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Eintracht Frankfurt Unbekannte Meister

22.03.2010 ·  Eine Notelf stürzt den großen FC Bayern: Die Eintracht bietet ein überraschendes Schauspiel – und ein mitreißendes Finale. Das 2:1 ist ein Sieg der Respektlosigkeit.

Von Marc Heinrich, Frankfurt
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Mit nur einem Sieg ist die Eintracht plötzlich in eine andere Fußball-Gewichtsklasse aufgestiegen. Zumindest für den Verlierer, der von der Leidenschaft, mit der die Frankfurter für die größte Überraschung des 27. Spieltags sorgten, völlig überrumpelt war. Louis van Gaal, dem hinterher beim Einordnen der 1:2-Niederlage des FC Bayern ähnliche Schwächen unterliefen wie seiner leidenschaftslosen Elf zuvor auf dem Platz, verstieg sich mit Blick auf die Gewinner zu einem tollkühnen Vergleich: „Die Frankfurter“, so die Einschätzung des niederländischen Trainers, hätten gespielt „wie Inter Mailand beim Sieg am Dienstag in der Champions League gegen Chelsea“. Hört, hört. Und auch Christian Nerlinger, der Sportdirektor des schwächelnden deutschen Rekordmeisters, zeigte bei seiner Analyse keine Scheu vor gewagten Metaphern: Im Misserfolg gegen den über sich hinauswachsenden Außenseiter sah er Parallelen zum Last-Minute-Scheitern der Münchner 1999 im Finale der „Königsklasse“: „Das hatte heute etwas vom Manchester-United-Syndrom.“

So viele höfliche oder verklausulierte Komplimente aus berufenem Munde – den Hessen, die ihren Gegner, 51 500 Zuschauer und sich selbst mit einer kaum für möglich gehaltenen Darbietung verblüfften, war eine derartige Lobhudelei schon länger nicht mehr zu Ohren gekommen. Umso besser gefiel sie ihnen. „Da wird die Brust schon ein Stückchen breiter“, sagte ein grinsender Marcel Heller mit nacktem Oberkörper im Kabinengang, nachdem er sein Trikot einem Fan geschenkt hatte. Der Vierundzwanzigjährige gehörte zu den vierzehn Frankfurter Akteuren, die in den vorangegangenen anderthalb Stunden beeindruckt hatten – nachdem er bis dato in dieser Saison nur zweimal für wenige Sekunden als Einwechselspieler mitmachen durfte. Auch ihm war die Anerkennung seines Vorgesetzten, mit dessen Entscheidungen er zuletzt nicht immer einverstanden war, gewiss: „Alle Jungs waren klasse, ich bin mächtig stolz“, sagte Michael Skibbe mit ruhiger Stimme, die in dem ausgelassenen Trubel, der nach dem Schlusspfiff die Frankfurter WM-Arena in ein Tollhaus verwandelte, beinahe unterging. Dabei war es gerade für den Coach in Wirklichkeit viel mehr: Nach zwölf Jahren glückte ihm endlich der erste Erfolg in seiner Trainerkarriere gegen die Münchner. So wurde mit dem Coup nicht nur die Vereinschronik der Eintracht um ein eindrucksvolles Kapitel bereichert. Dieser die Mehrzahl der Besucher mitreißende Nachmittag wird mit den Namen der von ihm eingewechselten Torschützen Juvhel Tsoumou (87.) und Martin Fenin (89.) in Erinnerung bleiben. Aber eben auch mit seiner Person – und auch deswegen dürfte es sich für ihn am Standort Frankfurt auf absehbare Zeit leichter arbeiten lassen.

„Angriff ist die beste Verteidigung“ sagte der Trainer - und alle Spieler folgten

Es war ein verdienter Frankfurter Triumph, darüber gab es später keine zwei Meinungen. Und es war Skibbes Geniestreich. Er hatte eine mutige Marschroute gewählt, die ihm im Falle des Scheiterns vermutlich vorgehalten worden wäre. Zur Erinnerung: Verzichten musste er auf die gesperrten Maik Franz, Patrick Ochs und Selim Teber sowie die Patienten Ioannis Amanatidis, Nikos Liberopoulos und Zlatan Bajramovic. Viel schlechter hätte die Ausgangslage also kaum sein können. Doch trotz der Personalmisere ließ er auch den im Winter gekommenen amerikanischen Defensivallrounder Ricardo Clark entgegen vorheriger Ankündigung auf der Bank. Stattdessen vertraute er in der Not nach zuletzt drei Niederlagen in Serie mit Heller und Caio zwei jungen Männern, die in der Vergangenheit nicht eben durch Heldentaten von sich reden machten und sich in der zweiten Reihe eingerichtet hatten. Und dennoch kam ein mit Enthusiasmus, aber auch unvermuteter spielerischer Klasse herausgearbeitetes Ergebnis zustande, das fortan zu den Sternstunden der 111-jährigen Klubhistorie gezählt wird.

