin gelten die Ultras nicht gerade als Chorknaben. Kann man sie als Sänger denn mit Chorknaben vergleichen?
Die Ultras treten definitiv nicht brav wie Chorknaben auf. Aber das Singen stärkt wie in einem Chor das Gemeinschaftsgefühl, vermutlich bei den Ultras noch mehr als in einem Knabenchor.
Wurde eigentlich schon immer in Stadien gesungen?
Es gibt Hinweise, dass schon in der Antike geklatscht und skandiert wurde. Moderner Fangesang aber dürfte in den 60er Jahren in England entstanden sein und auch in Italien. „You‘ll never walk alone“ ist so etwas wie eine Urhymne der Fußballfans. Das Lied wurde in Liverpool zuerst gesungen und drückt so vieles aus – Fanleidenschaft, Treue auch in der Niederlage und so weiter. Dieser Sinn des Liedes geht heute natürlich verloren, wo es überall und ständig gesungen wird. „You‘ll never walk alone“ ist aber auch ein gutes Beispiels für die Entwicklung eines Fanlieds. Die ursprüngliche Version war viel langsamer und getragener. Fans kennen aber keine Geduld und keine Pausen. Die lassen sie aus, weil sie unter Anspannung sind und weiter singen wollen.
Hat das Singen der Fans einen Effekt auf den Spielausgang?
Das ist ein großes Geheimnis. Es gibt Hinweise wie die, dass Heimmannschaften mehr Elfmeter bekommen. Das kann man auf die Unterstützung zurückführen und die dadurch bestehende Beeinflussung des Schiedsrichters. Ob das Singen aber darüber hinaus hilft, ist fraglich. Auf jeden Fall muss der Fan diesen Glauben aufrechterhalten.
Singen Sie im Stadion mit?
Natürlich. Ich habe den festen Glauben, etwas bewegen zu können! Außerdem hilft mir das Singen, um meine Anspannung wegen des Spiels abbauen zu können. Ich singe allerdings auch unter dem Weihnachtsbaum. Das schulde ich meiner Musikleidenschaft.
Dann gehören Sie ja sozusagen zum Frankfurter Chor. Sind Sie zufrieden mit der Qualität der Mitsänger?
Ja. Die Eintracht-Fanszene besticht durch eine Vielfalt an Gesängen und auch kreative Texte.
Und die Akustik? Ist das Frankfurter Stadion so etwas wie die Mailänder Scala für Fußballfans?
Das Stadion spaltet die Fans natürlich wegen des kommerziellen Namens. Aber von der Akustik her kann man sehr zufrieden sein. Wenn das Dach geschlossen ist, ist es natürlich noch einen Tick besser.
Wie würde die Eintracht im Kampf um die deutsche Sangesmeisterschaft in der Bundesliga abschneiden?
Die Eintracht hätte gute Chancen auf die deutsche Meisterschaft.
Was ist denn das Lieblingslied der Eintrachtfans?
Das ist wohl „Schwarz-Weiß wie Schnee, Du schöne SGE“, was immer vor dem Anpfiff gesungen wird.
Da ist der Fan auch nicht durch den merkwürdigen Text irritiert?
Ich rätsele auch immer, was das mit dem schwarz-weißen Schnee mir sagen soll. Aber im Stadion wird das dann einfach gesungen, und dann ist es gut.
Das Gespräch führte Daniel Meuren.