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Veröffentlicht: 28.08.2014, 06:07 Uhr

Im Gespräch: Ex-Eintracht-Profi Sebastian Jung „Geschenke wird es von mir keine geben“

Sebastian Jung gilt als einer der besten Rechtsverteidiger der Fußball-Bundesliga. Auch deswegen verließ er die Eintracht Frankfurt. In Wolfsburg will er seine internationalen Karrierepläne verwirklichen.

© dpa Strecken und strahlen: Sebastian Jung gefällt es beim VfL, mit dem er auch höhere Hürden nehmen möchte.

Sie sind nun seit sechs Wochen beim VfL Wolfsburg. Was sind die größten Unterschiede im Vergleich zur Eintracht?

Bei uns ist viel Qualität auf dem Platz. Das ist in jedem Training zu sehen, was in den einzelnen Mannschaftsteilen für ein Potential steckt. Jeder Pass, jede Aktion wird genau beobachtet, aufgezeichnet und ausgewertet ...

...das war in Frankfurt nicht der Fall?

Nein, nicht in dieser analytischen Form. Der Anspruch in Wolfsburg ist aber auch ein ganz anderer, er ist viel höher. Auch das Drumherum hat andere Dimensionen: Gerade jetzt wird noch ein Extragebäude für die Profis gebaut, das befindet sich dann unmittelbar zwischen Stadion und Trainingsplatz: ideal! Beim VfL, das spürt man, soll etwas Großes entstehen.

Neue Kollegen, anderes Training, ungewohnte Taktik – wie schwer fiel die Umstellung?

Überhaupt nicht. Derzeit wohne ich im Hotel, weil die Wohnung, die ich ausgesucht habe, noch renoviert und erst am 1. Oktober frei wird. Aber sportlich fühle ich mich schon durchaus zu Hause. Es ging schnell. Meine Mitspieler und die Betreuer haben es mir leichtgemacht. Außer Maxi Arnold, den ich beim Nationalmannschaftsspiel im Mai in Hamburg getroffen hatte, und Patrick Ochs aus gemeinsamen Frankfurter Zeiten gab es am Anfang niemanden, den ich gekannt habe. Aber auch das ist eine Erfahrung fürs Leben, wenn man irgendwo hinkommt und nicht weiß, was einen erwartet: Wer dann offen für Neues ist und den Leuten freundlich begegnet, hat es leichter.

Gibt es schon etwas, was Sie nach über zwei Jahrzehnten im Rhein-Main-Gebiet vermissen?

Klar: Meine Familie und meine Freunde. Sonst fällt mir jedoch auf Anhieb nichts ein. Sicher, Wolfsburg ist nicht so groß wie Frankfurt, aber auch hier gibt es gute Restaurants und viele Möglichkeiten, seine Freizeit schön zu verbringen.

Die Eintracht hat das erste Spiel gewonnen, Sie haben mit Ihrem Team in München verloren. Die alten Kollegen haben weniger Druck, für Sie ist die Ausgangslage an diesem Samstag besser, oder?

Wir haben gegen die Bayern gut gespielt, hätten es aber sehr gut machen müssen, um mehr zu erreichen. Dennoch können wir gut darauf aufbauen, was wir in München gezeigt haben. Von der Eintracht habe ich gehört, dass die Saisonvorbereitung ein bisschen holprig war. Ihr Spiel gegen Freiburg habe ich im Fernsehen nicht gesehen, aber sie werden durch den Sieg Selbstbewusstsein bekommen haben. Ich erwarte, dass Thomas Schaaf die Mannschaft eher defensiv einstellt und die Spieler weit hinten stehen, um auf Chancen zu lauern. Für uns ist wichtig, dass wir uns durchsetzen. Ich wünsche der Eintracht viel Erfolg, nur nicht in diesem Spiel. Geschenke wird es von mir keine geben.