Skibbe gab vor dem Anpfiff eine Parole aus, die jeder seiner Männer fortan mit Leben erfüllte: „Angriff ist die beste Verteidigung.“ Sie hielten sich auch nach dem frühen Rückstand durch Miroslav Klose (6.) an die Maßgabe, die dem trägen Tabellenführer nicht behagte. Die Münchner wurden ständig von einem Eintracht-Team attackiert, das am oberen Limit seiner Schaffenskraft agierte – und der unaufhörliche Druck zeigte die gewünschten Folgen: Bei den Bayern reihte sich ein Fehler an den nächsten. Altintop, Caio, Köhler, Schwegler, Meier und Jung besaßen beste Tormöglichkeiten, scheiterten aber an Keeper Hans-Jörg Butt, einem Verteidiger auf der Linie oder zielten knapp vorbei. „Die hätten fünf, sechs Stück kriegen können“, meinte der Frankfurter Abwehrboss Chris im Überschwang.

Jung war „herausragend“

„Ich wollte ein Signal ausgeben, ich wollte, dass wir nach vorne spielen“, erläuterte Skibbe. „Kompliment, wie die Mannschaft dies umgesetzt hat. Sie war tapfer, selbstbewusst und hat sich endlich mal gegen einen großen Gegner nicht ins Hemd gemacht.“ Auch Vorstandschef Heribert Bruchhagen reihte sich in die Schar der Gratulanten ein. „Das war hochgradig erfreulich. Die Entscheidung, den Bayern nicht durch Körperlichkeit beikommen zu wollen, war richtig.“ Das spielerische Element habe den Ausschlag gegeben, meinte Bruchhagen. Und die bessere Qualität hatten erstaunlicherweise die Frankfurter zu bieten. Druck erzeugten sie insbesondere über den rechten Flügel, wo Heller und Sebastian Jung ihren mit zunehmender Dauer bemitleidenswerten Aufpassern David Alaba und Danijel Pranjic immer wieder davonsprinteten. „Ich habe im Training Gas gegeben und auf meine Chance gehofft“, sagte Heller, der eindrucksvoll ins Rampenlicht drängte. Sein Vertrag läuft im Sommer aus. Ob es eine Zukunft am Main für ihn gibt, scheint trotz der Galavorstellung schwer vorstellbar. „Natürlich freue ich mich für ihn“, sagte Bruchhagen, dem sichtlich behagte, dass ausgerechnet einige der von ihm als Manager verpflichteten und zuletzt als Fehlgriff gehandelte Profis diesmal überzeugten. „Ich wünsche Marcel, dass er so weitermacht – ob in Frankfurt oder anderswo.“

Besser stehen die Aussichten für den erst 19 Jahre alten Jung, der auf einem vernünftigen Weg ist, sich als als Verteidiger bei der Eintracht zu etablieren. „Er war herausragend“, pries Skibbe den gelernten Bäcker aus Königstein. Auch dank dessen Laufstärke ging der Schachzug, die Bayern hauptsächlich auf ihrer vorab als Schwachstelle auserkorenen linken Seite in die Bredouille zu bringen, so gut auf. Die Flanken-Bilanz hieß nach dem Abpfiff 20:1 – für die Frankfurter wohlgemerkt. „Heute hat man gesehen, was sich mit Mut und Schnelligkeit alles erreichen lässt“, sagte Skibbe zufrieden. Selbstverständlich sei Glück im Spiel, wenn kurz vor Schluss die Entscheidung fällt, bestätigte er. Das Happyend nannte er jedoch, ganz jugendlich, „megaverdient“. Und auch die Bayern widersprachen nicht. Von der besten Saisonleistung mochte der Trainer dagegen nicht reden: „Das war die Partie in Dortmund.“ Und überhaupt: Überrascht habe ihn seine Mannschaft nicht. Er sei vielmehr in der Vergangenheit überrascht gewesen, dass sie nicht öfter auf diesem Niveau agierte. Es klang ein wenig vermessen – doch an diesem Samstag konnte er sich das leisten.

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