28.07.2010 · Die Fußball-Schule von Karl-Heinz Körbel ist so erfolgreich, dass sie der Eintracht Konkurrenz macht.
Von Peter HeßDeutschland ist eine Wüste, eine Ausbildungswüste. Jedenfalls, was den Fußball betrifft. In der Spitzen-Nachwuchsförderung wurden in den vergangenen zehn Jahren riesige Fortschritte gemacht, auf dem platten Land nicht. Die Dorfvereine sehen sich mit einem regelmäßigen Zustrom von Kindern zwischen fünf und acht Jahren konfrontiert, der nie versiegt und nach großen Erfolgen der Nationalmannschaft wie bei der WM in Südafrika besorgniserregend anschwillt. Nur: Wohin mit den Kindern? Es gibt viel zu wenig Trainer. Die Vereine stemmen sich engagiert mit allem, was sie haben, gegen den Mangel – vor allem mit gutem Willen und mit wohlmeinenden Eltern. Manche von ihnen sind sportlich, manche sogar pädagogisch begabt, aber meistens sind die Erziehungsberechtigten überfordert damit, die Kinder angemessen fußballerisch zu fördern. Auch die allermeisten Spieler der ersten Mannschaft oder der Reserve weigern sich, ihre Erfahrungen der Jugend weiterzugeben. Sie bekommen ja nichts dafür. Es ist kein Geld da. Was im Tennis selbstverständlich ist, nämlich für das Training des Sprösslings pro Saison mehrere hundert Euro in einen geprüften Übungsleiter zu investieren, ist in den Fußballvereinen nicht durchsetzbar. Für die Unzahl begabter und ehrgeiziger junger Kicker, die es nicht geschafft haben, einen der großen oder mittelgroßen Klubs mit einer leistungsorientierten Jugendarbeit von sich zu überzeugen, bleibt nur eine Möglichkeit, um ihre Entwicklung voranzutreiben: das kommerzielle Angebot einer Fußballschule anzunehmen.
Davon gibt es viele, die Nachfrage ist riesig: Ein paar wenige schwarze Schafe finden sich darunter, die die Kinder auch nur irgendwie mit dem Ball beschäftigen. Aber die allermeisten bieten zumindest deutlich mehr, als der durchschnittliche Provinzklubs in der Lage ist zu vermitteln. Eine der besten Fußballschulen des Landes hat sich bei der Frankfurter Eintracht entwickelt. Vereins-Ikone Karl-Heinz Körbel rief sie vor neun Jahren ins Leben, und der Bundesligarekordspieler (602 Einsätze) steht dem Ausbildungsbetrieb noch immer vor. Sein Name wirkt wie ein Türöffner – bei Sponsoren, Kommunen, Eltern, seinem Stammverein und in der Fußballbranche insgesamt. Körbel setzt seine Reputation und seine Kontakte wirkungsvoll ein und schafft damit außergewöhnliche Rahmenbedingungen. So finden zehn einwöchige Ferienkurse – zwei an Ostern, sechs im Sommer, zwei im Herbst – auf den Kunstrasenplätzen vor der Commerzbank-Arena statt. Es kommt vor, dass die Profis nebenan trainieren – welch eine Attraktion!
Es geht ihm nicht ums Geld
Es ist nicht die einzige. Eine Führung durch die Arena, ein Besuch des Eintracht-Museums und des Flughafens gehören ebenso zum Zusatz-Angebot. Viel mehr als Standard ist auch die Ausrüstung, die jeder Kicker behalten darf: Trikot, Hose, Stutzen, Ball, Trainingsanzug und Trinkflasche. Alles mit Eintracht-Emblem. „Im Laden würde man für die Ausrüstung 120 Euro bezahlen“, sagt Körbel. Die fünf Tage in seiner Fußballschule kosten 199 Euro. „Das ist etwas mehr als der Selbstkostenpreis“, sagt der 55 Jahre alte frühere Nationalspieler.
Ums Geld geht es ihm allerdings nicht, sondern um den Imagegewinn für die Eintracht und um die Ausbildung der Kinder. „Vor neun Jahren war die Eintracht abgestiegen, und sie kämpfte um die Lizenz“, sagt er. „Die Stimmung und die Bereitschaft der Eintracht zu helfen waren schlecht, nachdem viele Fehler begangen worden waren. Ich dachte, es wäre gut, wenn wir etwas präsentieren könnten, das positiv besetzt ist“, erzählt Körbel zu den Gründungsüberlegungen der Schule. Was klein begann, wuchs schnell. Alle Kurse sind ausgebucht, schon in der Anmeldung steht, dass pro Jahr nur ein Kurs gebucht werden kann, damit jeder die Chance erhält, einmal teilzunehmen. Dreizehn Trainer kümmern sich um rund neunzig Kicker.
