30.06.2009 · Die Eintracht-Fans, gut 1.000 mögen es am ersten Arbeitstag der Frankfurter Fußballprofis sein, sind angenehme Zaungäste. Die von der Vereinsführung gewünschte Aufbruchstimmung, die mit dem Wechsel von Friedhelm Funkel zu Skibbe einhergehen soll, ist schon jetzt deutlich hörbar. Dabei hat sich grundlegend nichts geändert.
Von Marc Heinrich und Ralf WeitbrechtWelch ein freundliches Publikum. Da plaziert Michael Skibbe ein paar rote Hütchen, und sofort gibt es Szenenapplaus. Die Eintracht-Fans, gut 1.000 mögen es an diesem ersten Arbeitstag der Frankfurter Fußballprofis sein, sind angenehme Zaungäste. Die von der Vereinsführung gewünschte Aufbruchstimmung, die mit dem Wechsel von Friedhelm Funkel zu Skibbe einhergehen soll, ist schon jetzt deutlich hörbar. Dabei hat sich grundlegend nichts geändert. Bis auf zwei Positionen hat es Skibbe mit der alten Mannschaft zu tun, die es in der Vorsaion auf bescheidene 33 Punkte gebracht hat. Auf dem sonnenüberfluteten Trainingsareal an der Wintersporthalle ist davon kaum die Rede.
Der begierige Anhang schaut in die Zukunft, und die heißt für viele Caio. Der Brasilianer, einst bei seiner Ankunft in Deutschland mit einem Schuss „wie ein Kanonenschlag“ gerühmt, hat die Urlaubsperiode in der Heimat scheinbar gut überstanden. Überflüssige Kilos sind nicht zu sehen, und der Südamerikaner genießt es sichtlich, dass die Leute immer wieder seinen Namen rufen. „Caio, Caio.“ Man hätte darauf setzen können, dass gerade der Mittelfeldmann im Fokus der Betrachtungen stehen würde. Schließlich hatte sich schon sein neuer Trainer vorab lobend über die spielerischen Qualitäten geäußert. „Das ist ein sehr guter Fußballer.“
Ambitionen mit der Eintracht
Nicht Caio, sondern Landsmann Chris war der Erste, der um 15.12 Uhr unter dem freundlichen Beifall der Fans um die Ecke bog und zu seinem Arbeitsplatz schritt. Dicht dahinter folgten Faton Toski, Benjamin Köhler und Zlatan Bajramovic. Caio sowie die beiden Zugänge Maik Franz und Ralf Fährmann wahrten zunächst Distanz. Doch als der Brasilianer Caio im Wortsinne Torwart Oka Nikolov während des Trainingsspielchens mit links überlistete und den ersten Treffer des Tages erzielte (der zweite gelang Alexander Meier), gab es wieder Sprechchöre zu hören. Zu Funkels Zeiten undenkbar; zu Beginn der Ära Skibbe scheinbar etwas, an das man sich zumindest bis zum ersten Pflichtspielauftritt im Pokal gegen die Offenbacher Kickers gewöhnen sollte.
