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Fußball Zwischen Röntgenblick und Telefonterror

23.06.2008 ·  Während die EM alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, planen die Profivereine der Region für die neue Saison. Eine diffizile Aufgabe unter verschiedenen Bedingungen.

Von Jörg Daniels
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Neue Saison, altes Spiel: Wer kommt, wer geht? Noch bis zum 31. August können die führenden hessischen Fußballvereine ihr Personal wunschgemäß austauschen. Wie aber gehen die Klubs bei ihren Planungen vor? Vor dem größten Umbruch stehen die Offenbacher Kickers nach dem Abstieg aus der zweiten Liga. Fast alles neu, heißt es am Bieberer Berg – in der Hoffnung, nach dem Absturz so schnell wie möglich Aufbruchstimmung erzeugen zu können.

Anders beim FSV Frankfurt: Als die Qualifikation für die neue dritte Profiliga schon lange vor Saisonende geschafft war, dachte der FSV bei möglichen Spielerverpflichtungen zweigleisig. Zu Recht, wie der Aufstieg des Regionalliga-Meisters in die zweite Liga bewies. Die größte Planungssicherheit hatte dagegen der SV Wehen Wiesbaden. Nach einem erfolgreichen Start in die Spielzeit machte sich der Aufsteiger schon in der Winterpause Gedanken, wie man sich im Sommer für die neue Runde verstärken sollte.

Durch den Spielerdschungel dribbeln

Den Offenbacher Kickers sind in den vergangenen Wochen viele Spielervideos angeboten worden. Aber Hans-Jürgen Boysen hat sich trotz des großen Bedarfs keines angeschaut. „Wenn ich deutsche Spieler hole, kenne ich sie doch“, so der Trainer. Jung, mit guter Ausbildung und Luft nach oben – das war dem früheren Erstliga-Profi bei der Auswahl seiner Spieler wichtig. Und Deutsch sollen sie sprechen, „denn wenn bei einem kompletten Neuaufbau noch die Sprachbarriere dazukäme, wäre das dem Integrationsprozess nicht förderlich“, so Boysen. Die Anforderungen, die bei den Kickers diesmal an den Rückkehrer gestellt werden, stuft er als einmalig in seiner Laufbahn ein.

„Ich hatte natürlich Spieler im Kopf. Dann kamen solche dazu, die mir angeboten wurden. Alle schmeißt man in einen Topf. Danach beginnt die Auslese, und der enge Kreis wird abgeklopft.“ Auf diese Weise stellte der Mannschaftsarchitekt Boysen in den zurückliegenden Wochen im Schnellverfahren ein neues OFC-Team auf die Beine. Fast pausenlos führte der Trainer vor dem Trainingsauftakt in der vergangenen Woche Gespräche. Immerhin musste sich der Handlungsreisende in Sachen Neuverpflichtungen nicht in der Rolle des Einzelkämpfers durch den Spielerdschungel dribbeln.

„Wir spielen uns die Bälle gegenseitig zu“, so Boysen über die Doppelpässe mit dem neuen Sportmanager Andreas Möller. Verträge schließt Geschäftsführer Jörg Hambückers ab. Der wichtigste war bis auf weiteres der von Boysen selbst. Dessen Vorgänger Jörn Andersen ist in die Nachbarschaft zu Mainz 05 gewechselt, um dort Jürgen Klopp nachzufolgen, der inzwischen bei Borussia Dortmund unter Vertrag steht. Dieses regionale Wechselspiel zeigte, dass es die wesentlichen Veränderungen auf den Trainerbänken gab.

„Wir kaufen nicht nach Namen ein“

Die Neuzugänge beim Zweitliga-Aufsteiger FSV Frankfurt müssen die zuletzt so erfolgreiche Mannschaft nicht nur sportlich verstärken, ihnen wird auch große Teamfähigkeit abverlangt. Bevor es zum Vertragsabschluss komme, erlaube er sich eine charakterliche Bewertung, sagt Manager Bernd Reisig. Das geschieht auf ausdrücklichen Wunsch von Teamchef Tomas Oral. „Er sagt, ich hätte einen Röntgenblick“, so Reisig. Auf der Suche nach geeigneten Verstärkungen sind die Frankfurter in den vergangenen Monaten viel mit dem Flugzeug unterwegs gewesen. Griechenland, Spanien, Norwegen oder Frankreich lauteten die Reiseziele. Oft verschaffte sich Vereinsscout Claus Plattek zuerst einen Eindruck von einem interessanten Spieler.

Erfüllt dieser die Kriterien, begutachtet Oral den Kandidaten mindestens ein Mal vor Ort in einem Punktspiel. Die vielen Spielerberater, die sich bei Reisig meldeten, verwies dieser an Teammanager Thomas Ernst und dessen Nachfolger Mikayil Kabaca. Im Auftrag des Managers bauten beide eine Datenbank mit in Frage kommenden Spielern auf. Auch das kam vor: Ein Spieler wurde dem Verein gleich von drei bis vier Beratern angeboten. Zwischen 400 und 500 Spielervideos schauten sich Ernst, Kabaca, Plattek, der frühere Spieler Bernd Winter sowie Trainer Ramon Berndroth und Assistenztrainer Manfred Binz an.

