29.01.2010 · Abpfiff für die Integrationsfigur: Schon mit 28 Jahren muss Christoph Preuß die Karriere beenden. Sein Körper hält den Belastungen nicht mehr Stand. Eine Zukunft bei der Eintracht hat er trotzdem.
Von Ralf WeitbrechtEs ist 13.50 Uhr, als Christoph Preuß mit fester Stimme spricht und ihm der bedeutungsschwere Satz über die Lippen kommt: „Ich habe meinen Traum verlängert, aber jetzt ist er zu Ende. Ich beende meine Karriere.“ Stille im Presseraum der Frankfurter Arena. Heribert Bruchhagen, der neben dem 28 Jahre alten Fußballprofi der Eintracht sitzt, hat Schwierigkeiten, seine Tränen zu unterdrücken. „Ich bin enttäuscht“, sagt Preuß. „Aber Verletzungen sind unvermeidlich und Schicksal.“ Das Schicksal des in Frankfurt bei Verantwortlichen und Fans hochgeschätzten Hessen aus Gießen: das rechte Knie.
Viermal schon wurde dort operiert, zuletzt auf Preuß‘ Kosten bei Richard Steadman in Colorado, der Kapazität schlechthin. Doch nun dieser Anriss des Meniskus. Zudem die Gewissheit, dass sich ganze Knorpelteile abgelöst haben. „Wenn es eine Kleinigkeit, zum Beispiel eine gebrochene Nase gewesen wäre, hätte ich alles drangesetzt und mich operieren lassen, um meine Karriere fortzuführen. Aber so nicht. Es ist das Beste so“, sagt Preuß, noch immer gefasst, noch immer Herr seiner Worte, die so klar, so eindeutig kommen und unter den vielen Anwesenden für Sprachlosigkeit sorgen.
Rückhalt bei Frau und Tochter
Ende einer Karriere. Abpfiff für einen, den Trainer Michael Skibbe als „Integrationsfigur“ bezeichnet. „Für die Mannschaft, für die Eintracht, für das ganze Umfeld.“ Skibbe hat Recht. In all seinen Frankfurter Jahren hat Preuß für seine Eintracht mit Herzblut gespielt. Hat sich nach Rückschlägen immer wieder herangekämpft. Hat Rückhalt bei seiner Frau („Sie hat mich täglich gepflegt“) und seiner kleinen Tochter gefunden. Hat jüngst sogar tiefgreifende Erlebnisse bei seinen Comebackversuchen gehabt. Hier der Einminutenauftritt in Hoffenheim, „der mich überglücklich gemacht hat“. Dort die „sehr guten“ vierzig Minuten beim jüngsten 1:1 in Nürnberg. „Da hat Christoph noch einmal einen schönen Abschied gehabt“, sagt sein Trainer.
Gerade Skibbe hatte sich nach seinem Dienstantritt in Frankfurt auf die Zusammenarbeit mit Preuß gefreut. Kennen- und schätzengelernt hatten sich die beiden einst bei der U 20-Weltmeisterschaft in Argentinien. Ein gutes halbes Jahr nur durften beide gemeinsame Sache machen. „Christoph genießt einen unglaublichen Stellenwert“, sagt Skibbe an diesem Donnerstag, der unterschiedlicher nicht sein könnte. Hier das Karriereende eines verdienten und charaktervollen Profis. Dort der von großem Medieninteresse begleitete Dienstantritt von Halil Altintop, der nach sechs Monaten relativer Beschäftigungslosigkeit auf Schalke nun in Frankfurt einen stürmischen „Neuanfang“ starten will. „Die Eintracht ist besser als viele andere Bundesligisten“, sagt Altintop. „Hier kann ich mich zeigen und beweisen, was ich kann.“
Gast der turnusgemäßen Vorstandssitzung
Selbst als Skibbe von dem bevorstehenden Heimspiel gegen den 1. FC Köln spricht und davor warnt, „dass wir gegen eine sehr konterstarke Mannschaft auf der Hut sein müssen“, geht es noch um Preuß. Kein Zweifel: Der junge Familienvater hat Spuren hinterlassen. „Es ist wirklich ein großer Schlag für ihn und für uns“, sagt Skibbe bedauernd. „Doch er bleibt vollwertiges Mitglied unseres Teams.“ Bis zum letzten Tag. Bis zum Ende des Arbeitsvertrages am 30. Juni 2010. Und dann? Folgt Leere?
Eben weil sich Preuß großer Wertschätzung bei allen erfreut, die mit der Eintracht sympathisieren und für den Klub arbeiten, wird er nach dem abrupten Ende seiner aktiven Zeit eine gute Zukunft haben. Schon am kommenden Dienstag wird Preuß Gast der turnusgemäßen Vorstandssitzung der Eintracht Frankfurt Fußball AG sein. Dort, sagt Chef Bruchhagen, wolle man „ganz unaufgeregt Dinge besprechen“. Sie dürften für Preuß von Vorteil sein. Eine Anstellung unter dem Dach der Eintracht ist durchaus denkbar.