18.02.2010 · Markus Pröll will im Tor der Frankfurter Eintracht mal wieder zeigen, was er kann. Aber weil Trainer Michael Skibbe ohne ihn plant und weil er ein teurer Spieler ist, stehen die Zeichen auf Trennung.
Von Marc HeinrichFRANKFURT. Die Bühne, auf der er sich präsentieren kann, ist spürbar kleiner geworden. Was Markus Pröll nicht daran hindert, mit ungebremstem Ehrgeiz seinem Beruf als Fußballtorwart nachzugehen. Wenn seine Kollegen bei der Eintracht vor Zehntausenden Zuschauern um Bundesliga-Punkte kämpfen, sitzt der Dreißigjährige nur noch auf der Tribüne. Der Mann mit dem breiten Kreuz und dem akkurat rasierten Bart ist schon lange nicht mehr erste Wahl, sondern nur noch Stellvertreter des Stellvertreters. Mit anderen Worten: Hinter Oka Nikolov und Ralf Fährmann ist Pröll für Trainer Michael Skibbe dritte Wahl.
An diesem Vormittag ist ihm aber weder Frust noch Enttäuschung über die Degradierung anzumerken. Auf dem kleinen Rasenplatz hinter der Wintersporthalle, auf dem sich die Frankfurter auf das nächste Spiel beim Hamburger SV an diesem Samstag (15.30 Uhr) vorbereiten, werden zwei Dutzend Zaungäste zu Augenzeugen, wie Pröll dank spektakulärer Paraden im Mittelpunkt steht. Die, die jeden Tag die Einheiten beobachten, sagen, so gut sei Pröll eigentlich immer. Er wirft sich den Feldspielern vor die Füße, gibt Kommandos, faustet die Kugel im hohen Bogen aus dem Strafraum und freut sich diebisch darüber, dass dank seiner Mithilfe im abschließenden Torschussspiel die Stürmer den Wettstreit mit den Keepern verlieren.
Weil Nikolov noch immer an den Folgen einer Magen-Darm-Erkrankung laboriert und vor allem Lauftraining absolviert, sind es Pröll, Fährmann und Jan Zimmermann, die mehr Bälle abwehren, als die Angreifer im Netz unterbringen können. Zur Belohnung können die Schlussleute später im Sonnenschein amüsiert zuschauen, wie die Kollegen Liegestütze und Sit-ups absolvieren müssen.
Zuletzt im Hintertreffen
Momente des Hochgefühls wie diese sind selten geworden für Pröll. Bei der Eintracht hat er ziemlich sicher keine Zukunft mehr. Gründe, warum er ins Abseits geraten ist, gibt es mehrere. Sie alle sind für sich genommen nicht gravierend, doch in der Addition ergeben sie eine Lage, die eine Weiterbeschäftigung bei der Eintracht über diesen Juni hinaus nahezu unmöglich erscheinen lässt. Zuletzt geriet Pröll im Wettstreit mit Nikolov um den Posten zwischen den Pfosten entscheidend ins Hintertreffen. Er stürzte im September nach einem Privatspiel in Hofheim beim Schreiben von Autogrammen über ein Mädchen – ihm brach das Schultergelenk. Bis dahin hatte er mit tadellosen Leistungen unter Skibbe seine Ansprüche untermauert.
Was ihm schon seit geraumer Zeit zu schaffen macht, ist sein gestörtes Verhältnis zum Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen. Noch in der Zeit unter Skibbes Vorgänger Friedhelm Funkel gerieten beide aneinander, als Pröll den Teamarzt wegen eines nicht erkannten Rippenbruchs attackierte. Später entzündete sich ein Streit darüber, wann und wie eine Ellbogenblessur am besten behandelt werden sollte. Funkel und Bruchhagen waren der Meinung, es solle in der Sommerpause geschehen, während Pröll auf Rat eines Arztes zunächst eine konservative Behandlungsmethode bevorzugte – und im Laufe der folgenden Hinrunde feststellen musste, dass die Schmerzen zu groß sind. Danach ließ er sich doch operieren und fiel erst einmal aus. Seine Chefs zürnten.
