11.07.2008 · Am Mitwoch gab´s für Ümit Korkmaz ein Sondertraining mit dem Wonneproppen Caio. Aber nur, weil er frisch bei der Eintracht eingetroffen war. Wie der Meisterspieler aus Österreich im Trainingslager in Zell sich bei seinem neuen Arbeitgeber einlebt und bestens zurechtfindet.
Von Ralf WeitbrechtErst rodeln, dann radeln. Es ist ein doppelter Akt von Spontaneität, denn am Tag der großen Bergtour – das Wort von der „Königsetappe“ macht die Runde – schwingt sich auch Eintracht-Trainer Friedhelm Funkel, der ursprünglich Bodenhaftung bewahren wollte, in den Sattel eines Mountainbikes. Mehr noch: Bevor es für die Frankfurter Fußballprofis mit der Kreuzjochbahn hoch auf 1800 Meter geht, dürfen sich die Eintracht-Spieler und ihre Betreuer rodelnd erfreuen. Was ein wenig hochtrabend „Arena Coaster“ heißt, sorgt jedenfalls für Gaudi. Dass später dann sogar von der Rosenalm kommend auf dem Schmankerlweg geradelt wird, passt zu diesem sonnigen Arbeitstag. „Hut ab vor dem Trainer“, lobt nach der Rückkehr Verteidiger Patrick Ochs, der ebenso wie der Rest der Mannschaft von Funkels Leistung angetan ist. Der Trainer selbst kann es kaum glauben, „dass ich das geschafft habe“. Als Zeichen der Anerkennung gibt es Beifall.
Auch in Zell, auf 590 Meter, gibt es gleichzeitig ein paar Schmankerl zu sehen und zu hören. Zwei Spieler, ein Trainer. Es ist ein bislang einmaliges Bild, das sich am Donnerstag Vormittag den wenigen Betrachtern im Zeller Parkstadion bietet. Eintracht-Assistenztrainer Armin Reutershahn beschäftigt mehr laufend als kräftigend und dehnend den weiter an sich arbeitenden Caio sowie Neuzugang Ümit Korkmaz. Der 22 Jahre alte Österreicher, am Vorabend von seinem Berater Max Hagmayr aus Wien nach Zell chauffiert, stellt sich einer ersten Formüberprüfung. Eigentlich hätte der Meisterspieler von Rapid Wien absprachegemäß noch bis 17. Juli im Urlaub bleiben können. „Doch drei Wochen sind genug.“ Korkmaz, der Wiener mit türkischen Wurzeln, kann es kaum erwarten, Kontakt mit seinen Kameraden zu haben. Trainer Funkel schickt ihn auf ein Zimmer mit Markus Steinhöfer. „Ausgerechnet der Steini“, sagt Korkmaz. Vor wenigen Wochen noch standen sich beide in der österreichischen Bundesliga gegenüber, als Rapid Red Bull Salzburg eine Lektion erteilte und auswärts 7:0 siegte. Als die Wiener nach 26 Minuten schon 4:0 führten, wurde Steinhöfer entnervt ausgewechselt. Sein Gegenspieler damals: Korkmaz.
„Ü, ü, ü, ü, ü“
Nun machen der flinke Außendribbler und der fleißige Allrounder gemeinsame Sache. Korkmaz ist froh, dass aus der ersten Kontaktaufnahme Ende April schnell ein festes Arbeitsverhältnis mit der Frankfurter Eintracht geworden ist. „Schon vor der Europameisterschaft wollte ich Klarheit haben“, sagt er. „Ich wäre sonst zu unsicher und zu nervös gewesen.“ Im österreichischen Nationalteam zeigte der Linksfuß in den drei Vorrundenspielen durchweg gute Leistungen. „Vielleicht lag es daran, dass ich einen klaren Kopf gehabt habe“, sagt er rückblickend. „Ich bereue es jedenfalls nicht, mich früh die Eintracht entschieden zu haben.“ Warum ausgerechnet Frankfurt? Für den Jungen aus dem „Beserlpark“, der das fußballerische Rüstzeug in eben diesen Wiener Bolzplätzen mit Betonboden gelernt hat, war auch ein Erlebnis aus der Kindheit prägend. „Die Eintracht hat einmal im Uefa-Pokal in der Türkei bei Samsumspor gespielt. Das habe ich nicht vergessen.“ Samsum, das ist der Ort, in dem seine Großmutter lebt und in dem er vor kurzem erst eine Woche Urlaub verbracht hat. „Außerdem genießt die deutsche Bundesliga einen guten Ruf bei uns“, fügt er an.
„Ü, ü, ü, ü, ü“ - noch jetzt bekommt Ümit Korkmaz eine Gänsehaut, wenn er von diesen Rufen erzählt, mit denen ihn die Fans bei der Europameisterschaft gefeiert haben. Eine ähnliche Sympathiebekundung erhofft er sich auch für seine Zeit in Frankfurt. Um sicherzugehen, dass es richtig gewesen ist, sich für vier Jahre an die Eintracht zu binden, war Korkmaz zweimal am Main. Besonders beeindruckt hätte ihn dabei der Besuch des letzten Saisonspiels gegen Duisburg. „Das war eine super Stimmung“, erinnert er sich, „und auch Markus Weissenberger hat mir dann bei der Euro erzählt, dass auf mich eine junge Mannschaft mit einem super Klima warten würde“.
„Ich bin ein Spätentwickler“
Kurios: Ümit Korkmaz musste lange warten, ehe überhaupt feststand, dass er sein Auskommen eines Tages im Profifußball haben würde. „Ich bin ein Spätentwickler. Bis achtzehn war ich noch klein und im Käfig“, sagt Korkmaz, der gemeinsam mit der Familie im 14. Bezirk, unweit von Schloss Schönbrünn, gelebt hat. „Doch auf einmal bin ich größer und besser geworden.“ Und damit ein Fall für Rapid. Die Wiener Talentspäher entdeckten Korkmaz, banden ihn an sich und ließen ihn zunächst bei den Amateuren spielen. Korkmaz besuchte die Sporthandelsschule, dachte an sein fußballerisches Vorbild Ronaldinho, arbeitete emsig an der eigenen Weiterentwicklung - und fand sich im späteren Meisterteam wieder.
Angesprochen auf seine Ziele, übersetzt der stürmische Eintracht-Zugang seinen Namen: „Ümit heißt Hoffnung, und Korkmaz heißt furchtlos.“ Der gebürtige Wiener weiß, dass das Gedränge um die Stammplätze bei der Eintracht groß ist. Doch er will kämpfen. „Im Spiel zwinge ich meine Gegner zu Dribblings“, schätzt er eine seiner Stärken an. Ob er seine Rolle dabei als Mittelfeldspieler oder als Stürmer sieht, ist ihm egal. „Ich bin Mittelfeldstürmer. Ich will einfach immer nur Vollgas geben.“ Am Samstag kann Korkmaz eine Kostprobe seines Könnens liefern. Im einzigen Testspiel während der Zillertaler Trainingswoche wartet die drittklassige WSG Wattens auf die Eintracht. Geradelt und gerodelt wird bis dahin nicht mehr.