Jeder darf mal kicken
Der Erfolg einer Fußball-Schule steht und fällt mit der Qualität der Trainer und des Trainings. Körbel selbst hat sich weitgehend aus der täglichen Arbeit zurückgezogen. Bei der Auswahl seiner Vertrauensleute hat er ein feines Händchen bewiesen. Ehemalige Eintracht-Profis wie Norbert Nachtweih, Cezary Tobollik, Ronald Borchers und Ralf Weber sind auch für die Außendarstellung wichtig. Nach innen wirken vor allem Benjamin Richter, Gerald Mai, Clemens Appel und andere. Sie haben nicht die bekannten Namen, tragen aber dennoch viel zum Erfolg bei. „Es muss den Kindern vor allem Spaß machen“, sagt Sportwissenschaftler Richter, dessen Schwerpunkt im Koordinationstraining liegt. Dennoch schwebt eine Atmosphäre von Konzentration und Aufmerksamkeit über den Trainingsplätzen. „Wer zu uns kommt, will etwas lernen“, sagt Richter. „Wir haben keine Probleme mit Disziplin, wir müssen nicht als Sozialarbeiter tätig werden.“
Nicht nur Begabungen kommen zu ihm und seinen Kollegen. Auch Kinder, die nur im Garten mit dem Vater kicken und nun mal wissen wollen, wie es richtig geht. Die Leistungsunterschiede würden aufgefangen, sagt Richter: „Kein Problem, wir arbeiten nicht leistungsorientiert. Nur wenn die Kinder keine Lust auf Fußball haben und nur da sind, weil die Eltern sie beschäftigen wollen, legen wir Nahe, den Kurs abzubrechen.“ Aber das seien seltene Ausnahmen. In der Regel sind die Spieler und deren Eltern so begeistert, dass sie mehr wollen. Und Körbel und sein Team bieten mehr als die Schule. Da ist zum einen ein Förderprogramm, das früher Eintracht-Akademie genannt wurde. Etwa 15 Prozent der Teilnehmer an der Fußball-Schule erhalten die Einladung, zusätzlich zum Vereinstraining eine oder zwei Stunden in der Woche zu üben – gegen Bezahlung natürlich.
Manche schaffen es auch nach oben
Die Arbeit war so erfolgreich, dass die Eltern Körbel aufforderten, doch selbst einen Verein zu gründen. Denn bei der Eintracht oder den anderen großen Vereinen, war gar nicht so viel Platz, die vielen Talente, die in der Akademie Blut geleckt hatten aufzunehmen. Aber einen Klub, in dem besser trainiert wird, als in ihrem alten, hätten sie schon gerne. Körbel scheute den Schritt und versuchte, unter dem Dach der Eintracht eine D-Jugend mit den Akademie-Spielern zu etablieren. Aber die Zusammenarbeit klappte nicht. Der Rekordspieler mag nicht groß auf die Gründe eingehen, es liegt ihm nicht daran, Auseinandersetzungen mit dem Klub, in dem er groß wurde, öffentlich auszutragen. Also gründeten Körbel und seine Mitstreiter, quasi als drittes Bein ihrer Aufbauarbeit, 2007 den Jugendfußballclub Frankfurt (JFC), gespeist mit Kindern aus seiner Fußball-Akademie, die sich wiederum aus der Fußball-Schule rekrutiert. Der Erfolg stellte sich schnell ein. In diesem Sommer holte die D 1 vor der Eintracht den Hessen-Cup.
Dabei geht dem JFC Leistung gar nicht über alles. „Uns ist die kontinuierliche Ausbildung das Wichtigste“, sagt Benjamin Richter, und Gerald Mai fügt an: „Dazu zählt auch die soziale Ausbildung.“ Damit meint der 37 Jahre alte Werbekaufmann altmodische Dinge wie Auftreten, Benehmen und gepflegtes Aussehen. Und die schulische Ausbildung hat einen ganz anderen Stellenwert als bei den meisten Profivereinen. Der JFC bietet in Zusammenarbeit mit einer Firma kostenlos Nachhilfe an. Wenn eine schwere Arbeit ansteht, wird schon mal empfohlen, lieber zu lernen als zu trainieren. „Wir sammeln nach den Ferien von allen unseren Fußballern erstmal die Zeugnisse ein, damit wir wissen, wie gut sie in der Schule sind“, sagt Körbel. Ihm und seinem Team ist bewusst, wie gefährlich es ist, sich ganz auf den Fußball zu konzentrieren. „Wie viele kommen denn durch?“, fragt Körbel und gibt gleich die Antwort. „Ganz wenige. Wir aber denken an alle. Sie sollen so gut wie möglich kicken lernen, und den Rest sehen wir dann.“
Körbel freut sich, wenn Spieler aus seiner Schule es nach oben packen. Zwei wurden kürzlich mit der Eintracht deutscher B-Jugendmeister. „Es ist doch toll, wenn Spieler von uns erfolgreich bei der Eintracht oder irgendwo anders sind, dazu sind wir da.“ Die Eintracht sieht das Verhältnis anders. Sie verbietet es ihren Spielern, zusätzlich zum Vereinstraining in die Akademie zu kommen.