Nach der Vorauswahl warf Oral einen finalen Blick auf die Kandidaten. „Wir kaufen nicht nach Namen ein“, lautet das FSV-Motto. Zum Trainingsstart am kommenden Samstag werden die Frankfurter 22 bis 23 Profis im Aufgebot haben. Davon standen 17 Spieler schon in der vergangenen Saison in Frankfurt unter Vertrag. „Wir haben wieder eine der günstigsten Mannschaften“, sagt Reisig.

Anrufe der Spielerberater

In der heißen Phase hätten ihn „tausend Spielerberater“ angerufen, sagt Christian Hock. Klingt wie Telefonterror. Anders als viele Kollegen aber, die solche Anrufe nicht mehr oder kaum noch entgegennehmen, hat sich der Trainer des SV Wehen Wiesbaden auf jedes Gespräch eingelassen. „Ich habe noch mit keinem schlechte Erfahrungen gemacht“, so Hock. Zusammen mit dem sportlichen Leiter Uwe Stöver wählte er die acht Neuzugänge aus. Als beide früh ihre Vorstellungen über die Neubesetzung der Mannschaft schilderten, stellten sie große Übereinstimmung fest.

Nur einen Wunsch konnten die Wehener ihrem Trainer nicht erfüllen: Spieler, die Ablösesumme kosten, durfte Hock nicht holen. „Unter diesen Umständen haben wir das umgesetzt, was wir haben wollten“, sagt er. Vor allem Profis wie der ehemalige Freiburger Torhüter und Kapitän Alexander Walke hätten sich früher wohl nicht zum Wechsel nach Wiesbaden entschieden. „Das zeigt den Stellenwert, den wir uns erarbeitet haben“, so der Trainer. Auch er musste vorher viele Spielervideos sichten. „Mindestens fünfhundert“, sagt er.

Die Rhein-Main-Wechselbörse

Eintracht Frankfurt

Zugänge: Ümit Korkmaz (Rapid Wien), Markus Steinhöfer (Red Bull Salzburg), Alexander Krük (Kickers Emden) - Abgänge: Markus Weissenberger (ASK Linz), Evangelos Mantzios, Sotirios Kyrgiakos (noch offen).

FSV Frankfurt

Zugänge: Amir Shapourzadeh (Hansa Rostock), Christian Eggert (Borussia Dortmund), Georgios Theodoridis (Lyttos Ergotelis), Radek Spilacek (1899 Hoffenheim), Marc Gallego (Karlsruher SC) - Abgänge: Lawrence Aidoo (unbekannt).

Mainz 05

Zugänge: Jahmir Hyka (KF Tirana/Albanien), Robert Fleßers (Borussia Mönchengladbach), Peter van der Heyden (VfL Wolfsburg), Niko Bungert (Kickers Offenbach), Florian Heller (Erzgebirge Aue), Aristide Bancé (Kickers Offenbach) - Abgänge: Neven Subotic (Borussia Dortmund), Stefan Markolf (Wuppertaler SV).

SV Wehen Wiesbaden

Zugänge: Björn Ziegenbein (TSV München 1860), Alexander Walke (SC Freiburg), Erwin Koen (SC Paderborn), Thorsten Barg (KSC II), Mady Saidou Panandetiguiri (KSC Lokeren), Sanibal Orahovac (Erzgebirge Aue), Mark Birkenbach (Sportfreunde Siegen), Slobodan Lakicevic (Bayer Leverkusen II) - Abgänge: Benjamin Schöckel (VfR Aalen), Maximilian Nicu (Hertha BSC Berlin), Enis Alushi (SC Paderborn), Xie Hui (Shanghai Shenhua), Valentine Atem (unbekannt).

Kickers Offenbach

Zugänge: René Müller (SC Paderborn), Sebastian Becker (FC Augsburg), Steffen Haas (1899 Hoffenheim), Robert Wulnikowski ( Sportfreunde Siegen), Nassim Banouas (1. FC Kaiserslautern II), Tufan Tosunoglu (MSV Duisburg II) - Abgänge: Niko Bungert (Mainz 05), Christian Müller (FC Augsburg), Daniyel Cimen (Erzgebirge Aue), Stephan Sieger (Fortuna Düsseldorf), Thomas Wörle (Greuther Fürth), Anestis Agritis (Iraklis Saloniki), Suat Türker (SC Freiburg), Aristide Bancé (Mainz 05), Christian Como, Manuel Hornig, Bastian Pinske, Moses Sichone, Denis Epstein, Thorsten Judt, Alexander Karrer, Oualid Mokhtari, Adebowale Ogungbure, Ricardo Sousa, Marco Reich, Dino Toppmöller (alle noch offen), César Thier und Sean Dundee (beide Karriere beendet).

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