Sebastian Jung und Jan Kirchhoff - Die beiden Fußballprofis beantworten die Fragen von Ralf Weitbrecht im Wiesbadener I-Punkt-Cafe © Kaufhold, Marcus Vergrößern Seine Familie und Freunde aus der Heimat fehlen ihm: Sebastian Jung, der nun in Wolfsburg kickt.

Sie haben sich in der Vorbereitung trotz eines Muskelfaserrisses einen Stammplatz in der VfL-Abwehr verdient. Für Patrick Ochs, den ehemaligen Frankfurter Kapitän, ist die Situation dadurch noch schwieriger geworden. Wie ist Ihr Verhältnis?

Sehr gut. Wir sind befreundet. Das ist so, seit wir uns bei der Eintracht als Profis kennengelernt haben, und daran wird sich auch nichts ändern. Wir hatten auch nach seinem Wechsel weiterhin regelmäßig Telefonkontakt und haben uns darüber hinaus an spielfreien Tagen getroffen, als er schon nach Wolfsburg gegangen war. Leider ist er momentan schwer verletzt und muss nach seinem Kreuzbandriss die Reha absolvieren.

Ochs, Russ, Chris oder Kyrgiakos – es gibt so manche ehemaligen Frankfurter, die in Wolfsburg ihr Glück suchten, aber nicht fanden. Was macht Sie sicher, dass es Ihnen besser ergeht?

Eine absolute Sicherheit gibt es im Fußball nicht. So viel ist klar. Doch ich habe ein sehr gutes Gefühl. Mir haben Dieter Hecking und Klaus Allofs in vielen Gesprächen vor meinem Wechsel und auch danach den Eindruck vermittelt, dass ich genau der passende Spieler für ihre Pläne bin. Sie zählen auf mich, dieses Vertrauen tut gut, und ich möchte mich dafür mit Leistung bedanken und meinen Beitrag dazu beisteuern, dass die hohen Ziele, die sich der VfL Wolfsburg gesetzt hat, erreicht werden.

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Nach dem Rücktritt von Philipp Lahm gelten Sie für Ihren Trainer Hecking als erster Nachfolgekandidat auf dem Rechtsverteidigerposten im Nationalteam. Wie kommen Sie mit dem Druck klar?

(lacht) Ich mache mir keinen. Sicherlich bin ich auch nach Wolfsburg gekommen, um mich weiterzuentwickeln und für die Nationalmannschaft zu empfehlen. Hier sehe ich bessere Möglichkeiten als in Frankfurt, um oft international zu spielen und persönlich zu reifen. Und wenn mir das gelingt, kann die Nationalmannschaft der nächste Schritt sein. Doch ich bleibe ganz ruhig. Diese Saison ist noch frisch, ich habe gerade eine Partie gegen den FC Bayern ganz ordentlich absolviert, und wenn ich bei der Kadernominierung von Bundestrainer Joachim Löw am Freitag eben nicht dabei sein sollte, geht die Welt auch nicht unter. Es werden danach noch viele Gelegenheiten kommen, um zu zeigen, was man kann.

Abstiegskampf, Mittelfeld oder Überraschungsteam – was glauben Sie als Beobachter aus der Ferne, welche Rolle die Eintracht demnächst spielt?

Schwer zu sagen. Die Mannschaft muss einen Umbruch verkraften, und ich weiß nicht, wie es so zusammenpasst. Natürlich verfolge ich die Entwicklung der Eintracht aber mit viel Sympathie, und ich hoffe, dass sie mit dem Abstieg nichts zu tun bekommt.

Und was wollen Sie mit dem VfL erreichen?

Wir wollen die Ergebnisse der vergangenen Saison bestätigen und möglichst toppen. Da war der Klub im DFB-Pokal-Halbfinale, das heißt, diesmal steht das Endspiel schon auf unserer Wunschliste. Auch in der Europa League wollen wir ein Wort mitreden, und in der Bundesliga, nach dem fünften Platz zuletzt, geht der Blick ebenso nach oben. Der VfL hat anspruchsvolle Ambitionen. Das gefällt mir. Deswegen bin ich hier.

Die Fragen stellte Marc Heinrich.

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