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Im Gespräch: Fan Forscher Jonas Gabler „Fußball ist für die meisten eine Art Parallelleben“

11.05.2011 ·  Seit Jahren beobachtet der Politologe Jonas Gabler die deutsche Fußball-Szene. In einem Buch beschäftigt er sich mit den „Ultras“, besonders engagierten Fans mit ambivalentem Verhältnis zur Gewalt.

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Sie haben ein Buch über „Ultras“ geschrieben und auch die Frankfurter Szene besucht. Was sind das für Leute?

Bei den „Ultras“ handelt es sich um eine sehr heterogene Gruppe von Jugendlichen aber auch jungen Erwachsenen mit ganz unterschiedlichen sozialen Hintergründen. Die Szene sehen viele als attraktive Jugendkultur. Die Anhänger leben für den Verein. Dabei gehen sie völlig in der Gemeinschaft auf, weil sie dort eine Anerkennung finden, die sie im wahren Leben möglicherweise nicht erfahren – das hat durchaus auch positive Aspekte. Deshalb geht auch ihre Leidenschaft so weit, dass viele Mitglieder bereit sind, viel Geld in ihren Verein zu stecken. Und auch sehr viel Herzblut.

Das klingt fast pathetisch.

Ja, aber man darf nicht darüber hinwegsehen, dass die meisten „Ultras“ Gewalt und Aggressionen nicht grundsätzlich ablehnen. Sie vertreten nicht unbedingt die Fußball-Szene, die ein, sagen wir mal, besonders friedliches Image nach außen vermittelt. Sie verstehen sich auch nicht per se als friedliche Fans. Vielmehr bewegen sie sich auf der Schwelle zum Nonkonformen und Gefährlichen. Dabei haben sie gesamt betrachtet ein ambivalentes Verhältnis zur Gewalt.

Wie haben Sie denn die Frankfurter „Ultras“ erlebt, als Sie sie im Oktober für Ihre Recherchen getroffen haben.

Das war ja noch in der Hinrunde. Da sah noch alles gut aus für die Eintracht. Es war eine anregende Diskussion, und die Stimmung war gut.

Und wie erklären Sie sich die Erstürmung des Spielfeldes am vergangenen Samstag?

Ich kann mir das nur so erklären, dass einige „Ultras“ da die Kontrolle über sich verloren haben. Entweder aus Enttäuschung oder Frust. Und auch aus Angst, dass ihnen etwas entgleiten könnte. Der Fußball hat für sie eine enorme Bedeutung und ist zugleich für die meisten wie eine Art Parallelleben.

Inwiefern?

Viele „Ultras“ haben mir erzählt, dass sie im normalen Leben gar nicht besonders viel über Fußball sprechen. Im Büro, im Studium oder in der Schule behalten sie ihre Leidenschaft für sich. Auch, um sich nicht rechtfertigen zu müssen oder sich dem Unverständnis anderer ausgesetzt zu sehen. Auch gibt es Ängste, stigmatisiert zu werden – zumal nach solchen Auftritten wie am Wochenende. Wenn sie dann unter Gleichgesinnten sind, blühen sie auf und leben ihre Affinität zu ihrem Verein umso mehr aus.

Wie schmal ist dann der Grat zur Hooligan-Szene?

Es gibt natürlich Berührungspunkte, die man aber auch nicht überbewerten darf. Den „Ultras“ geht es schon noch in erster Linie um den Fußball. Den Hooligans nur noch um Gewalt.

Und wie geht es jetzt weiter mit der „Ultra“-Szene? Wird die Kluft zu den sonstigen Fangruppen nach den jüngsten Eskalationen möglicherweise noch größer?

Aus der Ferne ist das schwer zu beurteilen. Aus meiner Sicht wäre das aber nicht unbedingt wünschenswert. Ich glaube, dass man durch Isolation und Stigmatisierung nicht weiterkommt. Der Dialog ist da vielversprechender. Zudem waren an dem Platzsturm ja nicht zwangsläufig nur „Ultras“ beteiligt. Der Frust dürfte auch in der übrigen Frankfurter Fanszene groß sein. Solche schwierigen Situationen können ja auch ein Zusammenrücken in der Fanszene bewirken.

Die Fragen stellte Katharina Iskandar.

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