„Die Situation ist nicht einfach“
Wie auch im Herbst 2008, als er ebenfalls nicht zum Zug kam und die Eintracht vergeblich um seine vorzeitige Freigabe bat. Was seinem Leumund ebenfalls schadete, war vor einem halben Jahr ein Interview, in dem er sich nachträglich über Funkels mangelnde Rückendeckung beklagte. Bruchhagen echauffierte sich über den schlechten Stil. Auch deswegen ist Pröll heute bei seiner Wortwahl vorsichtig. „Die Situation ist nicht einfach“, sagte er am Mittwoch. So lapidar, wie sich die Aussage anhört, stellt sich die Lage für ihn aber nicht da. Sie macht ihm zu schaffen. Das wird deutlich bei folgenden Anmerkungen: „Ich habe der Eintracht viel gegeben, und meinen Beitrag zum Aufschwung geleistet. Dieser Klub bedeutet mir mehr, als mancher vielleicht denkt. Ich vermisse ein wenig die Anerkennung. Das schmerzt eigentlich am meisten.“
Mittlerweile trägt er im siebten Jahr das Trikot mit dem Adler auf der Brust. Wann immer er fit war, gab es in seinen bislang 204 Partien in der ersten und zweiten Liga wenig auszusetzen. In der Saison 2007/2008 wählten ihn die Bundesliga-Mitstreiter zum „Besten Torwart der Hinrunde“. Auch deswegen konnte er vor drei Jahren seinen Vertrag zu deutlich verbesserten Bezügen verlängern. „Wir haben alles getan, um ihn zu halten“, betonte Bruchhagen seinerzeit. Es hieß, es sei Pröll und dessen Berater Klaus Gerster gelungen, ein fast siebenstelliges Jahressalär herauszuhandeln. So viel Geld sind seine Dienste dem Verein mittlerweile nicht mehr wert.
„Ich bin nicht schlechter geworden“
Ungeachtet, wie es im Poker um den abwanderungswilligen Nikolov weitergeht, ist die Eintracht nicht gewillt, die Verbindung mit Pröll fortzusetzen. Skibbe signalisierte ihm mehrmals, dass er auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht weiterbeschäftigt werden solle. „Stimmt, ich habe einen guten Vertrag“, habe er daraufhin dem Trainer geantwortet, doch auch angefügt: „Ich habe ihn nicht geschenkt bekommen, sondern mir verdient.“ Die Frage, ob er bereit sei, zu geringeren Bezügen in Frankfurt zu bleiben, stelle sich nicht. „Ich bin nicht schlechter geworden, und in einem Alter, in dem ich unbedingt spielen will.“ Er sei nach wie vor zu sehr guten Leistungen imstande, meint er selbstbewusst. „Auf mich, das zeige ich, ist Verlass.“ Auch wenn es sich dabei um Trainingsstunden handele. Gerade weil es nicht in seiner Hand liege, bleibe ihm „nur die Möglichkeit, so konzentriert wie möglich weiterzumachen, damit ich bereit bin, wenn der Tag X kommt“. Ob bei der Eintracht oder anderswo – „im Fußball geht vieles doch so schnell“.
Skibbe selbst schlug in der Diskussion am Mittwoch einen versöhnlichen Ton an. Der Coach sagte, er stehe zu seiner Entscheidung, dass Nikolov, von dessen Verbleib in Frankfurt er überzeugt ist, trotz stetswiederkehrender Fehlgriffe der Mann seines Vertrauens sei. „Er macht halt mal einen Fehler, wie jeder andere auch.“ Auch beim HSV, dem er mit einem Patzer das 1:1 im Hinspiel ermöglichte, „spielt Oka. Punkt“. Skibbe kündigte aber aber auch an, „dass Markus Pröll nochmal eine Chance bekommt“. Nur der Nachsatz dürfte dem wenige Meter entfernt stehenden Profi kaum gefallen haben: „Ich meine die Chance, sich als Nummer zwei zu empfehlen.“ Die Zeichen stehen auf Trennung.