Home
http://www.faz.net/-gzo-6rr1t
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Eintracht Frankfurt Zwei Tore und ein Kunststück

28.09.2011 ·  Idrissou steuert in Dresden nicht nur Treffer bei, sondern brilliert mit etwas, was bei der Eintracht bislang nicht vielen glückte: Er bringt Gekas zum Lachen.

Von Marc Heinrich, Dresden
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Mohamadou Idrissou ist schon jetzt ein Gewinn für die Eintracht. Im dritten Spiel für den Klub gelangen dem Stürmer aus Kamerun beim 4:1 in Dresden die Treffer vier und fünf. Die Eingewöhnung Idrissous in Frankfurt gestaltet sich also weitgehend komplikationslos. „Ich fühle mich sehr wohl“, sagte er, „so kann es weitergehen.“ Idrissou, von dem die Kollegen berichten, er sei ein heiterer Zeitgenosse, gelang kurz nach seinem Doppelpack in der Schlussphase gegen Dynamo (84. und 87. Minute) ein weiteres Kunststück, das noch nicht vielen bei der Eintracht geglückt ist: Er brachte Theofanis Gekas zum Lachen.

Noch im Anstoßkreis, nach dem Händeschütteln mit den Verlierern, deren teilweise gewaltbereite Fans die Fassung verloren und nur durch einen massiven Polizeieinsatz vom Stürmen des Rasens abgehalten werden konnten, legte der 1,91 Meter große Idrissou kameradschaftlich den Arm um die Schultern des zwölf Zentimeter kürzeren Kollegen, und beide hatten bei ihrem Plausch offensichtlich Spaß: Selbst Griesgram Gekas strahlte übers ganze Gesicht. Der Grieche, der in Dresden mit seinen Kopfballtoren in der 35. und 41. Minute die Führung der Hausherren durch Cristian Fiel (31.) drehte, habe ihm versprochen: „Das nächste Mal machen wir es umgekehrt: Ich treffe mit dem Fuß und du mit dem Kopf.“ Der kommende Gegner der durch den vierten Auswärtssieg auf den dritten Tabellenplatz vorgerückten Hessen heißt Union Berlin. Es bleibt nicht viel Zeit, um sich von der Anstrengung in Sachsen zu erholen, denn schon an diesem Freitag steht für die noch immer ungeschlagene Eintracht diese Heimpartie an (18 Uhr). Wovor Idrissou überhaupt nicht bange ist: „Das kann wieder ein Highlight werden, denn wir sind schon sehr gut.“ Was auch Ralf Loose, der Trainer der Dresdner, genauso anerkennend kommentierte. „Der Sturm der Eintracht ist klasse, gegen die kann man gar nicht alles verhindern.“ Sein Frankfurter Pendant, Armin Veh, hatte sich zum ersten Mal „auf das Bauchgefühl verlassen“ und für eine Variante mit zwei Stürmern entschieden, „weil wir dann schwerer auszurechnen sind“. Sein Taktikexperiment, mit einem „Großen“ (Idrissou) und einem „Kleinen“ (Gekas) die doppelten Verteidigungsreihen aufzumischen und zu durchdringen, ging bestens auf.

Weniger Mut machten die Begleitumstände der Partie in Dresden

Während Dynamo hauptsächlich damit beschäftigt war, den laufstarken Idrissou, der immer wieder auf die Flügel auswich, bei jedem Vorstoß mit zwei Aufpassern zu doppeln und ihn auch bei Standardsituationen in Manndeckung zu nehmen, taten sich für den wie üblich auf seine Chance im Strafraum lauernden Gekas zwangsläufig Freiräume auf. „Sie haben uns nicht kontrollieren können“, stellte Veh hinterher erfreut fest. Was ihm ebenfalls behagte, dass die „Arbeit in der Zentrale immer besser funktioniert, denn wir sind in unserer Entwicklung weiter“. Langsam, aber sicher würden die „Automatismen greifen“, das Quartett Sebastian Rode, Pirmin Schwegler, Alexander Meier und Benjamin Köhler wisse mittlerweile, wie es in der Rückwärtsbewegung geschickt die Lücken schließen müsse, um sogleich nach der Balleroberung das Tempo zu verschärfen und auf Angriff umzuschalten. „So wollen wir unser Spiel durchbringen“, sagte Veh, „und wir orientieren uns dabei nicht am Gegner.“ Insbesondere die zweite Halbzeit gefiel ihm durchweg als „richtig souveräne Leistung“; nachdem es zuvor keine Veranstaltung für Ästheten gewesen war, weil die Dresdner, angetrieben von ihrem enthusiastischen Publikum, Fußball mit einem Maximum an körperlichem Einsatz arbeiteten und die Eintracht mit einer Mischung aus Routine und individueller Stärke kräftig dagegenhielt.

Kapitän Schwegler bezeichnete die eigene Vorstellung als aussagekräftigen Fingerzeig, der das Potential der Mannschaft deutlich gemacht habe. „Eindrucksvoll“, so der Vierundzwanzigjährige, „haben wir Klasse bewiesen.“ Vor allem die Tatsache, dass „wir beim Rückstand Ruhe bewahrt und geduldig auf unsere Chancen gewartet haben“, wertete er als Indiz für eine inzwischen hinzugewonnene Reife: „Wir wussten, irgendwann brechen die Dresdner ein und dann schlagen wir mit unserer Qualität in der Offensive zu.“ Die Erfolgsserie mit neun Spielen ohne Niederlage sei umso höher zu bewerten, wenn „man schaut, gegen welche Mannschaften wir die Punkte geholt haben“, meinte Schwegler. „Noch ist nichts erreicht“, ergänzte er, „aber wenn wir diese Ausbeute beibehalten, sind wir zum Schluss ganz oben dabei.“ Für den ansonsten zurückhaltenden Schweizer Nationalspieler war diese Prognose eine außergewöhnlich forsche Ankündigung. Doch spätestens seit dem Mut machenden Abend von Dresden scheint auch er zu ahnen, dass ihnen in dieser Saison tatsächlich gelingen könnte, was sie sich vorgenommen haben.

Weniger Mut machten die Begleitumstände der Partie in Dresden. Nach Spielende war es außerhalb des Stadiongeländes zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen. Dabei wurden drei Polizisten verletzt. Beamte seien in der Stadt unter anderem mit Flaschen beworfen worden, hieß es in einer Mitteilung der Polizeidirektion der sächsischen Landeshauptstadt. Die Ordnungshüter, die mit über tausend Mann im Einsatz waren, nahmen neun Fans vorübergehend fest. Chaotische Szenen spielten sich vor allem ab, als über zweihundert teilweise vermummte Dynamo-Hooligans die Abreise der Frankfurter Anhänger am Hauptbahnhof gestört und dabei Scheiben an Bussen eingeworfen und mit Pyrotechnik auf die Zugwaggons geschossen hatten.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1974, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge

Das streift das Absurde

Von Peter Lückemeier

Die Landesregierung behält Ergebnisse von Meinungsumfragen für sich. Es lassen sich viele gute Gründe finden, warum das Unbehagen darüber nicht auf die SPD beschränkt bleiben muss. Mehr