Home
http://www.faz.net/-gzo-12mss
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eintracht-Trainer Funkel „Ich habe noch nie im Leben Angst gehabt“

20.05.2009 ·  Der viel gerügte Eintracht-Trainer Funkel gibt sich kämpferisch. Und bricht eine Lanze für Vorstandschef Bruchhagen: „Wenn er hier nicht mehr die Verantwortung trägt, bricht alles zusammen.“

Von Marc Heinrich und Josef Schmitt
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Eine Grippe war so ziemlich das Letzte, was Friedhelm Funkel in diesen aufreibenden Frühsommertagen gebrauchen konnte. Doch nun hat ihm zu allem Überfluss auch noch die Gesundheit einen schlechten Streich gespielt. Der Coach der Eintracht beließ es am Vormittag bei 75 Minuten Training für die Profis und legte sich dann zum Auskurieren bis auf Weiteres ins Bett. Ob er an diesem Mittwoch die Vorbereitung seiner Mannschaft auf das letzte Saisonspiel zu Hause gegen den Hamburger SV wieder wird planen und leiten können, ist fraglich.

Am Dienstag sah der Fußball-Lehrer reichlich mitgenommen aus. Seiner Lust, um seine Weiterbeschäftigung in Frankfurt zu kämpfen, konnten Husten, Schnupfen und Heiserkeit aber nichts anhaben: „Ich habe noch nie im meinem Leben vor irgendetwas Angst gehabt. Schon gar nicht davor, dass ich meinen Job verlieren könnte“, behauptete der Fünfundfünzigjährige, der im Laufe seiner Trainer-Laufbahn bereits in Duisburg (2000), Rostock (2001) und Köln (2203) die unschöne Erfahrung machte, vor Ende der eigentlich vereinbarten Vertragslaufzeit den Stuhl vor die Tür gestellt zu bekommen.

Schwache Rückrundenbilanz

Überhaupt, so Funkel, sei die bevorstehende Partie, die einige Fangruppen zur ultimativen Abrechnung mit seiner Person nutzen möchten, „ein ganz normales Spiel. Es erfordert keine besonderen Maßnahmen.“ Die Bemerkung, dass es momentan denkbar erscheint, dass aufgrund der unbefriedigenden Rückrundenbilanz auf der Aufsichtsratssitzung am kommenden Montag das Ende seiner Dienstzeit am Main eingeleitet wird, ließ er unkommentiert. Er sagte nur: „Ich habe ein gutes Trainerteam, ich weiß einen guten Vorstand und gute Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle hinter mir – deswegen fühle ich mich in dieser Situation in keinster Weise alleingelassen.“

Funkel nutzte die Gelegenheit vielmehr, um auch noch einmal eine Lanze zu brechen für seinen größten Rückhalt in den vergangenen fünf Jahren bei der Eintracht: Heribert Bruchhagen. Der Ostwestfale, der mit Gelassenheit und Vertrauen so manche Krise mit seinem Vertrauten Funkel meisterte, sei die wichtigste Person für den Traditionsklub: „Egal, wer hier eines Tages Trainer ist. Wenn Bruchhagen nicht mehr die Verantwortung trägt, bricht alles zusammen“, prognostizierte Funkel, „dann haben manche hier ganz schnell Verhältnisse wie vor sieben Jahren.“

Damals, im Anschluss an ein Monate langes Chaos in der Vereinsführung, wäre der Eintracht beinahe die Lizenz für die zweite Liga verweigert worden. Funkel appellierte, bevor er sich zum Genesen in die eigenen vier Wände zurückzog, an die „Vernünftigen bei diesem Verein, dass Bruchhagen auch nächste Wochen noch im Amt ist“. Er deutete damit an – ob bewusst oder ungewollt –, dass auch sein engster Mitstreiter angesichts der unerwarteten Entwicklungen gegebenenfalls mit einer Abberufung durch den Aufsichtsrat rechnen muss oder aber von sich aus einen Schlussstrich unter sein Frankfurter Kapitel ziehen könnte.