Als das erste öffentlichkeitswirksame Training um 16.46 Uhr ausklingt, schreibt Skibbe fleißig Autogramme und sagt später, „dass die Mannschaft einen gut vorbereiteten Eindruck macht“. Verteidiger Patrick Ochs hat erwartet, dass mehr Trubel als sonst sein würde. Doch er sagt auch, „dass wir erst einmal schauen sollten, was uns unter Skibbe Neues erwartet. Aber er ist ja auch deshalb geholt worden, um das schwache Ergebnis von zuletzt 33 Punkten hochzuschrauben.“ Schon zur Mittagszeit hatte Skibbe im Vereinsmuseum noch einmal Stellung zu seinen Ambitionen mit der Eintracht bezogen. „Die Fans erwarten attraktiven Kombinationsfußball von uns“, sagte er bei seinem Auftritt inmitten von Erinnerungsstücken an den Meisterschaftstriumph 1959, „wir möchten diesem Anspruch vom ersten Anstoß an gerecht werden.“
Bruchhagen: „Schwere Zeiten“
Die künftige Eintracht, so umriss er sein Ziel, „wird jedem Gegner alles abverlangen“. Seine Leute sollten vor allem in den Heimspielen nach vorne spielen und den zuletzt leidgeprüften Anhang aufs Neue begeistern. Doch die dazu nötigen Verstärkungen hat der Tabellendreizehnte der vergangenen Saison immer noch nicht gefunden. Skibbe nahm an der Seite des Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen daher auch zu den Problemen Stellung, die sich jüngst auf dem Transfermarkt ergaben. „Die finanziellen Bedingungen sind für alle schwieriger geworden, doch wir suchen weiter nach Alternativen, um Spieler zu finden, die uns weiterhelfen.“ Beim Trainingsauftakt am Nachmittag konnte Skibbe mit Torwart Fährmann (Schalke 04) und Abwehrspieler Franz (Karlsruher SC) lediglich zwei Zugänge begrüßen.
Die Frankfurter haben ihren Lizenzspieleretat für die kommende Runde um 2,5 Millionen auf eine Summe von rund 25 Millionen Euro reduzieren müssen und sind bei der Suche nach Ersatz für die abgewanderten Michael Fink (Besiktas Istanbul) und Junichi Inamoto (Stade Rennes) als Schnäppchenjäger gefragt. „Gerade im defensiven Mittelfeld haben wir Handlungsbedarf“, sagte Skibbe. „Auf diesen Positionen wollen wir schnell fündig werden, denn wir möchten unseren Spielstil ändern und es braucht Zeit zur Eingewöhnung.“ Bruchhagen mahnte, die Erwartungen trotz der spürbaren Aufbruchstimmung nicht zu groß werden zu lassen. „Ich gieße ungern Wasser in den Wein. Aber wir stehen vor schweren Zeiten. Es ist viel schwieriger, als man glaubt, neue Spieler zu verpflichten, zumal überraschende Geldabflüsse hinzugekommen sind“, lautete Bruchhagens ernüchterndes Zwischenfazit.
Reduzierter Kader
Damit spielte er auf eine Ausschüttung von 1,2 Millionen Euro aus dem im Vorjahr durch die Fußball AG erwirtschafteten Gewinn in Höhe von 2,8 Millionen Euro an den Gesamtverein an, der die Mehrheit der Anteile hält. Diese Zahlung sorgt aktuell hinter den Kulissen für Aufregung. Zudem kommt den Klub der anfangs als freiwilliger Abtritt verkaufte Rückzug von Friedhelm Funkel teuer zu stehen. Der Trainer muss vorerst bis Sommer 2010 weiterbezahlt werden – sofern er nicht vorher einen neuen Arbeitgeber findet. Danach schaut es momentan nicht aus. Auch die Hoffnung auf Einsparungen bei den Profigehältern erfüllte sich bis heute nicht. „Wir hatten geglaubt, uns von zwei, drei Spielern trennen zu können, ohne spielerische Substanz zu verlieren. Das ist uns nicht gelungen“, sagte Bruchhagen, der namentlich Mehdi Mahdavikia als Streichkandidaten nannte.
Am liebsten wäre es Bruchhagen, wenn der aktuell 28-köpfige Kader alsbald aus Kostengründen um drei Mann reduziert würde; bislang wurde nur Alexander Krük für ein Jahr an den VfL Osnabrück ausgeliehen. Offen ist die Zukunft von Marcel Heller, der wegen einer Kniegelenkverletzung vorerst ausfällt. Immerhin ist seit Montag die Personalie Armin Reutershahn geklärt. Der ehemalige Assistent von Funkel löste seinen bis 30. Juni 2010 gültigen Vertrag bei der Eintracht auf und wird neuer Assistent von Michael Oenning beim Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Nürnberg.