Funkel wird Schuld angelastet

Nichts Genaues weiß man nicht. Denkbare Szenarien werden rund um den Klub allerhand diskutiert. Was dabei momentan besonders auffällt: Vor allem Funkel wird von vielen Seiten die Schuld an der sportlichen Misere angelastet. Über die Spieler dagegen, die seit Wochen beharrlich hinter den Erwartungen zurückbleiben, verliert kaum jemand ein böses Wort – auch ihr Vorgesetzter nicht, der spätestens nach den deutlichen Misserfolgen gegen Bremen (0:5) und Bochum (0:2) eigentlich allen Grund dazu hätte. Aber auch für den jüngsten Fehlschlag am vergangenen Wochenende im Ruhrgebiet fand Funkel am Dienstag relativierende Worte.

Die Statistik, so der Rheinländer, bescheinige seiner Elf doch einen ordentlichen Auftritt. „67 Prozent Ballbesitz“ stünden im Protokoll, einzig und allein „an Durchsetzungskraft im entscheidenden Situationen“ habe es gemangelt. Und dies sei eine Spätfolge der Verletzungsmisere. „Ich wiederhole diese Tatsachen gerne“, so Funkel, „weil sie Fakt ist. Auch wenn es niemand hören möchte.“ Funkel sprach von einer „guten Mannschaft“ mit der er gerne zusammenarbeite – am liebsten auch über die Sommerpause hinaus. „Erst kommt das HSV-Spiel, dann kommen die Ferien, und dann geht es weiter“, fasste er seine Aussicht in die nähere Zukunft zusammen. Ob es für ihn dann in Frankfurt weitergeht, ist jedoch mehr als fraglich.

Aktuell keine gute Mannschaft

Denn, auch wenn er es noch so oft betont: Die Eintracht hat aktuell keine gute Mannschaft beisammen – und deswegen hat auch Funkel ein schwerwiegendes, persönliches Problem. Zumindest gelang es ihm zuletzt nicht, eine Formation aufzubieten, die den eigenen Ansprüchen (und denen der Fans) auch nur in Ansätzen gerecht geworden wäre. Zweifel an der Leistungsfähigkeit sind vielfach berechtigt. Gerade bei jenen Akteuren, die sich als sogenannte Leader betrachten – und dafür außergewöhnlich gut bezahlt werden.

Schlechtestes Beispiel ist seit langem Chris Hening. Abermals absolvierte der Brasilianer in diesem Sportjahr nur die Hälfte aller Spiele, diesmal nicht nur aus Verletzungsgründen, sondern auch wegen Sperren. Als Chris gefordert war, auf dem Platz voranzugehen, versagte er auf ganzer Linie. Der allgemein als bester Spieler der Eintracht eingestufte Dreißigjährige half seinem Team so gut wie nie. Potential besitzt zweifellos Patrick Ochs. Doch der Verteidiger musste in Bochum zum dritten Mal in dieser Spielzeit wegen einer Zwangspause passen: Zehn gelbe Karten sah der Möchtegern-Nationalspieler bislang; gegen Bremen flog er wegen eines Fehltritts gegen Mesut Özil, der die Niederlage einleitete, gar vom Platz. Mangelnder Einsatz ist ihm nicht vorzuwerfen – doch mit nunmehr 25 Jahren muss er in Zukunft mehr Besonnenheit an den Tag legen.

„Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen Welten“

Michael Fink dagegen nahm ebenfalls nach dem Wintertrainingslager für sich in Anspruch, fortan zu den Anführern der Eintracht zu zählen. Und so trat er bisweilen auf. Doch mit der Entscheidung, den Verein alsbald zu verlassen, zeigte auch bei ihm die Formkurve deutlich nach unten, während es der Japaner Junichi Inamoto trotz seiner Erfahrung nicht schaffte, mehr als zwei Auftritte auf konstant hohem Niveau zu zeigen. „Es ist der Zeitpunkt gekommen, an dem den Spielern abverlangt werden muss, was sie in Vertragsverhandlungen mit uns sonst immer selbst fordern“, forderte Bruchhagen nach dem Desaster gegen Bremen. „Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen Welten.“ Auch für Marco Russ, Markus Steinhöfer, Alexander Meier oder Mehdi Mahdavikia bietet sich gegen den HSV ein letztes Mal in dieser Runde die Möglichkeit den eigenen Ruf aufzupolieren.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1974, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Perspektivlosigkeit ist Gift

Von Rainer Schulze

Die Zukunft der Wohnungsbaugesellschaft Nassauische Heimstätte ist unklar. Das Land will sich von der Beteiligung trennen - Frankfurt hat die Hand gehoben. Eine Entscheidung tut not. Mehr